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12. September 2012, 06:44 Uhr

Knapper DFB-Sieg in Wien

Lehrstunde vom Verlierer

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Früh stören und den Spielaufbau des Gegners unterbinden - das möchte Bundestrainer Joachim Löw von seiner Mannschaft sehen. Doch beim Sieg gegen Österreich gab es ausgerechnet vom unterlegenen Gastgeber Anschauungsunterricht, wie Pressing richtig geht.

Hamburg - Der Innenverteidiger sucht verzweifelt eine Anspielstation, doch findet keine. Die gegnerischen Angreifer setzen ihn zu stark unter Druck. Die Folge ist ein Fehlpass direkt vor die Füße eines Gegners, ein Pass und eine Großchance. Bundestrainer Joachim Löw hatte vor den ersten WM-Qualifikationsspielen ein noch aggressiveres Pressing angekündigt. Doch in Wien gegen Österreich setzten einzig die Gastgeber diese Taktik um.

Dass die DFB-Auswahl trotzdem 2:1 gewann, war "Riesenglück", wie Innenverteidiger Mats Hummels sagte. Denn Österreich bestimmte über weite Strecken das Spiel. Einzig Stürmer Miroslav Klose setzte die von Löw geforderte Taktik um. Er lief viel und versuchte, den Spielaufbau der Österreicher zu unterbinden. Doch Pressing lebt davon, dass die gesamte Mannschaft mitmacht - und Klose bekam kaum Unterstützung.

"Wir haben Abspielfehler gemacht, jede Chance von Österreich war durch eigene Fehler zustande gekommen", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie. Österreichs Stürmer Martin Harnik, der zu etlichen Möglichkeiten gekommen war, wusste: "Deutschland hatte drei Chancen, wir vielleicht die doppelte Anzahl."

Die Gastgeber überzeugten in der ersten Hälfte durch ihre enorme Laufbereitschaft und trugen damit vor 47.000 Zuschauern im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion zur großen Verunsicherung in der deutschen Mannschaft bei. Ein Duell auf Augenhöhe hatte Löw erwartet, sein Team lag dabei aber in der ersten Halbzeit darunter.

Das Spiel gegen die Mannschaft der Färöer Inseln (3:0) am Freitag war schließlich keine ernsthafte Prüfung gewesen. Ein Mittel gegen das Pressing suchten die Deutschen lange vergebens. Trotz der großen Schwierigkeiten wollten sie sich spielerisch befreien. Es war allein der Chancenverwertung der Österreicher zu verdanken, dass sich dies nicht rächte. Kapitän Philipp Lahm gab zu: "Der Gegner hat früh Druck gemacht, damit sind wir überhaupt nicht klar gekommen."

Es schien, als ob die deutsche Mannschaft darauf nicht flexibel genug reagieren kann. ARD-Experte Mehmet Scholl bemerkte, dass das Team eine körperbetontere Spielweise hätte wählen müssen. Dabei war das Personal nahezu das gleiche wie gegen die Färinger - nur Marcel Schmelzer und Toni Kroos waren neu in der Startelf. Auch das 4-2-3-1-System lässt Löw schon seit Jahren spielen. Die Ordnung stimmte dennoch überhaupt nicht.

Die Viererkette offenbarte so große Schwächen wie schon lange nicht mehr. Insbesondere der Dortmunder Linksverteidiger Marcel Schmelzer sah häufig schlecht aus, auch die Innenverteidiger Hummels und Holger Badstuber hatten große Abstimmungsprobleme.

Eigene Fehler bringen Deutschland in Bedrängnis

Erst als die Österreicher ihrem hohen Tempo etwas Tribut zollen mussten, blieben die Deutschen länger in Ballbesitz. Offensiv kam trotzdem zunächst nur wenig zustande. Zwischen Sami Khedira, Marco Reus, Mesut Özil, Thomas Müller und Kroos funktionierte das Zusammenspiel nur selten. Die wenigen Möglichkeiten entstanden so nur per Zufall.

Mit einem kurzen Solo sorgte Reus dann etwas glücklich für das 1:0 (44. Minute). Zuvor hatte Klose den Ball nach einem Fehlpass von Sami Khedira schnell zurückerobert und auf den Dortmunder gespielt. Wirkliches Pressing war das aber nicht. Der verhaltene Jubel über den Treffer schien deutlich zu machen, wie schockiert die Deutschen über die eigene Schwäche in der ersten Hälfte gewesen waren.

Doch auch nach dem zweiten Tor durch einen verwandelten Foulelfmeter von Mesut Özil (52.) fehlte es der Mannschaft an Souveränität. "Wir hatten die Voraussetzungen geschaffen, das Spiel in Ruhe zu beenden", kritisierte Löw, "durch unsere Fehler haben wir uns selber in Bedrängnis gebracht." Schon fünf Minuten später gelang Österreich der Anschlusstreffer.

Mit viel Glück blieb es am Ende beim 2:1 in einem Spiel, bei dem nur das Ergebnis stimmte. "Jetzt müssen wir den nächsten Schritt machen", forderte Löw. Und er gab gleich aus, wie er das schaffen will: "Defensiv konsequent sein und früh stören." Wie das geht, hatten die Österreicher seinem Team ja schon gezeigt.

Österreich - Deutschland 1:2 (0:1)
0:1 Reus (44.)
0:2 Özil (52.)
1:2 Junuzovic (57.)
Österreich: Almer - Garics, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Baumgartlinger (85. Janko), Kavlak - Arnautovic, Junuzovic, Ivanschitz (75. Jantscher) - Harnik (55. Burgstaller)
Deutschland: Neuer - Lahm, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus (46. Götze) - Klose (75. Podolski)
Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
Zuschauer (in Wien): 47.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Prödl, Fuchs, Baumgartlinger - Lahm (2)

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