WM-Teilnehmer USA Der schlafende Fußballriese

Er hat 63 Spieler getestet, immer noch keinen Kader für die Fußball-WM - aber Bruce Arena bleibt gelassen. Der US-Nationalcoach ist überzeugt, dass sein Team in Deutschland überzeugen wird. Und tatsächlich: Aus dem einstigen Punktelieferanten ist ein ernstzunehmender Gegner geworden.

Von Sebastian Moll, New York


Bruce Arena hatte sich in ein Büro in den Leipziger Messehallen zurückgezogen, sich in einen Ledersessel gefläzt und gelassen den Konferenzruf aus der Heimat entgegengenommen. Die Anrufer - ein Dutzend amerikanische Reporter - waren hingegen weniger ruhig als der Nationaltrainer. Das Gruppenlos der US-Mannschaft für die WM-Endrunde mit Tschechien, Italien und Ghana erschien den heimischen Fußballexperten katastrophal. Es sah aus wie ein sicheres Erstrunden-Todesurteil, eine Reise zurück in die schlimme Zeit vor zwölf und acht Jahren, als sich die USA bei der WM als wehrlose Punktelieferanten präsentierten.

US-Nationalcoach Arena: Winter- oder Tiefschlaf?
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US-Nationalcoach Arena: Winter- oder Tiefschlaf?

Doch Arena, ein 54 Jahre alter Italo-Amerikaner aus Brooklyn, verstand es, die Aufregung am anderen Ende der Leitung zu dämpfen. "Sicher, die Tschechen sind stark", sprach er bedacht in den Telefonhörer. "Und über Italien brauchen wir gar nicht zu diskutieren. Aber bei der WM sind alle Mannschaften stark." Wirklich Angst, fügte der frühere Coach der Universitäts-Mannschaft von Virginia an, hätten ihm nur Deutschland oder Brasilien als Gruppengegner gemacht. "Ansonsten", sagte er selbstsicher, "können wir mit jeder Mannschaft bei der WM mithalten."

Deshalb ist Arena auch fest davon überzeugt, dass die USA im Juni über die erste Runde hinaus kommen werden. "Wir sind schon lange nicht mehr die naiven Jungs", sagt Arena über seine Mannschaft, "die vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie gegen europäische oder südamerikanische Gegner auflaufen. Aber wir sind andererseits auch noch nicht so weit wie Deutschland oder Brasilien, wo alles andere als der Titel eine Enttäuschung ist."

Von den USA erwartet man immer noch keine Siege - aber ein Fußball-Entwicklungsland sind die US-Amerikaner auch nicht mehr. Das haben sie bereits 2002 in Korea bewiesen, als sie im Viertelfinale den Deutschen einen gehörigen Schreck einjagten und knapp mit 0:1 verloren. Die Spieler sind zum Großteil gestandene Profis, sie spielen in europäischen Ligen oder haben dort zumindest schon Erfahrungen gesammelt. Allen voran Torhüter Kasey Keller, der nicht zuletzt deshalb von Tottenham Hotspur in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach gewechselt ist, um für die WM Spielpraxis zu bekommen.

Neben Keller wird Mannschaftskapitän Claudio Reyna (Manchester City) die US-Auswahl tragen. Reyna läuft in Deutschland schon zum vierten Mal bei einer WM für die Vereinigten Staaten auf. Und auch der 34-jährige Sturmveteran Brian McBride, der bei Fulham in der englischen Premier-League spielt, wird angesichts von Gegnern wie Paolo Maldini (Italien) oder dem Tschechen Jan Koller nicht in Panik geraten. Die Erfahrung dieser drei Spieler, hofft Arena, wird begabten jungen Männern wie dem 24-jährigen ehemaligen Leverkusener Bundesligaprofi Landon Donovan oder dem gerade 23 Jahre alten DaMarkus Beasley (PSV Eindhoven) die Sicherheit geben, vor ganz großer Kulisse zu bestehen.

Dass diese Handvoll Männer im Juni ins US-Mannschaftsquartier in Hamburg einziehen wird, gilt als wahrscheinlich - dabei hat sich Arena noch nicht einmal auf diese Kerntruppe festgelegt. Nicht weniger als 63 Mann waren beim Trainingslager der Mannschaft in Kalifornien im Januar dabei. Arena hält sich alle Optionen offen - aus der Not heraus, wie er sagt. "Jede andere Nation hat ihr eigenes fixes Spielsystem." In Amerika gäbe es jedoch kein etabliertes System, er müsse stattdessen ständig improvisieren: "Mein System muss sich nach den Leuten richten, die ich jeweils zur Verfügung habe. Und das wechselt permanent. Wenn mir ein Stürmer fehlt, habe ich nicht zehn andere der gleichen Güte, die warten."

An solchen Dingen merkt man, dass die USA eben doch noch keine Fußball-Nation sind. "Wir sind ein schlafender Riese", sagt Arena. "Es ist nur noch nicht klar, ob wir einen Mittagsschlaf halten oder einen Winterschlaf von 80 Jahren." In den USA sind zwar alle Bausteine dafür vorhanden, irgendwann auf der Stufe von Brasilien, Deutschland oder Italien zu agieren, mit einer hochklassigen Liga und der Daueranwartschaft auf den WM-Titel. Nur wollen die Teile bislang noch nicht recht zusammen passen.

Ein Spiel für Yuppies

Das Puzzlespiel begann Anfang der achtziger Jahre. Seither erlebt der Fußball in Amerika einen atemberaubenden Aufschwung. Damals entdeckte eine kultivierte europhile Elite das Kicken als schicke Alternative zu Baseball, Basketball und Football und organisierte Fußballturniere für ihre Kinder. Der Trend hat sich durchgesetzt - 18 Millionen amerikanische Jugendliche zwischen 5 und 19 spielen heute Fußball.

Die amerikanische Profi-Liga MLS hätte indes in den meisten europäischen Ländern noch immer Schwierigkeiten, als zweite oder dritte Spielklasse durchzugehen. Die Budgets der Clubs sind klein, es mangelt an Stars, gerade einmal 15.000 Menschen besuchen im Schnitt die Stadien. Der Hauptgrund: Nach den schlechten Erfahrungen mit der ersten US-Profiliga 1976 ist man eher zurückhaltend an den Relaunch herangegangen.

Die National American Soccer League NASL wollte damals die Stadien mit Hilfe von Größen wie Pelé, Franz Beckenbauer oder Gerd Müller füllen. Doch die Rechnung ging nicht auf - die Stars waren zu teuer, das Interesse der Fans nicht nachhaltig genug. 1984 ging der NASL die Puste aus. In der MLS werden deshalb jetzt maximal 275.000 Dollar pro Jahr und Spieler gezahlt, weniger als der Mindestlohn im Baseball. Die Liga will sich langsam entwickeln. Einstweilen drängen wegen der mangelnden Attraktivität der MLS die guten jungen Spieler jedoch nach Europa. Die amerikanische Liga und die Nachwuchsförderung haben, wie Bruce Arena klagt, nur wenig miteinander zu tun.

Darüber hinaus hat der Fußball in den USA noch immer mit massiven Vorbehalten zu kämpfen. Er ist bis heute vorwiegend das Vergnügen einer immerhin wachsenden urbanen Elite. Fußball ist angesagt unter den Yuppies von New York, Chicago und San Francisco, sie treffen sich in In-Cafés, um im Kabel-TV die europäischen Ligen zu sehen - und sie haben im Handumdrehen die 10.000 WM-Tickets für Amerika vom Markt gekauft.

Die Einstellung des amerikanischen Mainstream kommt hingegen gut in der Aussage des "Wall Street Journal"-Kolumnisten Allen Barra zum Audruck: "Fußball ist der beliebteste Sport der Welt. Na und? Wahrscheinlich können sich die anderen Länder einfach keine Football-, Basketball- und Baseballligen leisten."



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