WM-Stadien Hier Schwingungen, dort Inkontinenz

Die Liste der Baumängel bei deutschen WM-Stadien wird länger und länger. Jetzt musste sogar das Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadion für ein Bundesligaspiel wegen Schäden an der Südtribüne gesperrt werden. In Leipzig dagegen blamiert man sich auf andere Art.


Damit setzt sich 189 Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft die Pannenserie in Deutschlands WM-Arenen fort. Denn um die Tribünensicherheit ist es in Kaiserslautern nicht so gut bestellt. Die Bundesligapartie zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt musste abgesagt werden.

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WM-Stadien: Vorübergehend geschlossen

Einen Tag zuvor waren Risse an der Südtribüne entdeckt worden, die eine zeitweilige Abstützung dieses Bereichs erforderlich gemacht hätten. Die notwendigen Reparaturen an einem Knotenpunkt am Dach der Arena waren bis Samstag aber nicht zu bewerkstelligen. "Zum jetzigen Zeitpunkt und unter den gegebenen Umständen gibt es keinen Grund, an der Fertigstellung zu zweifeln. Wir sind nicht beunruhigt. Allerdings werden wir die Situation weiter aufmerksam beobachten", betonte der Sprecher des WM-Organisationskomitees Jens Grittner und lobte: "Es fand von Anfang an eine sehr offene Kommunikation zwischen allen Seiten statt."

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat als neuen Spieltermin den 14. Dezember (Mittwoch) angesetzt. Anpfiff ist dann 18 Uhr. Allerdings wurde der FCK aufgefordert, vorsorglich ein Ausweichstadion zu benennen, im dem ab sofort die Heimspiele stattfinden können, falls die gemeldete Platzanlage nicht nutzbar ist, teilte die DFL mit.

Dass von der Dauerbaustelle Fritz-Walter-Stadion nichts Gutes zu erwarten ist, war bereits im Februar 2005 zu erleben. Während der Bundesligapartie Kaiserslautern gegen Rostock wurden Teile des Daches durch den Wind abgetragen, dabei wurde eine Ordner verletzt.

Für den WM-Standort Deutschland ist diese Häufung der Pannen nur noch peinlich. Begonnen hatte alles dort, wo alle Gebäude immer etwas höher und pompöser sind als anderswo in Deutschland - und wo sie sich das schönste aller neuen Stadion hinstellten. Wird zumindest in Frankfurt gerne behauptet. Auf jeden Fall bezeichnen sie in der Mainmetropole ihre Commerzbankarena gerne als "größtes Cabrio der Welt".

Dusche für die Fotografen

Aber wie das halt so ist mit Cabrios - wenn das Dach klemmt, hört der Spaß auf. Die erste Panne gab es am 29. Juni beim Finale des Konföderationen-Cup zwischen Brasilien und Argentinien (4:1). Über Frankfurt regnete es aus Kübeln, der Wind fegte mit Stärke neun durch die Stadt - über dem Stadion wurde das Dach geschlossen, damit alle Besucher im Trockenen sitzen. Aber irgendwann während des Spiels ergoss sich plötzlich ein Sturzbach aufs Feld. An der Eckfahne war das, dort, wo Fotografen saßen. Das Dach war leck.

Eine Halterung an der Stelle, wo das Wasser durchbrach, sei nicht ausreichend fest arretiert gewesen, erklärte damals der Stadionchef, der den stimmigen Namen Winfried Naß trägt. "Die Wassermenge, die da drauf drückte, war so hoch, dass sich da eine Beule bildete. Und die konnte sich nicht von selbst entleeren."

Doch die Inkontinenz des Frankfurter Daches konnte nicht geheilt werden. Denn schon am 2. Oktober, vor dem Bundesligaspiel Eintracht gegen Schalke 04 (0:1) war abermals Wassereinbruch zu vermelden. Vom halb geöffneten Dach prasselte wieder Regenwasser auf den Rasen, der sofort zu einer Feuchtwiese wurde und von vielen Helfern bearbeitet werden musste. Ruckzuck wurde die Baufirma Max Bögl für schuldig erklärt, der Frankfurter Bürgermeister und Sportdezernent Achim Vandreike wetterte, dass seine Geduld am Ende sei. "Das ist ein großer Imageschaden für die Stadt Frankfurt gewesen."

Hüpfen für die Sicherheit

Rund 250 Kilometer weiter südöstlich haben sie ganz andere Probleme. Im Nürnberger Frankenstadion wackelt der Oberrang der Nordkurve wenn die Zuschauer zu überschwänglich jubeln. 150 Fans wurden vor wenigen Tagen zu einem amtlichen "Hüpftest" bestellt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Fazit: Die Betonträger dieses Tribünenteils schlagen bis zu acht Zentimeter aus, wenn zu viele Menschen auf einmal von ihren Sitzen aufspringen und jubeln. Eine Gefahr für die Zuschauer habe nie bestanden, hieß es, trotzdem sollen Schwingungsdämpfer eingebaut werden.

Da nehmen sich die Hamburger Sorgen vergleichsweise harmlos aus. Denn die steilen Tribünen in der AOL-Arena lassen kaum Durchzug zu, um den Rasen zu belüften. Die Konsequenz: Regelmäßig müssen im Stadion gewaltige Ventilatoren aufgestellt werden, um das Grün mit Frischluft zu versorgen.

Und zum Schluss gibt es noch aus der WM-Stadt Leipzig eine wunderbare Provinzposse zu vermelden. Michael Kölmel, der Chef der Betreibergesellschaft des Stadions, überlegt, die Arena kurzerhand für die WM-Gruppenauslosung am nächsten Freitag für Besucher zu sperren. Seine Begründung: Die Stadt und eine Firma hätten einen Werbeschriftzug im Stadion nicht rechtzeitig entfernt. Die Kommune versprach zu handeln. Dummerweise muss es aber mindestens fünf Grad warm sein, damit diese Farbwand entfernt werden kann. Doch in Leipzig klirrt derzeit der Frost.

Steffen Gerth



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