Island in den WM-Playoffs Eiskalter Außenseiter

Acht Teams aus Europa kämpfen noch um vier WM-Plätze in Brasilien. Mit dabei: Außenseiter Island. Der Inselstaat hat weniger Einwohner als Bonn, trotzdem boomt der Fußball. Zu verdanken ist das auch dem Nationaltrainer - einem Schweden.

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Island ist stolz auf seine Sagen und Geschichten. Bald könnte eine neue hinzukommen, ein kleines Fußball-Märchen. Rund 320.000 Menschen leben in dem Inselstaat, dazu kommen Robben, Schafe, Papageientaucher und Trottellummen. Sollte sich Island in den Playoffs im November durchsetzen (Auslosung am Montag ab 14 Uhr), wäre es das kleinste Land, das jemals bei einer Weltmeisterschaft vertreten war. Die Menschen dort kennen sich, über drei, zwei, aber meist nur über eine Ecke. Oder sie sind direkt miteinander verwandt.

Das hat dazu geführt, dass sich eine Anti-Inzest-App, die bei einem Date vor Verwandtschaft zum potentiellen Partner warnt, großer Beliebtheit erfreut. Aber auch für schöne Familien-Geschichten ist fruchtbarer Boden bereitet. Eine davon geht so: Als Arnór Gudjohnsen am 24. April 1996 im Kadrioru-Stadion von Tallinn an der Seitenlinie den 17-Jährigen abklatschte, der für ihn ins Spiel kam, schrieb er Fußball-Historie. Es war sein Sohn Eiður, der für ihn in die Partie kam, so etwas hat es in einem Länderspiel nie zuvor und auch danach nicht mehr gegeben. "Eine schöne Geschichte", erinnert sich Arnór Gudjohnsen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "aber seitdem hat sich viel geändert".

Der heute 52-Jährige spielte in einer Zeit für das Land, "als wir Probleme hatten, 13 Mann für die Nationalmannschaft zusammen zu bekommen". Er selbst war bei der Partie in Estland 34 Jahre alt und eigentlich "nicht mehr in der besten Form". Die aktuelle Elf muss noch zwei Spiele überstehen, dann gehört sie zu den besten 32 Teams der Welt, in der aktuellen Fifa-Rangliste liegt sie auf Platz 46. Durch ein 1:1 gegen Norwegen sicherte sich Island den zweiten Platz in der Qualifikationsgruppe E, vor Slowenien und den Norwegern.

Dank Indoor-Plätzen ist nun das ganze Jahr über Training möglich

"Wir haben uns enorm verbessert, vor allem in den vergangenen zehn Jahren", sagt Gudjohnsen senior, der seit seiner Profikarriere als Spielervermittler arbeitet und nach seiner Zeit in Belgien und Schweden wieder in Island lebt, in Kópavogur, nahe Reykjavik. Fragt man ihn nach dem Grund für diese Entwicklung, antwortet er: "Das liegt daran, dass wir seit dem Bau von Fußball-Hallen endlich das ganze Jahr über trainieren können."

Fast wortgleich erklärt Lars Lagerbäck die neue Stärke. Der Schwede ist seit 2011 Coach der Nationalmannschaft, davor trainierte er die Auswahlteams von Nigeria und führte sein Heimatland zu den Europameisterschaften 2004 und 2008 sowie zu den Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Eben hatte er noch Superstars wie Henrik Larsson und Zlatan Ibrahimovic trainiert, dann ging er nach Island, wo früher die Hälfte des Jahres kein Training möglich war, weil die Plätze gefroren waren.

"Seitdem wir die Indoor-Kunstrasenplätze haben, haben wir einen großen Schritt gemacht. Unsere Jugendteams qualifizieren sich regelmäßig für die großen Turniere und auch bei den Herrenmannschaften sind wir nicht mehr weit von Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark entfernt", sagt der 65-Jährige SPIEGEL ONLINE: "Der Verband Knattspyrnusamband macht sehr gute Arbeit, sie tun wirklich ihr Bestes."

Immer mehr Spieler schaffen inzwischen den Sprung in die großen Ligen Europas, Kolbeinn Sigthorsson (Ajax Amsterdam) und der ehemalige Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson (Tottenham Hotspur) weckten bereits Begehrlichkeiten bei Top-Clubs wie Dortmund, Arsenal und Juventus. Isländische Profis, so Gudjohnsen, werden auf dem Transfermarkt immer beliebter: "Wir haben einfach eine Mentalität, die sonst keiner hat. Die Spieler, die sich entscheiden, Profifußballer werden zu wollen, geben 120 Prozent. Immer. Und sie wissen, dass ganz Island genau verfolgt, was sie so treiben in den europäischen Ligen. Das ist ein zusätzlicher Antrieb, sich voll reinzuhängen."

"Ich habe nichts verstanden, die Jungs haben zu laut gejubelt"

Auch Lagerbäck schwärmt von der Einstellung im Team, "Isländer lieben ihr Land und geben deswegen immer ihr Bestes", sagt er. Das habe er in dieser Form noch nicht erlebt. Noch sei der Fußball im eigenen Land allerdings nicht weit genug, es bestehe Verbesserungsbedarf. "Den nächsten Schritt könnten wir machen, wenn unsere jungen Spieler sich noch länger in ihrem gewohnten Umfeld entwickeln könnten. Jetzt gehen sie schon mit 15, 16, 17 Jahren ins Ausland."

So war es auch bei Eiður Gudjohnsen. 1995 verließ er seine Heimat, ging nach Eindhoven, später zum FC Chelsea und zum FC Barcelona, gewann in beiden Ländern die Meisterschaft und mit Barça 2009 die Champions League. Aus dem Einwechselspieler von einst wurde der Rekordspieler und -torschütze Islands, eine Ikone und Volksheld. In den vergangenen vier Jahren aber schien die Karriere des inzwischen 35-Jährigen zu Ende zu gehen, er tingelte durch die Fußballprovinz: Stoke, Fulham, AEK Athen, Cercle Brügge.

Seit diesem Jahr spielt er beim FC Brügge, ist nach mehreren Verletzungen wieder fit und hat bei Lagerbäck in der Nationalmannschaft einen Stammplatz sicher. "Er will diese WM unbedingt erreichen", sagt sein Vater. Direkt nach dem 1:1 gegen Norwegen und dem entscheidenden 1:0-Sieg der Schweiz gegen Slowenien rief der Vater seinen Sohn an. "Ich habe kein Wort verstanden, die Jungs haben einfach zu laut gejubelt." Erst zwei Tage später erreichte Arnór Gudjohnsen Eiður. "Er glaubt fest daran, dass sie es schaffen. Dann würde er nach dem Turnier seine Karriere beenden. Aber bis dahin trainiert er sich den Arsch ab."

So weit will Lagerbäck noch nicht denken: "Playoffs sind unberechenbar. Bei uns spielt keiner gern, vor allem nicht im November. Wir müssen hinten sicher stehen und intelligent angreifen." Nach seinem Wunschgegner gefragt sagt Lagerbäck nur: "Nicht Portugal mit Cristiano Ronaldo, der Rest ist mir eigentlich egal." Einen Wunsch äußert er dann aber doch noch: "Drücken Sie uns die Daumen, das können wir gut gebrauchen."

insgesamt 26 Beiträge
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Terabyte 21.10.2013
1. Gudjohnsen senior...
ist in den letzten 17 Jahren um 27 Jahre gealtert, das spricht gegen Island. ;-)
corvus cornix 21.10.2013
2. ...
Zitat von sysopREUTERSAcht Teams aus Europa kämpfen noch um vier WM-Plätze in Brasilien. Mit dabei: Außenseiter Island. Der Inselstaat hat weniger Einwohner als Bonn, trotzdem boomt der Fußball. Zu verdanken ist das auch dem Nationaltrainer - einem Schweden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-playoffs-island-will-die-sensation-schaffen-a-928463.html
Jede Mannschaft ist zu beglückwünschen, wenn erbrachte Leistung belohnt wird und jeder Mannschaft ist zu gönnen, an großen Wettkämpfen nicht nur als Punktebringer teilnehmen zu können. Ich finde das recht putzig und mal sehen; vielleicht hat das Land pro Kopf bald nicht nur die höchste Nobelpreisträgerdichte (immerhin 1:320000), sondern auch noch die höchste Fußballweltmeisterdichte :-)
hfftl 21.10.2013
3. .
Solche Leistungen sind das, was die manchmal etwas öde, weil allzu vorhersehbare Qualifikation dann doch immer wieder interessant macht. Glückwunsch an Island, egal, wie die Playoffs ausgehen. Arnór Gudjohnsen ist heute übrigens 52, nicht 62. Ansonsten würde auch die Rechnung im Artikel überhaupt nicht stimmen.
ein-dummer-junge 21.10.2013
4. Weltmeister Island ?
bin auf die Wettquoten gespannt
dr.joe.66 21.10.2013
5. Da kann ja nix mehr schiefgehen...
Also die Islänger haben ja ein Traum-Team... Gleich mehrere Robben, die werden jeden Gegner in Grund und Boden spielen. Nur vorm Elfmeter gibt es Streit wer schießen darf. Und dann noch massenhaft Schafe und Trottel; die gibt es auch in der Bundesliga zu Hauf. Letztere vor Allem im schwarzen Dress mit Pfeife im Mund. Aber es soll ja helfen, wenn der Schiri im eigenen Team mitmacht - nicht wahr, Herr Kießling?... Das wär's doch: Island haut Frankreich weg, mit zwei Fantomtoren - dagegen ist sogar Henry's Hand machtlos...
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