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DFB-Gegner Österreich Toller dank Koller

Österreichs Nationalteam ist unter Trainer Marcel Koller zu einer Einheit gewachsen. Der Schweizer hat das aufgeregte Umfeld geerdet, Arbeit geht mittlerweile vor Sprücheklopfen. In der WM-Qualifikation soll jetzt der langersehnte Sieg gegen Deutschland gelingen.

Man kann nicht behaupten, dass der Fußballlehrer Marcel Koller sein berufliches Glück in Deutschland gefunden hat. Mit dem 1. FC Köln stieg Koller 2004 ab, anschließend hatte er mehr als vier Jahre mit dem VfL Bochum einen Verein zu betreuen, dessen Schicksal es ist, sich zwischen erster und zweiter Bundesliga hin und her zu bewegen. Dem Schweizer sagten damals schon viele nach, er habe höhere Aufgaben verdient.

Seit zwei Jahren ist Koller für die Geschicke der österreichischen Nationalmannschaft verantwortlich, und wenn auch noch nichts erreicht ist, so ist doch schon vieles in Bewegung geraten. Es gibt dankbarere Jobs, als das ÖFB-Team zu betreuen. Die Erwartungen im Lande an diese Mannschaft schwanken normalerweise zwischen Größenwahn und purem Fatalismus. Koller ist es gelungen, die Ansprüche zu erden. Ein bedächtiger Schweizer ist heute der Hoffnungsträger des notorisch aufgeregten österreichischen Fußballs.

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Österreichs Nationalmannschaft: Jung, erfahren, leistungsfähig

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"Es ist wichtiger, einen Plan umzusetzen, als Sprüche zu klopfen", hat Koller vor der Partie am Freitag gegen den übermächtig wirkenden Nachbarn Deutschland (20.45 Uhr ZDF, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gesagt. Und allein das ist schon eine Art Paradigmenwechsel. Sprüche klopfen - darin waren die Österreicher früher immer WM-reif.

Ausgerechnet sein Kapitän scheint vor dem Deutschlandspiel nicht genau zugehört zu haben. "Löw nimmt den Mund sehr voll, wenn er von einem Sieg spricht. Der klopft große Sprüche. Wer so redet, fällt meistens vom hohen Ross", erklärte Christian Fuchs, 27. Der Verteidiger in Diensten des FC Schalke 04 ist aber einer der wenigen, die öffentlich laut Stimmung machen. "Wir werden das Letzte geben, um das Land stolz zu machen", sagte der begabte Innenverteidiger Aleksandar Dragovic, der mittlerweile bei Dynamo Kiew in der Ukraine unter Vertrag steht.

Neue junge Fußballergeneration

Der 22-jährige Dragovic steht für eine neue österreichische Fußballergeneration, jung, talentiert, gut ausgebildet und mit frühen Auslandserfahrungen. Wie Dragovic, der zuvor beim FC Basel gespielt hat, wie Zlatko Junuzovic von Werder Bremen, Martin Harnik vom VfB Stuttgart. Allen voran aber marschiert David Alaba vom FC Bayern München, der erste Österreicher im deutschen Fußball seit Ernst Happel, der den Champions-League-Titel feiern konnte.

Alaba, den sein Vereinstrainer Josep Guardiola mal so nebenbei zu "einem der besten Linksverteidiger der Welt" geadelt hat, ist mit seinen gerade 21 Jahren bereits die Führungsfigur dieses Teams. In der Nationalmannschaft spielt er tendenziell weiter vorn als beim FC Bayern. Die Teamkollegen aus München, die am Freitag auf der anderen Seite stehen werden, wissen um seinen gefährlichen Distanzschuss. "Es wird auch darauf ankommen, diese Bälle zu blocken und zu verhindern", sagt zum Beispiel Thomas Müller. Wenn Deutschland gegen das ÖFB-Team in der österreichischen Presse zum Duell Goliath gegen David stilisiert wird, dann wegen David Alaba.

Die Österreicher liegen mit jetzt elf Punkten aus sechs Qualifikationsspielen gleichauf mit Irland und Schweden auf Platz zwei der Gruppe, selbst Spitzenreiter Deutschland ist noch ohne Fernglas in Sichtweite. "Sie haben Jahr für Jahr einen Schritt nach vorn gemacht", lobt DFB-Assistenzcoach Hans-Dieter Flick. Was an der Hackordnung zwischen beiden Teams nichts ändern sollte: "Sie behaupten ja seit Jahren: Jetzt sind sie mal dran. Es liegt an uns, ihnen zu zeigen, dass sie noch nicht so weit sind", sagt Müller. Hier spielt schließlich der Zweite der Fifa-Weltrangliste gegen den aktuell 55. des Rankings. Alle vergangenen acht Aufeinandertreffen gewann das deutsche Team.

7000 Fans begleiten ihr Team nach München

Auch Marcel Koller sorgt dafür, die Favoritenrolle angemessen zu verteilen. Auf der Abschluss-Pressekonferenz präsentierte er sich zur eigenen Aufstellung äußerst wortkarg, dafür strich er umso überschwänglicher die deutschen Qualitäten heraus. Man spiele gegen ein "Weltklasseteam mit Weltklasse-Einzelspielern", gegen "den WM-Favoriten", seine eigene Mannschaft dagegen befinde ich noch "im Entwicklungsprozess". Die Strategie, sich gegen andere möglichst kleinzumachen, beherrscht er als Schweizer quasi naturgegeben.

Die Euphorie hat er damit allerdings nicht bremsen können. 7000 österreichische Fans werden am Abend in der Arena in München erwartet, noch nie haben so viele ÖFB-Anhänger ihr Nationalteam zu einem Auswärtsspiel begleitet. "Wir haben uns Respekt erarbeitet", sagt Abwehrspieler Sebastian Prödl von Werder Bremen.

In Bochum gelang es Koller vier Jahre lang, mit dem VfL die Klasse zu erhalten. Als er ging, stieg Bochum ab. Der Mann hat offenbar ein Händchen für die Kleinen.