WM-Teilnehmer Australien Entwicklungsland trifft Europameister

Es ist der letzte Härtetest. Morgen trifft Australien auf Otto Rehhagels Griechenland. Das Ergebnis ist dabei nebensächlich. Was für die Australier zählt, ist ein respektabler Auftritt bei der WM. Die Spieler sind Botschafter und Hoffnungsträger für ein Fußball-Entwicklungsland.

Von Michael Lenz, Sydney


Mit einem Schuss zum Nationalhelden werden. John Aloisi hat dieses Kunststück vollbracht. In buchstäblich letzter Minute führte der Stürmer die australische Fußballnationalmannschaft im Elfmeterschießen gegen Uruguay zur Weltmeisterschaft nach Deutschland. 4,5 Millionen Australier und damit mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung verfolgten diesen historischen Moment an den Fernsehern. Zum ersten Mal seit 32 Jahren hatten sich die "Aussies" für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Und wieder heißt ihr Reiseziel Deutschland – wie bereits 1974.

Die "Socceroos", wie das Team im Volksmund bezeichnet wird, sind heiß auf die WM in Deutschland. Stürmer Tim Cahill sagt optimistisch: "Wir werden zeigen was wir können. Wir spielen schließlich alle in großen Clubs." Robbie Slater, ein ehemaliger Star der Australier, ist sich sicher: "Wir haben die Chance, unter die ersten Zwei der Gruppe zu kommen, obwohl wir mit Mannschaften wie Brasilien in einer harten Gruppe sind."

Slater, der vor fünf Jahren seine Karriere als Fußballprofi beendet hat, äußert klare Vorstellungen: "Entscheidend wird das Spiel gegen Japan sein. Wenn man die erste Begegnung in einem Wettbewerb gewinnt, hat man alle Chancen." Trainer Gus Hiddink, der nach der WM als Nationalcoach nach Russland geht, betont: "Die anderen Nationen haben einen großen Respekt vor der Entschlossenheit der australischen Spieler. Ich glaube daher, man wird uns nicht unterschätzen."

Die historische Novembernacht mit dem Sieg über Uruguay war eines von drei Ereignissen in jüngerer Vergangenheit, die den australischen Fußball nachhaltig verändert haben. Denn seit diesem Zeitpunkt ist Australien Mitglied im asiatischen Fußballverband. "Die Gruppe Ozeanien war einfach zu klein für uns", sagt Slater, der 1995 mit Blackburn die englische Meisterschaft gewann und auch in Belgien und Frankreich spielte. "Jetzt können wir mehr Spiele gegen bessere Gegner bestreiten. Wir werden international erfahrener und damit auch für Sponsoren interessanter."

Verbandswechsel verbreitet Aufbruchstimmung

Schlüsselereignis Nummer drei war die erste Saison der vor knapp einem Jahr geschaffenen und nach ihrem Hauptsponsor getauften Ersten Liga, der Hyundai A-League. Das "Grand Final" Anfang März im mit 43.000 Zuschauern ausverkauften "Aussie Stadium" in Sydney zwischen dem Underdog Central Coast Mariners und dem zu diesem Zeitpunkt von Weltmeister Pierre Littbarski trainierten Sydney FC zu erleben. "Es war ein Glücksfall, dass das Endspiel in Sydney ausgetragen wurde. Das hat uns die internationale Aufmerksamkeit gebracht, die der australische Fußball braucht", sagt Littbarski, dessen Elf mit einem 1:0-Sieg Champion wurde.

Neben dem Meister gab es einen weiteren Gewinner. Denn die erste Hyundai A-League-Saison hat den australischen Fußball von seinem Image befreit, ein brutales Spiel der "Wogs" zu sein, wie Einwanderer aus Südeuropa verächtlich genannt werden. Wahre Australier angelsächsischen Ursprungs sind Rugby-Fans und straften Fußball bisher mit Verachtung. "Australien wird aber immer multikultureller und auch diese ethnischen Gruppen sind mehr integriert", sagt Slater.

Trotz der ersten Achtungserfolge zu Hause und auf internationaler Bühne bezeichnet Littbarski Australien als ein Fußballentwicklungsland. Es gebe in den Vereinen und im Verband "Football Federation Australia" (FFA) viele echte Fußballfans, aber kaum jemanden, der Ahnung vom Spiel und dem Management eines Fußballvereins habe. "Die meisten Funktionäre des FFA kommen vom Rugby", klagt Littbarski, der eine Verlängerung seines Trainervertrags für die kommende Saison abgelehnt hat. "Es fehlt noch das Fußball-Know-How."

Wie Joshua Kennedy bei Dynamo Dresden spielen fast alle Socceroos bei europäischen Clubs. "Das ist bei vielen Spielern anderer Länder wie zum Beispiel Brasilien auch nicht anders", sagt Slater. Die Brasilianer haben jedoch seit Jahrzehnten eine Profiliga. In Down under spielen zwar mehr als eine Million Männer und Frauen Fußball, aber einen nennenswerten Profifußball gab es bisher nicht.

Jeder australische Kicker, der seinen Lebensunterhalt mit Fußball verdienen will, musste bisher ins Ausland. So wie Torhüter Mark Schwarzer, der vor knapp drei Wochen mit dem FC Middlesbrough im Uefa-Cup-Finale gegen den FC Sevila unterlag. Slater räumt ein: "Das wird sich auch für lange Zeit nicht ändern. Europa ist der Ort für Fußball." Mit Michael Beauchamp von den Central Coast Mariners und Sydney-FC-Star Mark Milligan hat Hiddink aber auch zwei A-League Spieler in den WM-Kader aufgenommen.

Mit einer Reihe von internationalen Fußballereignissen soll Australien in den nächsten Jahren ein professionelles Fußballimage verpasst bekommen. Melbourne, bisher auf Tennis und Formel 1 spezialisiert, ist als Fußballhauptstadt Australiens auserkoren. Den Auftakt der Repräsentationstournee bildet das morgige Freundschaftsspiel der Socceroos gegen Europameister Griechenland. In Melbourne will Hiddink auch den Mannschaftskapitän für die WM vorstellen.

Frank Lowy, FFA-Präsident und "Grand Seigneur" des australischen Fußballs, betont ein halbes Jahr nach dem Triumph von Sidney: "Für uns fängt die Weltmeisterschaft in Melbourne an."



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