WM-Qualifikation Sieg mit links

Der Fußballzwerg hatte keine Chance: Die deutsche Nationelf hat Liechtenstein bei der WM-Qualifikation klar besiegt. Besonders Lahm, Trochowski und Podolski spielten brillant - dadurch wurden die Schwachstellen im Löw-Team noch deutlicher.

Aus Liechtenstein berichtet


Vaduz - Gut möglich, dass Joachim Löw nach dem Spiel nur höflich gegenüber dem Gastgeber sein wollte: "Das hatte heute den Charakter eines Pokalspiels in der ersten Runde", bilanzierte der Bundestrainer, um im Nachsatz dann den "Willen" der Liechtensteiner hervorzuheben, "den Großen ein Bein zu stellen".

Zu dem Zeitpunkt war – hätte es Löw nicht noch einmal betont – schon fast in Vergessenheit geraten, dass die Platzherren in der ersten Hälfte tatsächlich ganz ordentlich mitgespielt und bis zur Pause nicht mehr als ein einziges Gegentor (Podolski, 21.) zugelassen hatten. Nach dem Wechsel war es dann jedoch schnell vorbei mit der qualifizierten Gegenwehr: erneut Podolski (48.), Rolfes (65.), Schweinsteiger (66.), Hitzlsperger (76.) und Westermann (86.) steuerten die Tore zwei bis sechs für Deutschland bei – solch ein Resultat erreicht man selbst gegen Liechtenstein nicht grundlos.

So sahen die 7800 Zuschauer im Liechtensteiner Dauerregen dann auch einen stimmigen deutschen Auftritt. Die Achse Lahm-Trochowski-Podolski machte sogar richtig Spaß. Drei ballsichere, schnelle und dynamische Spieler, die überraschend gut harmonieren – sollten die drei dauerhaft die Chance haben, zusammen zu spielen, könnte da ein ganz neues Gravitationszentrum im deutschen Spiel entstehen.

Für Löw, der Trochowski bereits zu einem Zeitpunkt gelobt hatte, als der noch kaum Fürsprecher hatte, war die Leistung gegen Liechtenstein Anlass genug, den Hamburger auch öffentlich herauszustreichen: "Er hat jetzt mehr Zutrauen in seine Fähigkeiten und zeigt jetzt im Spiel das, was er im Training schon immer gezeigt hat."

Nicht auszudenken, wie spektakulär das deutsche Spiel sein könnte, wenn auf der rechten Seite von ähnlichen Heldentaten zu berichten wäre. Doch dort fand sich - wie schon gegen Belgien – mit Clemens Fritz der schwächste deutsche Spieler: Mut- und kraftlos in der Vorwärtsbewegung, langsam und mit Schwächen im Zweikampf. Alles andere als gute Voraussetzungen also, um einem Bastian Schweinsteiger den Rücken frei zu halten, an dem das Spiel zumindest während der ersten Hälfte vorbeilief.

Selbst Liechtensteins Trainer Bidu Zaugg, ein bescheidener Mann, der sich fast dafür entschuldigt hätte, dass er seinem Team am Mittwoch in Aserbaidschan Positives zutraut, sah da Grund zur Freude. Die Anfälligkeiten auf der rechten deutschen Abwehrseite waren auch ihm nicht entgangen: "Wir hatten das Problem, dass wir nur auf der einen Seite rausspielen konnten." Doch aus deutscher Sicht ist eine offene Seite gegen Liechtenstein eine zu viel.

Das schien auch Bundestrainer Löw nicht kaschieren zu wollen, der für seine Verhältnisse geradezu überdeutlich zu erkennen gab, dass er sich schon zum Finnland-Spiel am Mittwoch (19 Uhr 35, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nach Alternativen umschaut. Die Trainingsleistungen von Back-up Andreas Hinkel lobte er – ohne auf ihn angesprochen worden zu sein - geradezu überschwänglich ("gute Offensivaktionen", "gute Flanken"). Eine andere Möglichkeit wäre es, Philipp Lahm auf rechts zu ziehen und Marcell Jansen auf links einzusetzen. Doch das käme nach den Eindrücken vom Liechtenstein-Spiel der Zerstörung eines Gesamtkunstwerks gleich.

Bliebe noch die Frage nach der Zukunft des zweiten Problemfalls im deutschen Team. Miroslav Klose lief gegen Liechtenstein als Kapitän auf und wirkte fast erleichtert, als er nach 64 Minuten vom Feld durfte. Abermals war ihm nichts gelungen. So sympathisch es von Jürgen Klinsmann sein mag, Podolski auf der Bank zu lassen, um Klose die Chance zur Rehabilitation zu geben. So sympathisch es von Löw sein mag, immer und immer wieder zu betonen, wie sehr Klose "für die Mannschaft arbeite" – derzeit ist jeder Einsatz von Beginn an ein Gnadenakt.

Doch während es bei den Bayern an Masochismus grenzt, Podolski zu Gunsten von Klose auf der Bank zu lassen, ist die Lage bei der Nationalmannschaft weniger eindeutig. Podolski, der Bayern-Ersatzmann, spielt hier selbstredend. Und die Stürmer in der zweiten Reihe drängen sich eher als Alternative zu Klose denn aufgrund ihrer eigenen Stärke auf. Mario Gomez agiert nach seiner Verletzungspause noch nicht so zwingend wie zuvor, Kevin Kuranyi bleibt seit geraumer Zeit vieles schuldig, was einen Platz in der Startformation rechtfertigen würde.

Und Patrick Helmes, dem Löw für die Zukunft so viel zutraut, war gegen Liechtenstein nicht einmal auf der Bank.

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