WM-Teilnehmer Trinidad Hoffen auf ein blasses Muttersöhnchen

Trinidad und Tobago dürfte zur Endrunde in Deutschland die wohl fröhlichsten und tanzstärksten Fans mitbringen. Sportlich wird der WM-Neuling weitaus weniger glänzen. Die Hoffnungen ruhen auf Superstar Dwight Yorke und einem eingebürgerten Amateurspieler.

Von Joseph E. Wolf, Port-of-Spain


Der Anpfiff stört die Hobbymusiker nicht weiter: Meist trommeln und klimpern die Anhänger von WM-Teilnehmer Trinidad und Tobago das ganze Spiel durch, wenn Ihre Mannschaft auf dem Rasen steht. Für die Scheichs in Bahrein war dieser Umstand im WM-Playoffspiel ein wahrer Kulturschock. Erst wollte man die etwa 50 Musiker, die die "Trinis" mitgebracht hatten, gar nicht aufspielen lassen, später wurden sie von den Zuschauerrängen mit Steinen beworfen. Die Besucher aus der Karibik waren schockiert. Denn sie selbst sind fachkundige, äußerst unterhaltsame, emotionale, aber nie unangenehme Fans.



Ebenso unbedarft und fröhlich agierten zunächst auch die Nationalspieler in der Qualifikation, was sie erst einmal auf den letzten Platz ihrer Gruppe führte und Trainer Bertille St. Claire den Job kostete. Es war fünf vor zwölf, ein ausländischer Coach sollte es richten. Leo Beenhakker, einst niederländischer Bondscoach und dreifacher spanischer Meister mit Real Madrid, gelang nach seinem Amtsantritt am 30. März vergangenen Jahres die Wende.

Bei seiner Ankunft auf der Insel konnte der 63-Jährige kaum glauben, welche geringe spielerische Qualität der Kader hatte. Fortan gab er dem talentierten, aber teilweise undisziplinierten Team ein taktisches Gerüst. Erste Fortschritte bestanden darin, dass Ball führende Spieler nicht mehr wie ferngesteuert Richtung Tor rasten, sondern plötzlich besser postierte Kollegen beteiligten. Fußball-Einmaleins, aber genug, um im ersten Spiel der Ära Beenhakker den wichtigen 2:0-Sieg über Panama einzufahren.

Im Gegensatz zu vielen afrikanischen oder asiatischen Mannschaften hat Trinidad keine aktuellen Weltstars. Die meisten Spieler kicken in namenlosen Clubs der dritten englischen oder zweiten schottischen Liga: Gillingham, Falkirk, Wrexham oder St. Johnstone. Kaum einer verdient auf Trinidad sein Geld. Bekanntester Akteur ist immer noch Kapitän Dwight Yorke, mittlerweile 34, der maßgeblich an den großen Erfolgen von Manchester United in den neunziger Jahren beteiligt war.

In der unvergessenen Saison 1998/99, die dem FC Bayern das Trauma im Finale der Champions League bescherte, holte ManU drei Titel. Yorke schoss 29 Tore. Der Lebemann, der inzwischen beim vom ehemaligen Kölner Bundesligaprofi Pierre Littbarski trainierten FC Sydney spielt, bleibt das Herz des Teams, auch wenn er es mittlerweile etwas langsamer angehen lässt. Stern John, für den englischen Zweitliga-13. Coventry City tätig, ist als erfahrener Stürmer die zweite Säule.

Auf der Suche nach Verstärkung für die nicht gerade überragende Nationalelf greift der Verband schon einmal zu bizarren Mitteln: Derzeit wird weltweit nach Fußballern gefahndet, denen sich irgendetwas Trinidadisches oder Tobagoisches anhängen lässt. Eine Oma aus Tobago oder eine Cousine aus Port-of-Spain reichen manchmal zur Einbürgerung. Erster Neuzugang war vor einem dreiviertel Jahr der junge Brite Chris Birchall. Der 21-jährige Blondschopf ist durch und durch blasser Engländer.

Die vergangene WM, 2002 in Japan und Südkorea, erlebte er noch mit Kumpels in einem Pub im tiefsten Staffordshire. Sein Talent hatte ihn später immerhin zu Port Vale in die dritte englische Liga geführt. Dann fand jemand heraus, dass Birchalls Großeltern einst in Trinidad gearbeitet und dort ein Kind zur Welt gebracht hatten - seine Mutter. Die ging zwar irgendwann zurück nach England, wo der kleine Chris das Licht der Welt erblickte, aber der Bezug war da, der Fußballverband Trinidads griff zu und die Behörden spielten mit.

Zehn Millionen Dollar vom Ausrüster

Seit Mai spielt Birchall nun für ein Land, von dem er bisher kaum wusste, wo es liegt - und schoss entscheidende Tore in der WM-Qualifikation. Dafür lieben die Fans Birchall, dessen Namen sie nie gelernt haben und den sie wahlweise "De White Boy" oder, nach der Dame, die ihm die Einbürgerung erst ermöglichte, "Me Mom" rufen. Dass er am 15. Juni bei der WM gegen seine eigenen Idole aus der Premier League, etwa Wayne Rooney oder Frank Lampard, antreten wird, kann er bis heute kaum fassen.

Doch kann das Team gegen die übermächtigen Briten überhaupt bestehen? Paradoxerweise waren es die knappen Niederlagen in den USA oder Mexiko, die das Potential der Mannschaft aufzeigten. Mit etwas Disziplin kann Trinidad und Tobago solche Spiele ausgeglichen gestalten. Dicke Überraschungen wie sie Senegal 2002 bei der WM oder Kamerun 1990/1994 zeigten, sind aber nicht zu erwarten. Die Abwehr ist eher wackelig, der Sturm mäßig: Nur zwölf Tore gelangen in den vergangenen zwölf Qualifikationsspielen.

Die entscheidende Frage zur WM wird sein, inwieweit Beenhakker die Spieler zu einer kompakten Mannschaft umpolen kann. Sonst bleibt zu befürchten, dass bereits die Schweden im ersten Spiel die Schwächen schonungslos aufdecken werden. Mit Europäern haben die Karibikkicker ohnehin kaum Erfahrung. In den letzten 50 Spielen traf man mit Nordirland nur einmal auf ein europäisches Nationalteam und verlor 2004 auf Tobago 0:3, obwohl das Spiel für die Nordiren eher die Unterbrechung einer karibischen Zechtour war.

Doch der Traum vom Achtelfinale lebt seit jenem historischen 19. November, als das Parlament seine Sitzung unterbrach, sich Tausende um die Mittagszeit zur Live-Übertragung aus Bahrein in Kneipen, Discos und Kinos trafen und der Premierminister den nächsten Tag zum Feiertag ausrief. Erfolg oder nicht, das Team dürfte in Deutschland Kult werden. Adidas-Chef Herbert Hainer hat das Potential erkannt und die "Soca Warriors" gleich nach der erfolgten Qualifikation für zehn Millionen Euro exklusiv unter Vertrag genommen. Denn die Deutschen werden das Team und die Fans lieben, wenngleich nicht alle so exotisch sind, wie sie scheinen.

Viele der schwarzen Schönheiten, die zur WM leicht bekleidet durch die Straßen Nürnbergs, Dortmunds oder Kaiserslauterns tanzen werden, sind keine Strandmädchen aus Tobago, sondern Londoner Rechtsanwältinnen oder kanadische Immobilienmaklerinnen: Denn nur die Oberschicht und die Ausgewanderten aus den großen T&T-Enklaven in Nordamerika und England werden sich die "Journey to Germany", wie die WM-Kampagne hieß, leisten können. Dennoch wollen Tausende das Team begleiten. Die einzigen Bundesbürger, die jetzt noch vor dem Ansturm der "Trinis" zittern, sind die Beamten der Visa-Abteilung in der sonst eher ruhigen deutschen Botschaft in Trinidad.



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