WM-Qualifikation Geburt einer großen Mannschaft!!?

Mit 1:0 hat die deutsche Nationalmannschaft gegen England gesiegt. Besonders die Art und Weise, wie sich das Team von Rudi Völler in Wembley präsentierte, gab Anlass zu großer Freude.


Didi Hamann: Bester Mann auf dem Platz und Schütze des Siegtores
REUTERS

Didi Hamann: Bester Mann auf dem Platz und Schütze des Siegtores

London - Die deutsche Nationalmannschaft und Dietmar Hamann haben den Gastgebern die grandiose Abschiedsparty beim letzten Spiel im Wembleystadion gründlich verdorben. In der vor 77 Jahren eingeweihten legendären Arena im Herzen von London gelang der DFB-Auswahl in ihrem zweiten WM-Qualifikationsspiel ein verdienter 1:0 (1:0)-Erfolg gegen das Fußball-Mutterland.

Mit sechs Punkten verteidigte der Welt- und Europameister, der zum Auftakt der "WM-Quali" Griechenland 2:0 geschlagen hatte, erfolgreich die Tabellenführung in der Europagruppe neun. Die Engländer, die zum Auftakt der Qualifikationsrunde auf dem Weg zur WM-Endrunde 2002 in Japan und Südkorea spielfrei hatten, erwischten dagegen einen totalen Fehlstart. Durch die Heimniederlage im Duell der EM-Versager gerät der englische Teammanager Kevin Keegan wieder stark unter Druck.

Vor 76.377 Zuschauern in der seit Wochen ausverkauften Kultstätte, die in den nächsten Wochen abgerissen und anschließend völlig neu errichtet wird, machte ausgerechnet England-Legionär Dietmar Hamann mit einem herrlichen Freistoßtor in der 14. Minute den Triumph der DFB-Auswahl, die im 28. Klassiker mit dem Weltmeister von 1966 ihren elften Sieg feierte, perfekt. Insgesamt war es der fünfte deutsche Sieg in England, das vor 34 Jahren das WM-Finale mit 4:2 nach Verlängerung unter anderem durch das berühmte "Wembley-Tor" von Geoff Hurst gegen die DFB-Auswahl gewonnen hatte.

Oliver Bierhoff, Martin Keown: Grandioses Kampfspiel im strömenden Regen
DPA

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DFB-Teamchef Rudi Völler feierte zudem in seinem dritten Einsatz als Platzhalter für den designierten und zugleich umstrittenen Bundestrainer Christoph Daum seinen dritten Sieg. Dadurch dürften allein aus sportlicher Sicht die Diskussionen um die künftige Führung in der Nationalmannschaft neue Nahrung erhalten.

"Wenn wir ein frühes Tor schießen, käme das unserem Spiel sehr entgegen", hatte Völler bereits vor der Begegnung erklärt. Seine Mannschaft, die lediglich in den ersten zehn Minuten etwas nervös agierte, tat ihm den Gefallen. Denn bereits in der 14. Minute nutzte Dietmar Hamann mit einem Freistoß aus 25 Metern die erste Chance der Gäste zur 1:0-Führung. Mit einem Flachschuss ließ der England-Legionär vom FC Liverpool David Seaman im Tor der Gastgeber auf dem rutschigen Rasen keine Chance. Mit einem beherzten Einsatz gegen Englands Mittelfeldspieler Paul Scholes hatte der zu Anfang stark aufspielende Leverkusener Michael Ballack den Freistoß herausgeholt.

In der Folgezeit dominierte die deutsche Nationalmannschaft Ball und Gegner nach Belieben - ein Bild, das der gemeine Fußballfan schon seit längerem nicht mehr gesehen hatte. Lediglich in der 20. Minute herrschte für Oliver Kahn einmal höchste Alarmstufe, als die Gastgeber einen Freistoß aus 20 Metern zugesprochen bekamen. Mit dem harmlosen Schuss von Superstar David Beckham hatte der Schlussmann von Bayern München ab er keine Probleme.

Die Elf von Rudi Völler, die ihrem Kontrahenten stets einen Schritt voraus war, verpasste es lediglich, vor der Pause die Führung auszubauen. Marco Bode mit einem Freistoß in der 24. sowie Mehmet Scholl mit einem Freistoß in der 35. Minute hatten jeweils die Gelegenheit dazu.

Die beste Möglichkeit besaß allerdings Mittelfeldspieler Carsten Ramelow, der in der 42. Minute freistehend von der Strafraumgrenze das Ziel verfehlte. Zwei Minuten später hatten die Briten ihre bis dahin beste Gelegenheit, als Kapitän Tony Adams Kahn zu einer Glanzleistung zwang.

Nach dem Seitenwechsel erhöhten die Hausherren kurzzeitig den Druck, die taktisch blendend eingestellte deutsche Mannschaft ließ sich aber nicht aus dem Konzept bringen. Acht Minuten nach dem Seitenwechsel verpasste Scholl das mögliche 2:0, als er nach einem herrlichen Solo an Seaman scheiterte. In der 59. Minute verhinderte Kahn erneut mit einer Glanztat den möglichen Ausgleich durch Beckham.

Völler hatte bis eine Stunde vor Spielbeginn mit der Mannschaftsaufstellung gepokert, um die Engländer im Glauben zu lassen, das England-Legionär Christian Ziege von Beginn an spielt. Der Liverpooler fand sich bei Spielbeginn allerdings auf der Bank wieder, da der DFB-Teamchef auf der linken Seite Marco Bode im Defensivbereich den Vorzug gegeben hatte. Der Bremer zahlte das Vertrauen mit einer grandiosen Leistung zurück, in dem er Englands Spielgestalter David Beckham nahezu neutralisierte und sich immer wieder in den Angriff einschaltete.

Herausragende Spieler in einer taktisch hervorragend agierenden deutschen Mannschaft waren neben dem Torschützen Hamann, der überall auf dem Platz zu finden war, noch Abwehrchef Jens Nowotny, der zur Pause auf dem Weg in die Kabine von einem Gegenstand am Kopf getroffen worden war, nach Behandlung aber weiterspielen konnte. Eine Bestnote verdiente sich einmal mehr auch Torwart Oliver Kahn, der dreimal mit Weltklassereaktionen einen Treffer der Engländer verhinderte. Auf Seiten der Gastgeber, die erst in den letzten 20 Minuten den von ihren Fans erhofften Druck machten, gefielen mit Abstrichen die beiden Manchester-Stars Beckham und Andy Cole.

Von Jürgen Zelustek und Thomas Niklaus, sid



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