WM-Teilnahme Triumph für Bayer 04 Deutschland

Maßgeblichen Anteil am Erfolg in der WM-Relegation gegen die Ukraine hatten ausgerechnet die zuletzt arg gescholtenen Nationalspieler von Bayer Leverkusen.

Aus Dortmund berichtet Thomas Lötz


Leverkusener Freude: Bernd Schneider, Oliver Neuville und Michael Ballack feiern
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Leverkusener Freude: Bernd Schneider, Oliver Neuville und Michael Ballack feiern

Dortmund - Der Blick auf den Aufstellungsbogen hätte schon einen ersten Hinweis geben können. Hintereinanderweg waren dort vier Namen gelistet: Jens Nowotny, Carsten Ramelow, Bernd Schneider und Michael Ballack. Wie ein Block. Etwas weiter unten aufgelistet folgte dann noch Oliver Neuville, der in der ersten Partie gegen die Ukraine gesperrt war. Fünf der zehn Feldspieler, die DFB-Teamchef Rudi Völler in der Anfangsformation beim 4:1 (3:0)-Sieg über die Ukraine am Mittwochabend in Dortmund aufgeboten hatte, verdienen ihr Geld beim Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen.

Spätestens beim Abpfiff des portugiesischen Unparteiischen Vitor Melo Pereira dürfte auch dem Letzten der 52.000 Zuschauer im Westfalenstadion klar gewesen sein, dass Völler mit Erfolg auf Blockbildung gesetzt hatte. Zu deutlich ließ sich das Resultat ablesen: Zwei Treffer hatte Ballack, einen Neuville beigesteuert, alle drei Tore waren von Schneider vorbereitet worden. Auch am vierten Treffer, vom Berliner Marko Rehmer per Kopf erzielt, war mit Eckenschütze Neuville ein Leverkusener beteiligt. Im Prinzip hatte am Ende nicht Deutschland, sondern der Bayer-Block die Ukraine geschlagen und die WM-Qualifikation geschafft.

Was sich bereits am vergangenen Samstag beim 1:1 im Hinspiel von Kiew angedeutet hatte, fand in Dortmund seine Fortsetzung. Gegen eine zwei Klassen schlechtere ukrainische Mannschaft ragten in einer taktisch diszipliniert spielenden und kampf- wie laufbereiten deutschen Mannschaft am Ende vor allem die Leverkusener Ballack und Schneider heraus. Jene beiden Spieler also, die in Kiew mit dem Ausgleichstreffer - Ballack auf Vorarbeit von Schneider - die gute Ausgangsposition für Dortmund geschaffen hatten.

"Hin und wieder Fußball zelebriert"

Besonderes Lob durfte sich drei Tage vor seinem 28. Geburtstag Bernd Schneider abholen. "Hin und wieder hat er Fußball zelebriert", sagte Völler, der als Sportdirektor von Bayer Leverkusen den gebürtigen Jenaer vor zwei Jahren von Eintracht Frankfurt verpflichtet hatte. Schneider verfüge über "Leichtigkeit und Frechheit", so der Teamchef und erinnerte sich dabei wohl an Schneiders eleganten Pass aus dem Mittelfeld direkt in den Lauf von Neuville, dessen genaue Flanke Ballack per Kopf zum 4:0 verwandelte.

"Ich habe viel Selbstvertrauen von Trainer Toppmöller bekommen", erklärte Schneider seine derzeitige Form, die ihn in den Spielen gegen die Ukraine zur größten positiven Überraschung im DFB-Team machte. Die Leverkusener Blockbildung hat daran natürlich auch ihren Anteil. "Da kennt man die Laufwege und weiß genau, wo man die Bälle hinzuspielen hat." Auch Michael Ballack befand, dass es hilfreich sei, "wenn sich die Spieler untereinander aus dem Verein kennen". Was im Fall von Leverkusener Kickern im Nationalteam zuletzt jedoch eher kein Vorteil, sondern extrem hinderlich zu sein schien.

Ballack schadenfroh

Vor kurzem noch, so erinnerte Ballack nicht bar von Schadenfreude, habe man Bayer-Spielern die Siegermentalität grundsätzlich abgesprochen. Insbesondere er selbst hatte unter der Kritik zu leiden. War der 25-Jährige nach dem 4:2-Sieg in Griechenland zusammen mit Sebastian Deisler noch bestens benotet worden, so erhielt er in den darauf folgenden Begegnungen der WM-Qualifikation überwiegend schlechte Wertungen. Einhellige Meinung: Der zur Lethargie neigende Ballack kann dem Spiel der Völler-Truppe als zentraler Mittelfeldakteur keine Ideen geben.

"Man hat gesehen, was es bewirkt, dass die Leverkusener sich zum ersten Mal für die zweite Gruppenphase der Champions League qualifiziert haben", begründete Oliver Kahn die Wandlung Ballacks vom Versager zum Siegertypen. Der Bayern-Torwart, dessen Club am Mittwoch verletzungsbedingt nur zwei Feldspieler in der DFB-Startelf hatte, verglich den Mentalitätswechsel der Leverkusener Kicker mit dem EM-Triumph von 1996. Vor dem Turnier hatte Bayern München den Uefa-Cup gewonnen, Borussia Dortmund die deutsche Meisterschaft. Entsprechend selbstbewusst trat die Mannschaft des damaligen Bundestrainers Berti Vogts in England auf.

"Wichtig für das Selbstvertrauen unserer Mannschaft"

Was Kahn mit seiner Aussage über Ballack wirklich sagen wollte, verriet er nur wenige Sätze später. Er sei überzeugt, so der Keeper, dass der Sieg über die Ukraine in einer extremen Drucksituation "wichtig für das Selbstvertrauen unserer Mannschaft auch in der Zukunft" sei. Selbstverständlich könne das Völler-Team an einem guten Tag jede Mannschaft schlagen - mit Ausnahme von Argentinien und Frankreich. Wenn Einsatz und Selbstvertrauen bei der WM-Endrunde 2002 in Japan und Südkorea stimmen würden, prognostizierte Kahn, "können wir bei einem solchen Turnier sehr weit kommen".

Michael Ballack wollte an Dinge wie das Erreichen eines WM-Halbfinals nach dem Abpfiff gar nicht erst denken, sondern zunächst einmal die Qualifikation genießen. Viel Zeit zum Feiern bleibt dem Mittelfeldspieler und seinen Clubkollegen Nowotny, Ramelow, Neuville und Schneider jedoch nicht. Am Samstagnachmittag steht ihnen schon die nächste Drucksituation bevor, wenn auch eher eine traditioneller Natur. Dann spielt Bayer Leverkusen im rheinischen Bundesliga-Derby beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln.


Deutschland - Ukraine 4:1 (3:0)
1:0 Ballack (4.)
2:0 Neuville (11.)
3:0 Rehmer (15.)
4:0 Ballack (51.)
4:1 Schewtschenko (90.)
Deutschland: Kahn/Bayern München (32 Jahre/41 Länderspiele) - Rehmer/Hertha BSC Berlin (29/27) (87. Baumann/Werder Bremen, 26/7), Nowotny/Bayer Leverkusen (27/35), Linke/Bayern München (31/28) - Schneider/Bayer Leverkusen (27/7), Ramelow/Bayer Leverkusen (27/22), Hamann/FC Liverpool (28/36), Ziege/Tottenham Hotspur (29/63) - Ballack/Bayer Leverkusen (25/21) - Neuville/Bayer Leverkusen (28/29) (70. Ricken/Borussia Dortmund, 25/14), Jancker/Bayern München (27/21) (58. Bierhoff/AS Monaco, 33/59)
Ukraine: Lewitzky/Spartak Moskau (28/7) - Luschny/Arsenal London (33/54), Nesmaschny/Dynamo Kiew (22/15) (55. Schischtschenko/Metallurg Donezk, 25/5), Golowko/Dynamo Kiew (29/52), Waschtschuk/Dynamo Kiew (26/44) - Skripnik/Werder Bremen (31/23), Subow/Schachtjor Donezk (24/17), Timoschtschuk/Schachtjor Donezk (22/15) (24. Gusin/Dynamo Kiew, 28/30), Parfionow/Spartak Moskau (27/14) - Schewtschenko/AC Mailand (25/41), Worobej/Schachtjor Donezk (22/17) (70. Rebrow/Tottenham Hotspur, 27/47)
Schiedsrichter: Pereira (Portugal)
Zuschauer: 52.400 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - / -



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