WM-Publikum Hungrig, aber nicht laut

Morgen startet Gastgeber China ins WM-Turnier. Vielleicht sind die Zuschauer dann ein wenig euphorischer. Bislang hielten sich die Stadionbesucher sehr zurück. In punkto Appetit ist hingegen schon ein hohes Niveau erreicht.

Von Katrin Weber-Klüver, Shanghai


Chinesen sind laut. Heißt es. Die Anschauung lehrt: Chinesen sind überhaupt nicht laut. Jedenfalls nicht in Shanghai, wo es innerstädtisch tags wie nachts um einiges ruhiger zugeht als etwa auf der Oranienstraße im Herzen von Berlin-Kreuzberg. Chinesen in Shanghai sind zudem von ausgesuchter Gelassenheit - trotz des notorisch ins Stocken geratenen Straßenverkehrs. Und wenn es Ampeln oder auch Zebrastreifen gibt, dann erfüllen die nicht die Ordnungsfunktion wie in Berlin oder Hamburg.

Kostüm-Parade: Lustiges Treiben in Fernost
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Aber es ist kein Problem, die Überquerung einer Kreuzung im Auto oder eines Zebrastreifens zu Fuß zu meistern, ohne gleich in akute Lebensgefahr zu geraten. Das Gewusel ist gemeinhin kooperativ. Auch ist der Autoverkehr an sich trotz seiner Dichte still. Man hupt kaum in Shanghai, vergleichsweise wird auf der Reeperbahn in Hamburg Ungeduld kakophonisch getrötet, um Verkehrsfluss zu erzwingen.

Was aber passiert mit diesen netten, ruhigen Menschen in einem Fußballstadion? Nun, es ist laut. Nicht das Publikum selbst, aber wenn es eine Eröffnungsfeier gibt, wie zur Frauenfußball-WM, dann ist dieses Programm ohrenbetäubend. Montagabend im Hongkou Stadion attackierten schrille Singspiele, die adrette Parade-Choreographien untermalten, mitteleuropäische Ohren, und es wummerten die Boxen beim Vortrag einer chinesischen Victoria Beckham brachial. Das Publikum, das chinesische, goutierte alles. Mit gewogener Zurückhaltung.

Zum Spiel selbst waren viele Chinesen möglicherweise nur gekommen, weil ihnen jemand ein Ticket in die Hand gedrückt hatte. Deutschland gegen Argentinien, das ist ja keine Begegnung, an der man als Chinese emotional viel Anteil nehmen muss. Gleichwohl gab es große Begeisterung über kleine Tricks und aussichtsreiche Spielzüge. Ausgedrückt in kollektiv anschwellendem Raunen, das sich nach reiner Freude am schönen Spiel an sich anhörte.

So war es bis zur Halbzeit. Dann gingen viele Zuschauer. Vielleicht waren ihnen fünf Tore genug. Es gab sogar einen Jubelblock, bestehend aus weiß gekleideten Chinesen, denen Anheizer Anfeuerungsrufe für die Außenseiter abrangen. Anfangs.

Vielleicht wollten die Chinesen auch zu einem für ihre Verhältnisse späten Abendessen. Es ging schließlich auf 21 Uhr zu. Und man isst früh in Shanghai. Es ist die Wirtschaftsmetropole des Landes, aber es wird zeitig gegessen, fast wie im bäuerlichen Leben. So speisten die abgewanderten Stadionbesucher eventuell, während die im Stadion sahen, wie noch sechs Tore für die deutschen Frauen fielen.

Das heimische Team bestreitet morgen sein erstes WM-Spiel. In Wuhan treffen die Chinesinnen auf Dänemark (14 Uhr MESZ). Ob die Zuschauer dann bis zum Schluss bleiben können, weil sie ernährungstechnisch besser präpariert sind? Die Trainerin der Gastgeber-Auswahl jedenfalls ist hungrig. "Wir wollen ins Halbfinale kommen. Und ich glaube, das können wir auch schaffen", sagt Marika Domanski-Lyfors.

Die Schwedin amtiert seit dem vergangenen März, beim Algarve-Cup in Portugal hatte China einen bösen Reinfall erlebt. Domanski-Lyfors ist als erste Nicht-Chinesin für das Frauenteam des mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Landes der Erde verantwortlich. Erwartet wird einiges. "Der Druck von außen ist schon ziemlich groß, hier gut abzuschneiden", sagt Mittelfeldspielerin Qu Feifei, "aber wir versuchen, den Druck in Motivation umzuwandeln."



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