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Deutsche WM-Qualifikation Nüchternheit ist die neue Euphorie

Das DFB-Team hat sich ungefährdet für die WM qualifiziert, von Euphorie ist dennoch wenig zu spüren. Mannschaft und Fans haben nach den Erfahrungen der EM gelernt, den Qualifikationserfolgen zu misstrauen.
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Qualifikations-Bilanz der DFB-Elf: Souveräne Siege, ein spektakuläres Remis

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Fußball ist keine Mathematik, aber ab und an ist es hilfreich, einen Blick auf die Zahlen zu werfen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat nach dem 3:0-Erfolg über Irland neun WM-Qualifikationsspiele absolviert. Sie hat acht davon gewonnen und einmal Unentschieden gespielt. Sie hat dabei 31 Treffer erzielt, fast doppelt so viele wie der Gruppenzweite Schweden (16 Tore). Von allen Europäern haben nur die Niederlande dank ihres beeindruckenden Achterpacks gegen Ungarn ein Tor mehr auf dem Konto. Diese WM-Qualifikation der DFB-Mannschaft war ein souveräner Vortrag. Niemand wird das anzweifeln.

Und dennoch ist von Euphorie, die man angesichts dieser Eckwerte erwarten dürfte, derzeit überraschend wenig zu spüren, weder in der Öffentlichkeit noch bei den Spielern selbst. "Wir haben ein Jahr lang ordentlich gearbeitet, es waren gute Spiele dabei und weniger gute Spiele", lautet das Fazit von Kapitän Philipp Lahm. Eine mehr als nüchterne Arbeitsbilanz. Wie kommt das?

Dass sich eine deutsche Mannschaft als Gruppenerste vorzeitig für ein Turnier qualifiziert, wird vom Publikum und vom Team als Selbstverständlichkeit angesehen: Eine DFB-Mannschaft mit diesen Möglichkeiten hat sich zu qualifizieren. Punkt. Das ist die Erwartung, die Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler transportieren. Deutschland ist ein geborener Turnierfavorit, und das hat sich die Löw-Elf durch ihre Leistungen erarbeitet.

Die Spiele gegen Italien und Schweden wirken nach

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WM-Qualifikation: Drei Tore für den Zuckerhut

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Auf der anderen Seite wirken die Schockerlebnisse aus dem Vorjahr immer noch nach. Vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hatte das DFB-Team die Qualifikation noch glamouröser gestaltet. Sie hatte alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, hatte rauschende Offensiv-Partys gefeiert. Der EM-Titel schien ein natürliches Endprodukt dieser Entwicklung zu sein, bis der Halbfinal-Abend von Warschau gegen die cleveren Italiener diese Träume brutal zur Illusion werden ließ.

Und als wenige Monate später in Berlin ein 4:0 nach 60 Minuten gegen Schweden auf fast unerklärliche Weise noch verspielt wurde, war die Verunsicherung überall spürbar. Tage vor dem schon legendären Schweden-Spiel hatte sie noch 6:1 in Irland gesiegt. Welches war denn jetzt das wirkliche Gesicht der Nationalmannschaft - Dublin oder Berlin? Oder beides? Die DFB-Elf schien ein erheblich fragileres Gebilde zu sein, als dies der Öffentlichkeit jahrelang suggeriert worden war. Beim Heimspiel gegen Kasachstan im März reichte eine Unachtsamkeit von Torwart Manuel Neuer, um den Schwung des Teams nachhaltig zu lähmen. Und das Nürnberger Publikum gegen die eigene Mannschaft aufzubringen.

Murren im Sommer nach den Testspielen

Dazu kamen eher mediokre Testspiel-Auftritte im Sommer bei der USA-Reise und gegen Paraguay, die Debatte um eine vermeintliche Abwehrschwäche, die unerquickliche Diskussion um die Nicht-Nominierung des Leverkuseners Stefan Kießling.

Die Stimmung um die Nationalmannschaft hat das geprägt. Und den Blick auf die Erfolge verschleiert.

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All das ist noch im Hinterkopf und erklärt, dass auch der Trainer selbst nach dem Irland-Spiel nur von einer "guten Qualifikation" spricht, um dann gleich den Blick auf das zu richten, was bis Brasilien 2014 noch zu tun ist: Die Stabilisierung der Defensive und das "Spiel im letzten Drittel", wie Löw es nennt. Tatsächlich wäre die Torbilanz dieser Qualifikation noch eine ganz andere, wenn man mehr als nur einen Bruchteil der erarbeiteten Gelegenheiten genutzt hätte. Die mangelnde Chancenauswertung ist möglicherweise sogar das größere Problem als die zuletzt viel diskutierte Abwehr.

Die vermeintlich unerschütterliche Selbstsicherheit, die die Nationalmannschaft vor der EM 2012 nach außen zur Schau getragen hat, ist gewichen. Sie hat Nüchternheit Platz gemacht, einer gewissen Vorsicht, auch Misstrauen, Siegen gegen Österreich oder Irland vor Turnieren große Bedeutung beizumessen. Den Erfolgsaussichten in Brasilien kann das nur guttun.

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