WM-Rekordsieg Deutscher Tor-Hagel schockiert Gegner

Ein Sieg zum WM-Auftakt war zwar eingeplant - dass die deutschen Frauen Argentinien aber so sehr blamieren würden, hat alle überrascht. Es bleibt die Erkenntnis: Die nächsten Gegner sind nicht so leicht zu schlagen.

Von Katrin Weber-Klüver, Shanghai


Soviel dazu. Das Auftaktspiel der WM zu gewinnen, hatte Bundestrainerin Silvia Neid in einem Mehr-Punkte-Programm ihrer Mannschaft als erste Pflicht ausgegeben. Dass es gleich ein 11:0 (5:0)-Sieg im Eröffnungsspiel in Shanghai wurde, ist so etwas wie Plansollübererfüllung. Neid war zufrieden: "Wir wollten uns Selbstvertrauen holen, das ist geglückt." Ihre Kapitänin Birgit Prinz relativierte: "Es war wesentlich einfacher, als wir es uns vorgestellt haben."

Es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die deutsche Mannschaft in diesem Turnier noch einmal einem so schwachen Gegner gegenüberstehen wird. Für eine WM war der Auftritt der Argentinierinnen erbärmlich, für sie selbst war es ein "Alptraum", sagte ihr Trainer José Carlos Borrello. Birgit Prinz verriet, dass das Trainerteam ihnen bei den Video-Analysen der Gegnerinnen bereits vieles angedeutet hatten: "Aber wir haben unseren Trainern nicht geglaubt, dass es so einfach wird."

Diese Verblüffung teilten ihre Mitspielerinnen. Die Argentinierinnen hatten vor dem Spiel ein wenig die Muskeln spielen lassen und, wie Melanie Behringer zu berichten wusste, vorm Hotel der Mannschaften von Bus zu Bus versucht, die Deutschen zu provozieren. Im Spiel aber waren sie wie Fallobstboxer aufgetreten, die sich für ein schmerzhaftes Sparring bezahlen lassen. Dass darüber der 11:0-Erfolg der Deutschen, der höchste in der WM-Geschichte, den Beigeschmack des Unseriösen, zumindest nicht wirklich Wertvollen bekam, war naheliegend, aber auch ungerecht, wie Prinz meinte: "Das ist nicht unsere Schuld. Wir haben unser Bestes gegeben."

Und es liegt ja wirklich nicht immer alles nur an der Schwäche überforderter Gegner, man muss selbst noch etwas aus den Möglichkeiten machen, die einem der weite Raum dann bietet. Vor allem auf einem eher schwierigen Rasen, auf dem die Spielerinnen oft wegrutschten. Umrahmt von zwei Eigentoren der argentinischen Torhüterin Vanina Correa (12., 91.) erzielten Kerstin Garefrekes, Renate Lingor und Melanie Behringer ("Ich habe mich bei meinem Tor gewundert, dass sich keiner in den Weg stellt.") je ein Tor, je dreimal trafen Prinz und ihre Sturmpartnerin Sandra Smisek.

Gelungenes Spiel über die Außen

Die Vorbereitung der meisten Treffer war besonders im Spiel über die Außen, das zuvor von Neid als Schlüssel zum Erfolg ausgegeben worden war, sehr hübsch anzusehen. Garefrekes entwickelte die Offensive routiniert und engagiert gut über rechts, auf der linken Seite bestand die 21-jährige Melanie Behringer ihre Bewährungsprobe beim WM-Debüt. Als Vorbereiterin wie im Abschluss war sie spielerisch überzeugend, und zudem in ihrer ganzen Präsenz äußerst souverän. Als sie ausgewechselt wurde, gab es Applaus von den Rängen des Hongkou Stadions.

Ganz anders verlief das Spiel für Simone Laudehr. Sie, die Drucksituationen schon überwunden glaubte, war nervös, fahrig, kam schlecht in die Zweikämpfe, das Spiel lief meist an der jungen Mittelfeldspielerin vorbei. Sie verließ erst den Rasen und später das Stadion mit hängendem Kopf. Besser fühlte sich ihre Partnerin im Zentrum, Renate Lingor, deren gute Technik immer noch nicht in brillantes Spiel mündete. Die aber selbst befand: "Ich bin zufrieden, wir standen gut in der Abwehr und ich habe versucht, mich vorne einzuschalten."

Mit Blick auf das zweite Gruppenspiel am Freitag, ebenfalls in Shanghai, könnte es dann noch ein bisschen mehr sein. Gegner England ist zwar auch keine Weltspitze, aber ein anderes Kaliber als Argentinien. Die Engländerinnen, die morgen gegen Japan ins Turnier starten, dürften den Deutschen mehr Arbeit in der beim Auftakt wenig geforderten, aber dann nicht durchweg souveränen Abwehr abverlangen. Was immerhin interessant werden könnte.

In der Offensive werden die Deutschen nicht noch einmal so viel Raum auf den Flügeln haben. Da wären dann mehr spielerische Impulse aus dem Zentrum nicht schlecht. Wie Silvia Neid nach dem Argentinien-Spektakel so schön sagte: "Mit diesem Ergebnis haben wir die Gegner etwas geschockt, aber wir dürfen das nicht überbewerten."



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