WM-Presseschau "Küsse, Umarmungen und Chöre"

Das DFB-Team hat in Deutschland für Euphorie gesorgt.  Die Fans träumen bereits vom WM-Titel. Überschwänglich sind auch die Reaktionen in den Zeitungen. Der "indirekte freistoss" kommentiert die wichtigsten Beiträge des hiesigen Fußball-Feuilletons.


Die deutsche Presse versucht derzeit, ihrer Begeisterung über die deutsche Nationalmannschaft und Jürgen Klinsmann Herr zu werden, und es tappt auch niemand in die Journalistenfalle, etwas zu kritisieren, wo es nichts zu kritisieren gibt. Moritz Müller-Wirth ("zeit.de") fordert dazu auf, nach dem Gruppensieg einen Moment innezuhalten: "Wer ehrlich ist – und auch jene, die den Kurs von Jürgen Klinsmann über die letzten Jahre grundsätzlich unterstützt haben, können das sein – wer also ehrlich ist, sollte gestehen, dass man ernsthaft mit einem derartigen Verlauf der Gruppenphase nicht rechnen konnte." Marko Schumacher ("Stuttgarter Zeitung") stimmt ein: "Nach dem Hurrafußball im Eröffnungsspiel und dem an Leidenschaft nicht zu überbietenden Auftritt gegen Polen zeigte Jürgen Klinsmanns Mannschaft, dass sie mittlerweile eine weitere Fähigkeit besitzt: Effizienz."

Fans in Berlin: "Hochzeit zwischen den Deutschen und ihrer Mannschaft"
DPA

Fans in Berlin: "Hochzeit zwischen den Deutschen und ihrer Mannschaft"

Peter Heß jubelt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ): "Jetzt trifft sogar schon Lukas Podolski! Und Arne Friedrich verteidigt fehlerfrei! Und Robert Huth gelingt als Vertreter von Christoph Metzelder das gleiche Kunststück! In diesen Tagen gehen alle Wünsche der deutschen Mannschaft in Erfüllung, sogar die Sorgenkinder bereiten Freude. Die Party kann weitergehen. Das 3:0 war ein Sieg der Vernunft, der Konzentration und der Moral."

Markus Völker von der "tageszeitung" (taz) würdigt Klinsmanns Fitness-Training: "Der Bundestrainer hat die Deutschen so widerstandsfähig gemacht, dass sie prompt alle Gegner aus dem Weg geräumt haben. Selbst gegen Ecuador schonte Klinsmann bis auf den leicht angeschlagenen Metzelder keinen Leistungsträger, und Kapitän Ballack ließ er gar durchspielen. Er traut seiner Fußballelite leichtathletische Großtaten zu. Die DFB-Elf hat sich mit Biss ins Turnier hineingespielt, sie kann sich jetzt schon mit dem üblichen Titel schmücken, dem der Turniermannschaft." Gleichzeitig blickt Völker mit Spannung auf die nächste Aufgabe: "Die Schweden werden vom DFB-Trainerstab als der stärkere Rivale im Vergleich mit England angesehen. Der umtriebige Sichter Urs Siegenthaler schwärmt von ihrer aufopfernden Laufbereitschaft."

Ludger Schulze von der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) erkennt den Erfolg hauptsächlich in der entfachten Stimmung als in der Tabelle: "Costa Rica war nicht einmal im Ansatz ein ernst zu nehmender Gegner, Polen und Ecuadors 1-B-Mannschaften traten unter Verzicht auf jene Team-Mitglieder an, die man Stürmer nennt. Erfreulich ist, dass nach Jahren der Qual, in denen die DFB-Auswahl in ihrem Missmut und ihrer Reserviertheit die Stimmung des Landes spiegelte, wieder ein Geist des Aufschwungs und der Freude ausgebrochen ist. Das ist Jürgen Klinsmanns Verdienst."

In der Einzelkritik schwärmen die Redaktionen von Miroslav Klose, die "SZ" staunt: "Gegen seine Treffer besaß Ecuador keine Einspruchsmittel, sie waren unvermeidlich. Erneut extrem energetisch und aggressiv, eine echte Plage für die Gegenseite. Klose gelingt in seiner Rolle als Mittelstürmer eine seltene Mischung: Er ist erfolgreich und trotzdem nicht egoistisch. Er setzt sich in der Torschützenliste ab und drängt trotzdem keinen seiner Mitspieler beiseite. Von ihm ist noch einiges zu erwarten." Die "FAZ" stimmt ein: "Schnelle Beine, schnelle Entschlüsse. Bissig, giftig. Weltklasse."

Von der "Berliner Zeitung" gab es für Lukas Podolski ein Zuckerchen: "Wurde als Gewinner der Aktion Sorgenkind ermittelt. Hatte den Vorteil, dass außer ihm keiner an der Aktion teilnahm. Hörte so lange die Anfeuerungsrufe von Jürgen Klinsmann und den Fans, bis er sich entschloss, seine Torflaute zu beenden." Arne Friedrich hingegen hat nicht nur bei vielen Fans keinen Kredit (obwohl er gestern mit ein paar Sprechchören gefeiert worden ist; ein "Huuuth"-Nachfolger wird er aber nicht). Viele deutsche Journalisten rümpfen ihre Näschen. Die "SZ" höhnt: "Der zuletzt schärfstens verunsicherte Friedrich brach zu einem Sololauf über die rechte Seite auf und brachte ihn auch zu Ende, ohne dem Ball weh zu tun."

Der "Guardian" aus London lobt das deutsche Sturmduo: "Befreiung schmückte das Gesicht von Podolski. Klose schritt zu ihm, um ihn in den Arm zu nehmen und ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Ob er es für seinen Mannschaftskameraden oder die Fernsehkameras getan hat oder nicht, die beiden haben gezeigt, dass sie zusammen ein verheerender Verbund sind." Die "Times" hebt Deutschland in die Gruppe der Favoriten: "Deutschland wird nicht mehr nur aufgrund ihrer erfolgreichen Geschichte gefürchtet. Klinsmanns Team erreicht dank des Heimvorteils, der stetig steigenden Form und dem Besitz des Toptorschützen eine bedrohliche Form. Der Mann der einst als 'Grinsi-Klinsi' verhöhnt wurde, bringt Deutschland das Lächeln zurück."

Der "Corriere della Sera" aus Italien lästert: "Ein sympathisches, aber unnützes Spiel, das die Fifa auch hätte absagen können, weil Deutschland und Ecuador ja bereits für das Achtelfinale qualifiziert waren." Doch es folgt Anerkennung: "Jürgen Klinsmann ist nach drei Spielen vom kalifornischen Staatsbürger zum Kaiser-Anwärter befördert worden. Es gibt nur noch Deutschland, es wird gefeiert - Küsse, Umarmungen und Chöre." Ihre Sympathie mit den feiernden Deutschen bekundet "La Repubblica" aus Rom: "Mitten auf dem Spielfeld wurde die Hochzeit zwischen den Deutschen und ihrer Mannschaft gefeiert, mit den Spielern, die ihre Runde drehten und allen rundherum, mit wehenden Fahnen."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.