WM-Neuling Trinidad Paradies mit Schattenseiten

Franz Beckenbauer ist heute zu Besuch beim kleinsten WM-Teilnehmer Trinidad und Tobago. Dabei wird der OK-Chef allerdings nicht das Paradies auf Erden antreffen, sondern ein Land, in dem Morde an der Tagesordnung sind und ein Großteil der Bevölkerung in Armut lebt.

Aus Port-of-Spain berichtet Joseph E. Wolf


Wenn Franz Beckenbauer heute zusammen mit Wolfgang Niersbach, Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, die 30 Kilometer vom Flughafen Piarco zur Hauptstadt Port-of-Spain zurücklegt, wird sich Trinidad den WM-Handlungsreisenden zunächst mit Staus, hässlichen Shopping-Malls und tristen Fast-Food-Betonbauten präsentieren. Später wird der kleine Konvoi des Fußballverbandes trostlose Slums und schmuddelige Hafenanlagen passieren und der Kaiser vergeblich nach romantischen Buchten und entspannten Rastazopfträgern im Palmenschatten Ausschau halten.



Denn wem beim Namen Trinidad und Tobago Trommeln in den Ohren klingen, wer an Cocktails und Karnevalskostüme denkt, kennt nur einen Teil der Wahrheit. In diesen Tagen beginnt der Aufgalopp zum Karneval, "The greatest Show on Earth", wie Plakate überall im Land wenig bescheiden verkünden. Die Inseln pulsieren im Rhythmus von Calypso-Musik, Hunderttausende werden tagelang auf den Straßen tanzen. Aber den wahren Herzschlag des Staates bestimmen sprudelnde Ölquellen und zischende Gasverflüssigungsanlagen.

Dank der immensen Rohstoffvorkommen vor der Küste Venezuelas boomt die Wirtschaft wie keine zweite der Region und wächst jährlich um etwa 10 Prozent. Trinidad ist die Tankstelle unter den Karibikinseln, in der Produktion von Flüssiggas weltweit die Nummer fünf und somit wichtigster Versorger der USA. Traumstrände mit Korallenriffen und türkisblauem Wasser sucht man vergebens. Eine solche Szenerie bietet erst die verschlafene 50.000-Seelen-Schwesterinsel Tobago, die besonders beliebt bei britischen und deutschen Pauschaltouristen ist. Auf dem ungleich größeren Trinidad mit den 1,2 Millionen Einwohnern schieben sich beim Blick über das meist graue Meer statt Segelmasten eher Bohrtürme und Tanker ins Blickfeld des Betrachters.

Dennoch herrscht kein Wohlstand für alle, von einem karibischen Dubai oder Brunei ist die Insel weit entfernt. Die seit Jahrzehnten sprudelnden Millioneneinnahmen der Petrochemie, die zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, sorgen zwar für Bauboom, Konsumrausch und Investmentrekorde, aber kommen bei den Armen auf dem Lande und erst recht nicht in den Schulen, Straßen oder Krankenhäusern an. Das Geld fließt einer kleinen Elite aus Politik und Business zu. Es rumort in "Sweet T&T": Heißblütige Aggressivität der Unterschicht, Frust über korrupte Politik und erschreckende soziale Gegensätze haben zu einem explosionsartigen Anstieg der Gewaltkriminalität geführt.

Das Land ist voll von Waffen - meist aus Venezuela illegal eingeschmuggelt. Die Mordstatistik wies für 2005 eine neue Rekordzahl auf - 387. Eine Verdreifachung in nur fünf Jahren. Ein Mord pro Tag in einem Land, das so viele Einwohner hat wie München. Mord und Totschlag, dazu Hunderte Kidnappings jährlich, lasten schwer auf der trinidadischen Psyche, prägen Gespräche, Kommentare und Leserbriefspalten. Hin und wieder sind auch Touristen oder ortsansässige Ausländer das Ziel von Überfällen. 2005 wurde ein Deutscher in seinem Haus ausgeraubt und erschossen.

"God is a Trini"

Die Hauptstadt Port-of-Spain ist ein eher eintöniges Nest im Dreieck aus Hafen, Slums und den scharf bewachten Millionärsvillen der Oberschicht an den Berghängen, wo Monatsmieten von 5000 Euro normal sind. Vergebens sucht man Uferpromenaden, Straßencafés, bunte karibische Märkte, all das, was nördlicher gelegene Inseln wie Barbados oder Grenada auszeichnet. Die meisten Kreuzfahrtlinien umgehen Trinidad, in den Hotels steigen eher Geschäftsreisende als Urlauber ab. Dass die Stadt nur 250.000 Einwohner hat, ist ihr Glück; so bleibt ihr das Moloch-Schicksal von Caracas oder Mexiko erspart.

Aber wer an der Oberfläche aus Gewalt, Schmutz und Frust kratzt, wer bereit ist, einzutauchen, der findet das zweite, das so energiereiche Trinidad: Impulsive fröhliche Menschen, heiße Rhythmen des traditionellen Calypso, offene Straßenkneipen im lärmenden Stadtteil St. James. Ausflüge zu den rauhen, urwüchsigen Stränden der Nordküste, wo man Haifisch-Burger und Flaschenbier vertilgt und beim Tanzen 'Get Mad' schreit, laden ebenso ein wie anspruchsvolles Regenwald-Hiking in atemberaubender Berglandschaft oder die Wasserfälle inmitten grandioser tropischer Flora und Fauna.

Dieses fröhliche, authentische, im Meer der Gewalt fast versunkene Trinidad, lugt seit dem 16. November, seit der erreichten WM-Qualifikation, wieder ein wenig hervor. Einen maßgeblichen Anteil daran hat Meistertrainer Leo Beenhakker, der dem bis dato konfus auftretenden Nationalteam, den 'Soca Warriors', System und Siegeswillen gab und so den Nationalstolz neu erweckte. Zwar wird Fußball seit jeher an jeder Ecke der Inseln gespielt, aber für die Nationalelf schämte man sich traditionell. Als die Qualifikation noch in weiter Ferne war, verirrten sich gegen Costa Rica oder Panama nur knapp 5000 Zuschauer ins Hasely-Crawford-Stadion. Cricket hatte den Kickern den Rang abgelaufen. Bei Cricket ist Trinidad als Teil der 'West Indies' Weltspitze, stellt mit Brian Lara den berühmtesten Spieler der Welt.

Fußball - das waren Geschichten des Scheiterns: die tragischen Heldenepen trinidadischen Sportschaffens sind die verpassten WM-Qualifikationen von 1973 und 1989, als man unglücklich gegen Haiti und die USA kurz vor dem Ziel ausschied. Seit dem 2:1 über Mexiko in der Qualifikation, erst recht seit der Entscheidung in Bahrain ist der Frust Vergangenheit: "God is a Trini" hallte es im November durch's Land, Jubelkonvoi vom Flughafen, der Premier rief einen Feiertag aus, Tänze auf den Straßen, Karneval im November - das volle Programm also. Get mad!

In der Tat ging am 16. November ein so nie erwarteter Ruck durch die zutiefst frustrierten Menschen. Seither ist Fußball allgegenwärtig: Bettler tragen Nationaltrikots, Politiker posieren mit Nationalspielern. Die Qualifikation stiftete Identität - und Hoffnung auf weniger Tote. Die Helden haben die positive Energie und ihre Verantwortung erkannt: Dennis Lawrence, Schütze des Siegtores in Bahrain, rief den Fans bei der Ankunft vom Qualifikationsspiel am Flughafen zu: "Viele aus dem Team leben im Ausland, aber wir sind schockiert über Gewalt und Verbrechen zu Hause. Vielleicht ist dieser Erfolg der Beginn von Frieden und Liebe unter uns."

Doch Trinidad wäre nicht Trinidad, zögen nicht dunkle Wolken auf. Seit Jahresbeginn regiert der Frust unter Tausenden Fans, die nach Deutschland wollten. Viele haben ihre Hoffnung auf WM-Tickets verloren. Der Frust hat einem Namen: Jack Warner, Vizepräsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, Intimus des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, Warner ist der "Pate" des karibischen Fußballs. Schon während der Qualifikation hatte man ihm vorgeworfen, bei den Kartenverkäufen - mal wieder - trickreich in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben.

Als die Fans sich im Dezember auf die Suche nach WM-Tickets machen, wurde ihnen vom Fußballverband, Chefberater ein gewisser Jack Warner, bedeutet, diese seien ausschließlich über ein einziges Reisebüro und als Komplettpaket mit bescheidener Unterkunft erhältlich - für unglaubliche 5000 US-Dollar, exklusive Flugkosten. Kurz gesagt: Für die meisten unbezahlbar. Wem das Reisebüro gehört? Der Familie Warner. Get mad!



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