Deutscher Sieg in Italien Elf Dinge, die Sie noch nicht über die Fußball-WM 1990 wussten

Elfmeter, Andreas Brehme, Tor und Titel: Heute vor 25 Jahren triumphierte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Italien - ja, ja, das wissen Sie alles. Was Sie über das Turnier nicht wissen, erfahren Sie hier.

Von und


Das wissen Sie: Lothar Matthäus' Solo über den halben Platz beim 4:1 gegen Jugoslawien. Pierre Littbarskis Dribbling beim 1:1 gegen Kolumbien. Und natürlich die Spuckerei beim 2:1 gegen die Niederlande von Frank Rijkaard. Mitten rein in Rudi Völlers Lockenpracht (siehe oben). Der Elfmeterkrimi gegen England, Stuart Pearce verschießt, Olaf Thon trifft, Sie erinnern sich.

Und dann das Endspiel. Argentinien, Maradona gegen Guido Buchwald. Der Elfmeter, Andreas Brehme, Tor, Titel. Wenn Sie jetzt Gianna Nanninis "Un'estate italiana" summen, dann wissen Sie mindestens zwei Dinge: Dass der 8. Juli 1990 schon weit zurückliegt und Sie ganz schön alt sind.

Schön war's trotzdem. Die Fußballweltmeisterschaft in Italien zählt auch wegen der Vielzahl an ikonischen Momenten zu den schillerndsten der Geschichte. Franz Beckenbauer, mit den Händen in den Hosentaschen, allein auf dem Rasen im Römer Olympiastadion. Sein "Auf Jahre hinaus unschlagbar"-Zitat. Und so weiter.

Im Video: Klassentreffen der Weltmeister

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Zuvor hatte seine Mannschaft "Etrusco Unico" getreten, gestreichelt und geköpft: So hieß damals der offizielle Spielball. Durchschnittlich 28,83 Millionen Fernsehzuschauer sahen das Endspiel in Deutschland. Und jeder Weltmeister erhielt 64.000 Euro vom Deutschen Fußball-Bund. Das wussten Sie sicher noch nicht, oder?

Hier sind weitere verblüffende Fakten zur WM 1990, von Fäden für Fußbälle über geradezu putzige Transfererlöse der Final-Helden bis zum ganz großen Fifa-Reibach. Und natürlich gibt es den Arbeitsnachweis von Diego Maradona.

TV Total

Das Finale in Italien sahen 1990 im Durchschnitt 28,83 Millionen Fernsehzuschauer (Westdeutschland); 2014 waren es 34,65 Millionen. (Spitzenwerte: 31,07 Millionen (Westdeutschland); 36,41 Millionen). Die Zahlen sind tatsächlich direkt miteinander vergleichbar, obwohl die Bundesrepublik heute um fünf Bundesländer und damit rund 20 Millionen Menschen größer ist als damals, obwohl heute in gut zwei Millionen Haushalten mehr als vier Fernseher stehen. "Beides sind Zuschauerzahlen, sie sind vergleichbar", sagt Jan Saeger von der GfK der "Süddeutschen Zeitung". Die Gesellschaft misst wie eh und je die Quote, indem sie TV-Geräte in 5000 Haushalten mit Zusatzmodulen bestückt, die das Seh- und Umschaltverhalten speichern. Apps auf Tablets, Zuschauer auf Fanmeilen oder in Kneipen werden nicht erfasst.

Mittendrin

WM 1990 in Bella Italia: In 167 Ländern konnten Fernsehzuschauer das Turnier verfolgen, zu einer Zeit, in der sich das Privatfernsehen in Deutschland gerade erst entwickelte und das Wort Pay-TV bei den meisten Menschen nur Stirnrunzeln hervorrief. 25 Jahre später, bei der WM in Brasilien, kamen 214 Länder und Territorien in den Genuss von Live-Bildern. Vor Ort schauten 1990 2,51 Millionen Menschen (48.389 im Schnitt) die 52 Spiele in den Stadien, 2014 waren es 3,43 Millionen (53.592 im Schnitt) bei 64 Spielen. Stets vor Ort: die akkreditierten Journalisten. In Brasilien waren fast dreimal so viele im Einsatz (ca. 17.000) wie in Italien (6.000).

Der Spielball

Er hieß "Etrusco Unico" und war echte Handarbeit: Die Rede ist vom offiziellen Spielball bei der WM 1990. Zusammengesetzt wurde er aus 20 Sechsecken und 12 Fünfecken, also 32 Teilen insgesamt. Wie? Er wurde von Hand zusammengenäht mit 1800 Knoten aus einem 18 Meter langen Kunststoff-Faden. Der Umfang: 68 Zentimeter, Gewicht nach Fifa-Norm: 396 bis 453 Gramm.

Und 2014? Der Ball hieß "Brazuca", genäht wurde er aber nicht mehr. Stattdessen wurde er maschinell zusammengesetzt aus sechs Panels in der Form vierflügeliger Propeller, ohne Faden zusammengeklebt. Der Umfang: 69 Zentimeter, Gewicht nach Fifa-Norm: 420 bis 445 Gramm, Herstellerangabe: 437 Gramm.

So jung. Und so alt.

Erkennen Sie Klaus Augenthaler auf dem Bild? Schauen Sie einmal oben links, der Mann neben Teamchef Franz Beckenbauer. Der Bayern-Profi war 1990 im Finale gegen Argentinien 31 Jahre alt und damit der älteste eingesetzte Spieler im deutschen Kader. Das Durchschnittsalter der deutschen Elf im Finale betrug 27,3 Jahre, das von Argentinien 26,6. 2014 stellte Deutschland fast mit demselben Wert die jüngere Mannschaft (26,8). Die Südamerikaner um Lionel Messi kamen auf einen Altersschnitt von 28,0.

Teams, Spiele, Tore, Karten

WM 1990: 24 Teams, 52 Spiele, 115 Tore (2,21 im Schnitt), 165 Gelbe / 16 Rote Karten (3,17 / 0,31 im Schnitt)

WM 2014: 32 Teams, 64 Spiele, 171 Tore (2,67 im Schnitt), 181 Gelbe / 10 Rote Karten (2,83 / 0,16 im Schnitt)

Wann die Tore fielen

WM 1990: 34 Tore in der ersten Hälfte (29,6 Prozent), 75 Tore in der zweiten Hälfte (65,2 Prozent), 6 Tore in der Verlängerung (5,2 Prozent)

WM 2014: 65 Tore in der ersten Hälfte (38,0 Prozent), 98 Tore in der zweiten Hälfte (57,3 Prozent), 8 Tore in der Verlängerung (4,7 Prozent)

Geld, Geld, Geld

34 Millionen Euro. So wenig erlöste die Fifa 1990 aus den Marketingrechten der WM. Ein Witz angesichts der Summe von 2014. Da waren es 1,3 Milliarden Euro. Fifa-Einnahmen durch die Fernsehrechte gefällig? Bitte: 58 Millionen Euro im Jahr 1990 und 2 Milliarden Euro 2014. Aber der Weltverband gibt ja auch. Der DFB bekam 1990 3 Millionen Euro, 2014 waren es 25,6 Millionen Euro. Und die Spieler? Konnten sich ebenfalls nicht beschweren. Die DFB-Prämie für den Titel betrug 1990 64.000 Euro, 2014 waren es dann 300.000 – pro Spieler.

Icke war der Größte

Naja, nicht körperlich. Aber aus der Weltmeistermannschaft 1990 generierte der 1,66 Meter kleine Mittelfelddribbler (hier neben Andreas Möller) mit 19,2 Millionen Euro am meisten Ablöse in seiner Karriere. Umgerechnet 7,8 Millionen Euro waren es bereits kurz vor dem Turnier – für seinen Wechsel vom 1. FC Köln zu Juventus Turin. Später ging es noch weiter zu AS Rom, nach Karlsruhe und Borussia Dortmund. Insgesamt brachten die Weltmeister 1990 übrigens 107,55 Millionen Euro Ablöse über die gesamte Karriere.

Die Weltmeister des vergangenen Jahres brachten es bereits vor dem Turnier in Brasilien auf 287 Millionen Euro. Und seitdem kamen schon 81 Millionen Euro hinzu.

Keine Chance gegen Guido

Der Arbeitsnachweis von Diego Maradona. Der Argentinier war im Finale 1990 schwach wie selten in seiner illustren Karriere. Nur einen Torschuss bekam der Superstar zustande. Nur bei den Dribblings (60 Prozent erfolgreich im Endspiel) hatte er einen besseren Wert als zuvor im Turnier (37 Prozent) vorzuweisen. Dafür gab er bis zum Finaleinzug öfter Torschüsse ab (alle 75 Minuten im Gegensatz zu nur einem in den 90 Finalminuten), deutlich öfter Torschussvorlagen (alle 38 Minuten, im Finale keine einzige) und gewann bis zum Finaleinzug mehr Zweikämpfe (54 Prozent) als im Endspiel (36 Prozent) gegen Guido Buchwald.

Laufwunder

Laufen, ja, das mochte Maradona in Italien schon nicht mehr so gern. Schon gar nicht ohne den Ball am Fuß. Genau das passierte jedoch im Finale 1990. Die Heatmap zeigt, wie selten es Maradona in die gefährliche Zone schaffte. Rote Felder auf dem Platz bedeuten intensiven Aufenthalt. Aber sehen Sie viel Rot? Eben. Fast immer war für Maradona bereits deutlich vor dem Strafraum Schluss.

Die Gewinner

Deutschlands Heatmap aus dem WM-Finale 1990 zeigt, wie stark die Elf im Zentrum war. Rund um den Anstoßpunkt stand die Mannschaft von Franz Beckenbauer gut sortiert, für Argentinien gab es kaum ein Durchkommen. Auffällig aber auch: Deutschland kam etwas häufiger in Strafraumnähe als der Gegner.

Die Verlierer

Zum Vergleich: die Final-Heatmap der Südamerikaner von 1990. Weniger Aktionen in der Offensive, vor allem auf der rechten Seite herrschte Harmlosigkeit. Und ja, Sie haben recht: Für den (zu kurzen) Sprung von Torhüter Sergio Goycochea beim Elfmeter von Andreas Brehme wäre eigentlich eine eigene Grafik ganz nett.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
TangoGolf 08.07.2015
1. vielleicht
war ich zu jung und habe natürlich alles etwas ander Wahrgenommen - doch für mich war die WM in Italien jene, die (außer der WM 2006 und vielleicht 2014) das WM-Gefühl am besten transportiert hat. Und GIanna Nannini´s Hit löst heute noch Gänsehaut aus.
plasmopompas 08.07.2015
2.
64.000 Euro werden die Weltmeister von 1990 nicht bekommen haben, sondern eher DM.
HäretikerX 08.07.2015
3. Trotz des Sieges..
..war ich damals enttäuscht.. das Finale hat mich nicht mitgerissen und dann per Elfmeter zu gewinnen.. ich hatte ein schales Gefühl und fand dann Beckenbauers "Bad" in "Nachdenklichkeit" statt jubelder Freude sehr aufgesetzt.. Alles in Allem kein Vergleich, zu dem phantastischenen Sieg 2014!
fredheine 08.07.2015
4. So viele?
Mittendrin: "Vor Ort schauten 1990 2.516.215 Millionen Menschen ... 2014 waren es 3.429.873 Millionen ..." Wie wurden diese Fantastillarden an Menschen nur in die Stadien gepresset?
dipl.-vw.dr.knilch 08.07.2015
5. Das sind wirklich Neuigkeiten...
Am 8. Juli saßen die gerade wiedervereinigten Deutschen vor der Glotze. Und ich dachte bisher, dass das am 3. Oktober stattgefunden hat. Der Schreiberling ist sicherlich erst nach der WM geboren.
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