WM-Sicherheit Das Risiko hieß Goleo

Umfassende Datensammlung aller Kartenkäufer, strenge Kontrollen an den Stadioneingängen: Die Fifa versuchte alles, um diese WM zur sichersten aller Zeiten zu machen. Das hat auch fast geklappt, nur das Maskottchen machte dem Verband einen Strich durch die Rechnung.

Von Oliver Lück


Es war einmal ein Land, in dem war alles und jeder absolut sicher. Sicher vor dem Bösen dieser Welt. Dort gab es keinen Rassismus, dort herrschte stets Fairplay, dort wurde alles und jeder kontrolliert. Dieses Land heißt Fifa-Land, geht alle vier Jahre auf Weltreise und ist noch bis Sonntagabend in Deutschland zu Gast bei Freunden.

Maskottchen Goleo (Mitte): Winkend tapste er einfach weiter
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Maskottchen Goleo (Mitte): Winkend tapste er einfach weiter

Auch Deutschland ist ein Land, das glaubt, sicherer als andere zu sein. Beide Länder zusammen sind in etwa so unantastbar wie Fort Knox, das Pentagon und Alcatraz gleichzeitig. Genauso wie man in den letzten Wochen in jedem Hubschrauber, den man irgendwo fliegen sah, ganz automatisch den Kaiser persönlich vermutete, konnte man fest davon ausgehen, in den deutschen Fifa-WM-Stadien absolut sicher zu sein.

Die Fifa hatte einen riesigen Sicherheitsapparat aufgestellt. Mancherorts mussten die Fußballfreunde ihre Eintrittskarten gar vier- bis fünfmal vorzeigen, bis sie auf ihren Sitzen Platz nehmen durften. Die Leibesvisitationen an den Stadieneingängen erinnerten an die Personenkontrollen an Flughäfen: Jeder Besucher bekam vor dem Betreten die deutsche Gründlichkeit hautnah zu spüren und muss sich wie das ostdeutsche Ampelmännchen gefühlt haben – die Pose dieser WM: still gestanden, mit weit ausgebreiteten Armen.

Taschenmesser und Handgranaten wurden bei den Freunden aus aller Welt allerdings selten gefunden. Vielleicht erklärt aber gerade diese geringe Ausbeute an wirklich gefährlichen Gegenständen die ausufernde Fantasie mancher Sicherheitsleute, die in so manchem Pappkarton oder mancher Tröte das Böse erkannt zu haben glaubten. Was nicht mit ins Stadien genommen werden durfte, wurde gegen Quittung in Containern verwahrt, die wiederum von zwei Sicherheitsleuten bewacht wurden.

Die Regale in den Containern waren immer gut gefüllt: Deos, Rucksäcke, Wodkaflaschen, Fußbälle, ein aufblasbarer Baseballschläger. Ein Pappkarton, den sich ein Fan aus den USA über den Kopf gestülpt hatte. Vorne hatte er eine Öffnung hinein geschnitten, darüber die Aufschrift "Hi Mom, I’m on TV!" Warum die Pappe "viel zu gefährlich", so der Sicherheitsmann, für den Besuch eines Fußballspiels war, konnte niemand so richtig erklären, wurde dann aber – wie in den meisten Fällen – mit den Worten "Vorschrift der Fifa" abgetan. Hatte die Fifa tatsächlich Pappkartons verboten?

Wahrlich, es gab unglaubliche Szenen zu sehen bei dieser WM. Aber die vielleicht absurdesten Momente waren, wie so oft, kleine, die am Rande. So mussten Frauen ihre Stöckelschuhe ausziehen und barfüßig in die Stadien laufen. "Vorschrift der Fifa", lautete auch hier die knappe Antwort des Securitymenschen, mit den hohen Hacken könnten andere verletzt werden. Journalisten mussten ihre Laptops hochfahren, um zu beweisen, dass diese keine Attrappen und erst recht keine Bomben seien.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen verschärfte Sicherheitskontrollen. Aus moderaten, besonnenen Menschen werden beim Fußball ja nicht selten unberechenbare, keifende Monster. Oder gar Kleinterroristen, die mit Golfbällen, Bierbechern oder Feuerzeugen schmeißen. Da ist ein bisschen Fummeln am Eingang doch mehr als angemessen.

Genauso wenig habe ich etwas gegen Goleo, für viele schon immer ein Problemlöwe, da er keine Hose trägt. Dabei hätte ich allen Grund, so richtig sauer auf das zottelige WM-Maskottchen zu sein. Es passierte vor dem Anpfiff des Achtelfinals Brasilien gegen Ghana in den Katakomben des Dortmunder Stadions: Ich ahnte nichts Böses, fühlte mich rundum Fifa-sicher und schrieb gerade etwas in mein Notizbuch, da versetzte mir jemand von hinten einen mächtigen Stoß. Ich taumelte, stürzte aber nicht.

Und ob Sie es mir glauben oder nicht: Goleo war es, der mich umgerannt hatte. Er merkte es noch nicht mal. Winkend tapste er einfach weiter. Auch wenn es absurd klingt: Das größte Sicherheitsrisiko bei dieser WM war – zumindest nach dieser Erfahrung – nicht der internationale Terrorismus und auch nicht die wilden Hooligan-Horden, sondern ganz einfach das Fifa-Maskottchen.



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