WM-Neuling Angola Der Sieg ist gewiss

Für Angola ist es das wichtigste Spiel überhaupt. Wenn das Team morgen seine WM-Premiere ausgerechnet gegen die einstige Kolonialmacht Portugal bestreitet, wird es nicht nur um drei Punkte gehen. Ortsbesuch in einem angolanischen Dorf zwischen Fußball, Minen und Bier.

Aus Oncocua in Angola berichtet Oliver Lück


Oncocua - Der Tag, an dem für Manuel Farrusco "das Wunder" geschieht, ist der 9. Dezember 2005. An diesem Freitag sitzt der Wirt gemeinsam mit rund 60 Gästen abends in seiner schummrigen Kneipe. Alle starren auf einen alten Farbfernseher – eines von zwei TV-Geräten im ganzen Dorf. Die Stimme des 41-jährigen Farrusco überschlägt sich, als er davon erzählt, wie Johan Cruyff damals in den zweiten Lostopf griff und Angola in die portugiesische Gruppe loste. "Es war, als würde das Land für einen Moment aufhören zu atmen", beschreibt er. "P-O-R-T-U-G-A-L gegen A-N-G-O-L-A", sagt er noch einmal und betont dabei jeden einzelnen Buchstaben, um der enormen Bedeutung dieser Worte eine zusätzliche Wichtigkeit zu verleihen.

Auch heute noch, Monate nach der Auslosung von Leipzig, zittert seine Stimme dabei. Selbst im hintersten Winkel des Landes – Oncocua liegt abgeschnitten von jeglicher Zivilisation mitten im angolanischen Nichts – ist die Aufregung vor "dem für uns größten Spiel aller Zeiten" (Farrusco) riesig. Nie hätte jemand für möglich gehalten, dass sich die "Palancas Negras" – die schwarzen Antilopen – überhaupt einmal für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren könnten. Und nun ausgerechnet die Portugiesen. Die Portugiesen, die über 400 Jahre lang das angolanische Volk unterwarfen. Die Portugiesen, die Mitte der Siebzigerjahre Angola sich selbst und dem Krieg überließen. Ausgerechnet die Portugiesen, die noch heute vom Reichtum ihrer einstigen Kolonie profitieren.

Unweit der Kneipe jagen barfüßige Jungen in der Abenddämmerung einen Ball über den mit Glasscherben übersäten Bolzplatz – etwa 44 mit T-Shirt gegen 52 oben ohne. Hunderte von Fledermäusen fliegen wie Vampire über das kleine Spielfeld. Die Männer und jungen Burschen sind zu jeder Tageszeit hier. Am Morgen vor der Arbeit. Am Mittag, egal, wie heiß es ist. Am Abend, ganz gleich, wie stark es regnet. Wie alle hier ist auch der elfjährige João ein Kind des Krieges. Sein Vater wurde getötet. Da war er sechs. Seine Mutter ist irgendwo, wo er nicht ist. Manchmal schlagen seine Erinnerungen ein wie Blitze. Dann weicht sein Lachen für einige Sekunden aus seinem Gesicht und er sieht aus, als hätte er schon ein ganzes Leben hinter sich. Er trägt ein zerschlissenes Trikot des FC Porto und einen durchlöcherten Schuh, der ihm viel zu groß ist. Er ist ein guter Kicker. Doch João könnte noch besser sein - wäre er vorsichtiger gewesen.

"Verlasse niemals die Wege!", heißt in Angola die oberste Regel des Lebens. Eltern bläuen sie jeden Morgen ihren Kindern ein, Geschwister reden sich gegenseitig ins Gewissen, Freunde warnen sich untereinander. Und im ganzen Land rufen Plakatwände das erste angolanische Gebot in Erinnerung: "Nunca sai estrada" – gehe nie von der Straße! Doch als João eines Abends vor drei Jahren auf dem Heimweg war, vergaß er, was er jahrelang gehört hatte. "Ich wollte nur einmal eine Abkürzung nehmen. Nur ein einziges Mal." Er blieb nicht auf dem Weg. Er wich nur zwei oder drei Meter von ihm ab. Er war acht, als die Mine sein rechtes Bein zerfetzte.

In den Jahren des Bürgerkrieges von 1975 bis 2002, als die Rebellen der Unita, der Nationalen Union für die totale Unabhängigkeit Angolas, sich gegen die Truppen der marxistischen Regierung stellten, wurden über eine Million Menschen ermordet. Geschätzte acht Millionen Minen sollen in angolanischer Erde vergraben worden sein. In den vier Jahren seit Kriegsende sind mehr als 33.000 Minen geräumt worden. Angola ist ein junges Land, erst 31 Jahre unabhängig von den portugiesischen Kolonialherren. Die meisten Menschen sind nicht älter als 25. Viele Säuglinge sterben, wenige Erwachsene werden alt. Auch in Oncocua, das mit seinen rund 1000 Menschen wie eine vergessene Insel in der südlichen Provinz Cunene liegt.

Heute ist João traurig. Er hat einen "schlechten Fuß", wie er sagt. Seine Krücken liegen neben ihm. Er sitzt mit anderen am Rand des Bolzplatzes und spielt mit verblichenen Karten, die Fußballstars aus einer fremden Welt zeigen – darunter auch zwei Deutsche: Lothar Matthäus, die Pik 6, und Oliver Kahn als Karo 7. Die Stars sind andere: Die Portugiesen Deco als Herz As oder Luis Figo als Kreuz König zum Beispiel.

In Manuel Farruscos schummriger Kneipe drängen sich ein Dutzend Männer um den alten Farbfernseher. Es läuft die erste Halbzeit des Spitzenspiels der ersten angolanischen Liga, Athlético Sport Aviação gegen Athlético Petróleos de Luanda. Angola ist ein reiches Land. Einige Clubs werden von Ölfirmen gesponsert, tragen deren Namen oder einen Bohrturm im Vereinswappen. Auf den Ölfeldern vor der Küste werden schon jetzt täglich fast halb so viele Barrel wie in Kuwait gefördert. Das Potenzial ist riesig. Doch die Milliarden landen in den Taschen einer korrupten Elite. Und in Oncocua, weit abseits der Hauptstadt Luanda, kommt fast gar nichts mehr an.

Die Spelunken des Ortes sind meist gut besucht. Die Menschen kommen, um dem ewigen Gleichlauf des Dorflebens zu entfliehen. Sie lassen sich vom Alkohol in jene Welt tragen, die ihnen aus dem Fernseher entgegenflimmert. Doch jetzt wird der Bildschirm plötzlich schwarz. Wind zieht auf und stört den Empfang der Satellitenschüssel. Gleichmütig verlassen die Männer den schummrigen Raum und trinken weiter - auf den Holzbänken vor der Tür. Auch zwei Tage später wird niemand im Dorf das Spielergebnis kennen. Bei den Qualifikationsspielen zur WM und beim Afrika-Cup Anfang des Jahres sei das eine oder andere Mal auch der Stromgenerator ausgefallen, erzählt Farrusco, "das sollte während der WM besser nicht passieren".

Neben dem Wirt steht der Polizeichef Oncocuas. In der Hand eine Flasche N’Gola, das Bier, das alle trinken. Das Bier, das nach den alten Königen des Landes benannt ist. "Angola ist vom Krieg zerrissen", sagt Ordnungshüter João Baptista, "und die Einheit beginnt mit dem Fußball. Er verbindet uns. Und nun spielen wir gegen Portugal! Bei einer WM!" Er sagt es nicht, er schreit es.

Dass die letzte Partie gegen die Portugiesen vor viereinhalb Jahren zum Skandalspiel wurde und nach vier Roten Karten für angolanische Spieler beim Stand von 1:5 abgebrochen werden musste, trübt seinen Optimismus schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Baptista zieht ein Bündel Kwanza-Scheine aus der Tasche. Er legt eine selbstbewusste Miene auf und tippt auf den Satz, der jeden angolanischen Geldschein schmückt. Ein Satz wie ein Schlachtruf, der den Angolanern seit über 30 Jahren in den Ohren liegt: "A Vitória É Certa" – der Sieg ist gewiss.



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