WM-Team Ghana Die Brasilianer Afrikas

Bei der Afrika-Qualifikation zur WM 2006 gab es eine erstaunliche Entwicklung: Durch die Bank triumphierten die Außenseiter. Auch Ghana ist erstmals bei einer Endrunde dabei. Dabei war das Team so gut wie gescheitert. Ein neuer Trainer sorgte für das Happy End.

Von Maik Großmann


Kamerun, Nigeria, Südafrika - sie alle werden im nächsten Jahr nicht dabei sein, stattdessen bis auf Tunesien ausschließlich WM-Novizen: Angola sowie die drei westafrikanischen Nachbarländer Elfenbeinküste, Ghana und Togo. Jetzt aber wissen sie nicht so recht, wie sie das finden sollen, in Afrika. Schließlich hatten Teams wie Nigeria und Kamerun der Welt gezeigt, dass auch Afrika Fußball spielen kann, hatten auch mal den ganz Großen ein Bein gestellt. Den Neulingen traut man dies nicht unbedingt zu.

Ghanaische Nationalelf: Erfolge des Landes liegen Jahrzehnte zurück
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Ghanaische Nationalelf: Erfolge des Landes liegen Jahrzehnte zurück

Noch immer fühlt sich der schwarze Kontinent als Stiefkind der Fifa, das man eher widerwillig mitspielen lässt, wenn sich die Koryphäen aus Europa und Südamerika zum Turnier verabreden. Vor 1970 hatte Afrika nicht einmal einen festen Startplatz, sondern musste mit Asien um ein Ticket streiten. Als 1982 der zweite Fixplatz genehmigt wurde, war der Rest der Welt längst enteilt. Mittlerweile hat Afrika fünf Startplätze, aber auch das nur, weil die Veranstaltung auf 32 Teilnehmer aufgebläht wurde.

Dabei wähnte man sich vor einigen Jahren schon auf Augenhöhe mit den besten Nationen. Kamerun 1990, Nigeria vier Jahre später, das alles sollte nur ein Vorgeschmack sein. Spätestens 2006 könne ein Team aus Afrika Weltmeister werden, hat selbst der brasilianische Weltstar Pelé gesagt, und jetzt das: Fünf Außenseiter fahren nach Deutschland, all das mühsam erworbene Renommee scheint verloren.

Dabei ist zumindest Ghana eigentlich eine große Nummer in Afrika. Vor allem in den sechziger Jahren sorgten die "Black Stars" für Furore und gelten seither als die "Brasilianer Afrikas". Stolze vier Kontinentalmeisterschaften sprechen für sich, doch immer, wenn es um die WM-Qualifikation ging, haben die Ghanaer versagt. Fast schon ironisch, dass das Land ausgerechnet jetzt das Ticket gelöst hat: Anthony Yeboah und Abedi Pelé sind Geschichte, die Zeit der großen Individualisten ist eigentlich vorbei, auch wenn mit Mickael Essien vom FC Chelsea der teuerste Spieler Afrikas in Ghanas Reihen steht.

Dass Ghana plötzlich den nötigen Teamgeist entwickelt hat, ist dem seit Weihnachten 2004 amtierenden Coach Ratomir Dujkovic zu verdanken. Noch vier Spieltage standen in der Qualifikation auf dem Programm und wieder einmal war Ghana so gut wie ausgeschieden. Dann aber übernahm Dujkovic und setzte sofort Akzente: Er warf den ehemaligen Bayern-Verteidiger Sammy Kuffour - den bis dato profiliertesten Kicker des Landes - aus dem Kader und erwarb sich damit den Respekt der Truppe.

Es folgte ein Sieg nach dem anderen, und auf einmal war Ghana Erster und nur noch eine letzte Partie zu spielen. Den Spielern war klar, was die Stunde geschlagen hatte. "Generationen ghanaischer Fußballer haben von der WM geträumt", beschwor Stürmer Matthew Amoah von Vitesse Arnheim die Seinen, "jetzt ist es endlich an der Zeit, dass Ghana durchkommt und Afrika vertritt." Und diesmal kamen sie durch.

Bei der WM in Deutschland die Vorrunde zu überstehen, wird Ghana einiges abverlangen. Die Gegner der Gruppe E haben es in sich: Zum Auftakt geht es am 12. Juni in Hannover gegen den dreimaligen Weltmeister Italien. Fünf Tage später wartet in Köln Tschechien auf das afrikanische Team. Der letzte Kontrahent sind am 22. Juni in Nürnberg die USA.

Lesen Sie morgen, unter welch dramatischen Umständen sich die Elfenbeinküste für die WM in Deutschland qualifizierte.



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