Debatte um DFB-Abwehr Die Pflichtverteidiger

Kein Thema wird bei der Nationalelf derzeit so heftig debattiert wie die Rolle der Defensive. Vor dem Duell gegen Österreich betonen alle den Wert einer stabilen Abwehr. Doch der Geist der Mannschaft ist von der Offensive geprägt - weil der Trainer es ihnen vorlebt.

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Aus München berichtet


Auf der offiziellen Website des DFB wird vor einem Länderspiel stets ein aktuelles Interview mit einem Nationalspieler veröffentlicht. Gerne werden da die zentralen Figuren des Offensivspiels präsentiert, Miroslav Klose, Thomas Müller, Mesut Özil. Vor dem Länderspiel gegen Österreich (20.45 Uhr ZDF, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat man es beim DFB dagegen als notwendig erachtet, einen Innenverteidiger ausgiebig zu befragen. Das Interview mit Per Mertesacker trägt die Überschrift: "Es gibt keinen Schönheitspreis."

Dieser Satz ist so ungefähr das komplette Gegenteil von dem, was Bundestrainer Joachim Löw als Ziel seiner Arbeit sieht.

Durch die zahlreichen Gegentore in den vergangenen Testspielen ist gut neun Monate vor der Fußball-WM in Brasilien das Abwehrverhalten der Nationalmannschaft in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Trainerstab und Spieler sahen sich in diesen Tagen von München immer wieder genötigt, die Rolle des Defensivspiels zu thematisieren. Fast jede Frage der Journalisten ging in diese Richtung. Es herrscht ein allgemeines Unbehagen darüber, dass vorne zwar viele Tore erzielt und noch viel mehr Chancen herausgearbeitet werden, dieses Team jedoch auch jederzeit für ein, zwei Gegentreffer gut ist. In seltenen Fällen sogar für drei oder vier.

"Die defensive Philosophie noch einmal verinnerlicht"

Löw und sein Team haben dieser Missstimmung in den vergangenen Tagen gegenzusteuern versucht, indem sie an jeder Stelle den Wert der Abwehrarbeit betont haben. "Es ist wichtig, dass man defensiv gut arbeitet", sagt Kapitän Philipp Lahm. "Wir haben die defensive Philosophie noch einmal verinnerlicht", so Mertesacker. Und Thomas Müller verstieg sich gar zu der Aussage: "Mir machen 1:0-Siege am meisten Spaß. Es gibt nichts Schöneres, als 80 Minuten lang ein 1:0 erfolgreich zu verteidigen."

Abgesehen davon, dass man bei Müller ohnehin nie weiß, ob er es ernst meint oder nur gerade wieder die Journalisten hochzunehmen versucht: In der Außendarstellung scheint die Bedeutung einer stabilen Abwehr bei der Nationalmannschaft zumindest angekommen zu sein. Am dringlichsten hatte Mittelfeldspieler Sami Khedira dieses Denken angemahnt: "Wir müssen in jedem Augenblick daran denken, dass hinten ein Tor ist, das wir verteidigen wollen." Der Mann von Real Madrid sprach dabei durchaus in eigener Sache. Es waren auch seine offensiven Anflüge, die im Testspiel gegen Paraguay für das eine oder andere gähnende Abwehrloch gesorgt hatten.

Die Defensivarbeit beginnt vorne beim Stürmer - das war einer der Grundsätze, die in diesen Tagen von München durch die Gebetsmühle geschickt wurden. Es war allein der Bundestrainer selbst, der diesem Mainstream des "Defense First" etwas entgegensetzte. Dass man sich künftig in der eigenen Hälfte verschanze und nur noch auf Konterspiel umstelle - "so etwas wird es unter mir nicht geben". Löw hatte schon vor dem Paraguay-Spiel bekannt, dass er es "über alles liebt, offensiv zu spielen".

Löw denkt lieber in Kategorien wie Spaß und Spektakel

Spaß, Spektakel - das sind die Vokabeln, mit denen Löw am liebsten arbeitet. Die gegenwärtige Debatte muss Löw mit einer gewissen Unlust begleiten. Es sind nicht die Dinge, die ihm am allerwichtigsten sind, die jetzt besprochen wurden. Nicht umsonst ist er ein Verfechter des "offensiven Verteidigens". Man könnte darin eine Strategie, man kann darin auch einen Widerspruch erkennen.

Diese Mannschaft atmet den Geist von Löw. Seine Spielphilosophie wird von Typen wie Mesut Özil, Marco Reus, Mario Götze, André Schürrle verkörpert - allesamt Spieler, die nicht dafür berühmt sind, in jeder Sekunde des Spiels daran zu denken, dass hinten ein Tor steht, das verteidigt werden muss. Die Impulse, ab sofort genauso viel nach hinten wie nach vorne zu denken, kommen jetzt eher aus Teilen der Mannschaft als vom Trainer. Löw nimmt diesen Impuls auf, er tut es der Notwendigkeiten wegen, nicht aus tiefem Herzen. Nähme man ein Bild aus der Justiz, wäre Löw der Pflichtverteidiger, der das tut, was er nun mal tun muss. Und nicht, was er tun will.

Auf der strategisch wichtigen Sechserposition, dem Scharnier zwischen Offensive und Defensive, muss Löw gegen die Österreicher improvisieren, da ihm dort mehrere Spieler verletzt ausgefallen sind. Er hat jetzt die Wahl zwischen dem eher rustikalen Abräumer Sven Bender aus Dortmund und dem offensiver ausgerichteten Toni Kroos, der spielerisch mehr mitbringt, aber zuweilen zum Leichtsinn neigt.

Man ahnt, für wen sich Löw entscheiden wird.

Nur wenig Spiele ohne Gegentor

Datum Heim Gast Ergebnis
29.02.2012 Deutschland Frankreich 1:2
26.05.2012 Schweiz Deutschland 5:3
31.05.2012 Deutschland Israel 2:0
09.06.2012 Deutschland Portugal 1:0
13.06.2012 Niederlande Deutschland 1:2
17.06.2012 Dänemark Deutschland 1:2
22.06.2012 Deutschland Griechenland 4:2
28.06.2012 Deutschland Italien 1:2
15.08.2012 Deutschland Argentinien 1:3
07.09.2012 Deutschland Färöer 3:0
11.09.2012 Österreich Deutschland 1:2
12.10.2012 Irland Deutschland 1:6
16.10.2012 Deutschland Schweden 4:4
14.11.2012 Niederlande Deutschland 0:0
06.02.2013 Frankreich Deutschland 1:2
22.03.2013 Kasachstan Deutschland 0:3
26.03.2013 Deutschland Kasachstan 4:1
29.05.2013 Ecuador Deutschland 2:4
02.06.2013 USA Deutschland 4:3
14.08.2013 Deutschland Paraguay 3:3
06.09.2013 Deutschland Österreich 3:0
10.09.2013 Färöer Deutschland 0:3

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Seite 1
frubi 06.09.2013
1. .
Zitat von sysopGetty ImagesKein Thema wird bei der Nationalelf derzeit so heftig debattiert wie die Rolle der Defensive. Vor dem Duell gegen Österreich betonen alle den Wert einer stabilen Abwehr. Doch der Geist der Mannschaft ist von der Offensive geprägt - weil der Trainer es ihnen vorlebt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-qualifikation-deutschland-abwehrdebatte-gegen-oesterreich-a-920745.html
Ich war lange Zeit ein Befürworter von Löw und sein Offensiv-Fußball-Konzept hat den deutschen Fußball nach 2006 stark verändert und es kann niemand mehr wollen, dass wir in Zeiten von Wörns, Baumann, Nowotny, Frings und Co zurück fallen, oder? Dennoch muss ein Trainer einen Gegner studieren. Hat der Gegner schnelle Flügelstürmer, die eine hoch stehende Abwehr auseinanderreissen können? Ja? Wieso stehen die IV´s dann an der Mittellinie? Daran muss Löw arbeiten aber auch die Spieler müssen von selbst solche Situationen erkennen. Und es darf durchaus auch mal gegrätscht und gefoult werden. Bei den nächsten Beiden Turnieren ist die aktuelle Manschaft am Zenit und muss einen Titel holen. Wir haben einen sehr gute NAchwuchs und ich freu mich schon auf die N11 2020-2024 aber die aktuelle Manschaft hat nur noch 2 bis maximal 3 Turniere und andere Nationen holen auf.
tabuleranto1 06.09.2013
2. Defensivschwäche nur eine Momentaufnahme...
Die Defensivschwäche in den letzten Spielen wird die Mannschaft wieder in den Griff bekommen. Und auch Löw wird nicht entgangen sein, dass im modernen Fußball die Verteidigung bereits in der Offensive anfängt. Die Spieler setzen das ja auch in Ihren Vereinen (z.B. FCB, BVB) sehr gut um. Was wirklich fehlt ist die Feinabstimmung zwischen Mittelfeld und Verteidigung in der Rückwärtsbewegung und die Stellschraube bekommt Löw noch justiert. Und: Unsere Verteidiger haben mitunter Weltklasseformat (Lahm). Auch wenn einige derzeit weit entfernt sind von Ihrer Topform (Hummels, Boateng). Warum Löw immernoch auf Per Mertesacker baut, ist mir schleierhaft. Für die Özis sollte es heute so oder so zum Sieg reichen. Meiner Meinung nach sollte sich auch Manuel N. den ein oder anderen waghalsigen und überflüssigen Ausflug ersparen, dann wird das auch was mit einem Zu-Null-Sieg.
c218605 06.09.2013
3. Schwaebisches konfabulieren
Zitat von sysopGetty ImagesKein Thema wird bei der Nationalelf derzeit so heftig debattiert wie die Rolle der Defensive. Vor dem Duell gegen Österreich betonen alle den Wert einer stabilen Abwehr. Doch der Geist der Mannschaft ist von der Offensive geprägt - weil der Trainer es ihnen vorlebt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-qualifikation-deutschland-abwehrdebatte-gegen-oesterreich-a-920745.html
Also weiter hinten offen wie ein Scheunentor...
polyphon 06.09.2013
4. Löw steht eben nicht für Erfolg.
Löw als Trainer passt zu Deutschland. Wenn man schon zufrieden ist, wenn die Wirtschaft stagniert und nicht gleich schrumpft, ist Löw genau passend. Man darf den Stil nicht mit Angriffsfußball verwechseln. Löw steht dafür, die Zuschauer und Kommentatoren mit Gefälligkeit ruhig zu stellen. Es geht ihm weniger um Tore, als um ein schönen Spielaufbau (deshalb auch die neue Angst vor dem Torabschluss). Ach, eigentlich ist ihm schöner Spielaufbau ja wichtiger als Erfolg, sofern die Gruppenphase überstanden ist. Im Thread zum anderen Artikel über Lahm wird ja schon auf das EM-Spiel gegen Italien hingewiesen. Das war ein grober Stellungsfehler von Lahm, aber die Mannschaft war, wie so oft gegen "große" Gegner, falsch eingestellt (z. B. das extreme Aufrücken der defensiven Mittelfeldspieler und dadurch die Stellung der Innenverteidiger in Strafraumnähe). Die Taktik Löws ist maßgeblich für die wichtigen, verlorenen Spiele gegen Spanien und Italien mitverantwortlich. Die Defensive war viele Jahre die Basis des Erfolgs der Nationalmannschaft. Das war richtig, weil man gegen Top-Gegner hinten sicher stehen muss und sich keine Fehler erlauben darf. Nur Löw hat das nicht begriffen.
polyphon 06.09.2013
5. Löw ist eine Fehlbesetzung
Immer wieder wird wiederholt, wie wunderbar diese Spielergeneration ist. Jetzt droht ihr, ganz wie Portugals "goldener Generation", als verlorene Generation ganz ohne internationalen Titel zu bleiben. Löw hat die deutschen Fußballfans schön eingelullt, er ist in dieser Sache ein gelehriger Schüler von Klinsmann und der Vergleich mit Merkel drängt sich auf. Seine Äußerungen und das Bekenntnis zur Offensive sind eben nett für Medien und Fans, zeigen aber auch, dass er trotz hervorragender Spieler nicht in der Lage ist, ein variables System zu entwickeln, das z. B. gegen einen großen Gegner eine defensive Taktik ermöglicht. Das liegt in erster Linie an Löw, auf jeden Fall nicht nur an den Spielern. So wird Löw weiter gelobt und weiter verlieren. Dass ihm das Image wichtiger ist, als Substanz, zeigt er ja auch mit seinen Werbeverträgen. Überhaupt hat sich die NM unter Löw negativ entwickelt: Als wären die Gehälter nicht gut genug, wird sich noch dick mit Werbeverträgen eingedeckt. Dass bei all den Filmdrehs, Medienterminen und Sponsoring-Events keine Zeit für die Arbeit an der Taktik bleibt, leuchtet ein.
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