WM-Sieger Walter Fritz gegen Fritz

Schwache Schiedsrichter treiben Spieler und Trainer immer wieder in den Wahnsinn. Das war früher nicht anders: Lautern-Legende Fritz Walter legte sich sogar als Zuschauer mit einem Referee an. Sein Mitspieler Karl Schmidt erinnert sich an den tobenden WM-Sieger von 1954.

Kaiserslautern-Legende Walter (Mitte): Schiedsrichter-Schelte in der Kabine
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Kaiserslautern-Legende Walter (Mitte): Schiedsrichter-Schelte in der Kabine


Wegen Verletzungen mussten Fritz Walter und ich bei einem Punktspiel auf dem Betzenberg gegen den alten Rivalen FK Pirmasens pausieren. Das muss in der Saison 1956/57 gewesen sein. Natürlich saßen wir zusammen auf unserer Tribüne und fieberten mit unserer Mannschaft, die es gegen eine starke Pirmasenser Truppe nicht leicht hatte, ins Spiel zu kommen.

Worüber sich alle Kaiserslauterer Zuschauer und auch wir beide ganz besonders erregten, war die indiskutable Leistung des Oggersheimer Schiedsrichters Fritz, der unsere Mannschaft ganz eklatant benachteiligte. Wir verloren dann zu allem Überfluss durch ein Pirmasenser Tor, das eindeutig mit der Hand im Stil der späteren "Hand Gottes" von Diego Maradona erzielt worden war. Alle außer dem Schiedsrichter hatten das Handspiel gesehen. Doch die Proteste halfen nicht, das Spiel war verloren.

Wenige Minuten nach Spielschluss - Fritz Walter war inzwischen unter der Tribüne verschwunden - kam unser damaliger Vorsitzender, Ernst Weustenhagen, und bat mich händeringend: "Karl, geh schnell runter in die Schiedsrichterkabine und hol den Fritz da heraus, der schimpft wie ein Rohrspatz und redet sich sonst um Kopf und Kragen." Ich rannte hinunter zur Schiedsrichterkabine, öffnete die Tür einen Spalt weit und sah und hörte unseren sonst immer so friedlichen und auf Harmonie bedachten Spielführer mit hochrotem Kopf lautstark auf den Schiri einreden.

Seit dem verlorenen Endspiel gegen Rot-Weiß Essen hatte ich mein großes Vorbild nie so erregt und wütend gesehen. Schnell griff ich ihn am Arm und zog den Widerstrebenden aus dem Raum. Bevor ich die Tür hinter uns schloss, drehte ich mich noch einmal zum Herrn Fritz um, verbeugte mich tief und sprach: "Übrigens, Herr Schiedsrichter, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer großartigen Schiedsrichterleistung."

Ein paar Tage später kam dann ein Brief vom Regionalverband, worin uns mitgeteilt wurde, dass wir wegen Schiedsrichterbeleidigung für das nächste Spiel gesperrt seien. So kam es zu dem sicher seltenen Ergebnis, dass zwei Spieler für nach einem Spiel begangene Verfehlungen bestraft wurden, die an der Partie selbst nicht mitgewirkt hatten. Soweit ich mich erinnern kann, waren dies in unserer beider Laufbahn die einzigen Spielsperren. Dabei hatte ich doch dem Schiri nur "gratuliert" - möglicherweise hat er die Art, wie ich das tat, als im Höchstmaß beleidigend empfunden. Wie ich heute meine: zu Recht.

Aufgezeichnet von Peter Jochen Degen



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