WM-Ticketskandal Polizei nimmt Direktor von Fifa-Agentur fest

Eine Woche vor Ende der Fußball-WM ist brasilianischen Ermittlern ein Schlag gegen den Schwarzhandel mit Eintrittskarten gelungen. Sie nahmen den mutmaßlichen Anführer des Tickethändler-Rings fest: den Vorsitzenden der Fifa-Ticketagentur.

Sicherheitspersonal vor Hotel Copacabana Palace: Festnahme von Agenturchef
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Sicherheitspersonal vor Hotel Copacabana Palace: Festnahme von Agenturchef


SPIEGEL ONLINE Fußball
Hamburg - Im Zusammenhang mit dem illegalen Verkauf von WM-Tickets in großem Stil hat die Polizei in Rio de Janeiro einen Topmanager des Fifa-Vertragspartners Match Services festgenommen. Dabei handelt es sich um Raymond Whelan, wie die Polizei laut den Nachrichtenagenturen dpa und AFP bestätigte.

Der 64-jährige Brite sei in einer Suite des Luxus-Hotels Copacabana Palace an der Avenida Atlântica direkt am Copacabana-Strand festgenommen worden. Ihm wird laut Polizei vorgeworfen, der Hauptverantwortliche für das illegale Verkaufssystem zu sein.

Der vorläufige Haftbefehl wurde im Rahmen der Operation "Jules Rimet" ausgeführt. Grundlage sei Artikel 41-G der brasilianischen Fan-Statuten. Der ahndet die Weitergabe von Eintrittskarten, die dann zu einem höheren Preis als dem aufgedruckten verkauft werden.

In Whelans Zimmer wurden den Angaben zufolge rund hundert WM-Tickets gefunden. Match Services arbeitet im Auftrag der Fifa. Der Vertrag mit dem Weltverband läuft Ende 2014 zunächst aus.

Die Fifa will weiter mit den Behörden kooperieren

Vor einer Woche war die Tickethändlerbande aufgeflogen, elf Personen wurden festgenommen. Nun kam die Polizei Whelan durch die Auswertung von Telefondaten auf die Spur, nachdem die Fifa der Untersuchungsbehörde eine Liste mit all ihren Telefonnummern übergeben hatte.

Fifa-Sprecherin Delia Fischer erklärte, der Fußball-Weltverband werde auch weiter voll mit den lokalen Behörden kooperieren und alle Details zur Verfügung stellen, um die Ermittlungen zu unterstützen.

Zuvor hatte der Hospitality-Partner der Fifa, der für den Verkauf von 290.000 Ticket-Paketen verantwortlich war, die Namen von drei weiteren ins Fadenkreuz geratenen Käuferfirmen veröffentlicht. Sie hatten insgesamt 694 Karten im Wert von rund 1,8 Millionen Euro erstanden. Davon seien 61 Tickets im Zuge der Untersuchungen im Fundus des verhafteten Schwarzmarkt-Dealers Mohamadou Lamine Fofana aufgetaucht.

Ob oder wie viele weitere Karten im Verlauf der WM bereits unter dem Ladentisch den Besitzer gewechselt hatten, ist nicht bekannt. "Bis zu weiteren Untersuchungen werden die Pakete von Reliance Industries Limited, Jet Set Sports und Pamodzi geblockt", schrieb Fifa-Partner Match Hospitality in einer Stellungnahme.

Sollten die "genannten Firmen" nicht vollumfänglich mit den Ermittlern zusammenarbeiten, werde Match Hospitality auch deren "Tickets für das Halbfinale und Finale canceln", hieß es. Die 105 von dem Fofana-Unternehmen Atlanta Sportif Management angekauften Pakete im Wert von rund 90.000 Euro seien ohnehin alle entwertet worden.

25 Finalkarten zu je 17.000 Euro

Am Sonntag hatte der TV-Sender Globo berichtet, Fofana habe in den vergangenen zwei Monaten insgesamt 900 Anrufe auf ein offizielles Fifa-Handy getätigt. "Die Fifa arbeitet mit den Behörden zusammen, um die Aktivitäten der Tickethändler zu unterbinden. Wir haben schon die Liste mit den Fifa-Telefonnummern weitergegeben", hatte Fifa-Sprecherin Delia Fischer am Montag gesagt.

In der Globo-Sendung "Fantástico" wurden zudem Ausschnitte aus den abgehörten Telefonaten vorgespielt. In einem sagt Fofana: "Wer hat 50 Karten für das Finale in der Hand? Niemand? Okay. Ich habe sie, ich habe sie." Der Globo-Bericht zeigte zudem den Versuch, einen der verantwortlichen Ermittler mit Geld und WM-Tickets zu bestechen.

"Fantástico" filmte auch ein Notizbuch, in der die Ticketverkäufe mit Summen festgehalten worden waren. Demnach setzte Fofana, der vor einer Woche wegen Schwarzmarkt-Tickethandels gemeinsam mit zehn weiteren Personen verhaftet worden war, in der Vorrunde 112 Karten für umgerechnet rund 303.000 Euro um. Für das Finale besaß er 25 VIP-Karten, die ihm einen Stückpreis von 17.000 Euro einbringen sollten.

"Es gibt einen innerhalb der Fifa, der in die Sache verwickelt ist, sonst käme er (Fofana, d. Red.) nicht an diese große Zahl an Tickets", hatte Staatsanwalt Marcos Kac damals bereits gemutmaßt. Die Festnahme am Montag brachte nun ein wenig Licht ins Dunkel.

luk/buc/sid/dpa/AFP



insgesamt 9 Beiträge
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raber 08.07.2014
1. Blatters Neffe besitzt 5% von Match Hospitality?
Match Hospitality vertreibt schon seit mehreren WMs Tickets für die Fifa. Pikant ist ja auch, dass Herrn Blatters Neffe, nämlich Philippe Blatter, über seine Firma Infont Sports 5% an Match Hospitality besitzt. Man fängt schon fast an zu glauben, dass egal wo man etwas von der Fifa oder mit der Fifa genauer betrachtet, es korrupt und anstössig ist.
ratxi 08.07.2014
2. Wie dem auch sei, es ist gut...
Zitat von sysopAFPEine Woche vor Ende der WM ist brasilianischen Ermittlern ein Schlag gegen den Schwarzhandel mit Eintrittskarten gelungen. Sie nahmen den mutmaßlichen Anführer des Tickethändler-Rings fest: den Vorsitzenden der Fifa-Ticketagentur. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-ticketskandal-polizei-nimmt-direktor-von-fifa-agentur-fest-a-979778.html
Solange es eine Nachfrage gibt für dramatisch überteuerte Tickets, wird es wohl schwierig sein, den Handel zu unterbinden. Wie dem auch sei, es ist gut, dass die Leute so bescheuert sind und fleissig ihre Handys benutzen...
bitboy0 08.07.2014
3. ist es verwerflich?
wenn ein Fifa-Chef ungestraft davon kommt - obwohl ihm mehr als nur ein "Gerüchle" nachgesagt wird - ist es doch etwas unfair wenn ein weniger wichtiger Fifa-Mitarbeiter wegen der Aufbesserung seines Taschengeldes so einen Ärger bekommt, oder? Der ganze Laden ist geldgeil und das färbt eben auf alle ab die damit zu tun haben. Spielmanipulation, Bestechung, Vergabe von Austragungsorten, Dealen mit Tickets... mich wundert gar nichts!
jhea 08.07.2014
4. raff ich nicht...
was is jezt so schlimm daran Karten zu handeln? Dannsollte sich die FIFA vlt. mal selbst a die Nase fassen und nicht 40000 Karten in Umlauf bringen für irgendwelche funktionäre, die da ohnehin nicht hingehen wollen.
galbraith-leser 08.07.2014
5. Für Geld...
...würden manche sicher auch die Seele ihrer Mutter verkaufen. Was für erbärmliche Krämerseelen - aber das gilt leider nicht nur für den jetzt aufgeflogenen Tickethändlerring in Rio, sondern genauso für die zahlreichen Leute in Deutschland, die absichtlich Fußballtickets für begehrte Bundesliga-, Pokal- oder CL-Spiele kaufen (manchmal sogar per Losverfahren), nur um sie umgehend bei eBay oder viagogo zu Höchstpreisen zu versteigern. Da habe ich schon den einen oder anderen dreisten Anbieter angemailt, wenn es wieder hieß: kann leider nicht hingehen, weil Oma krank, obwohl der offizielle Ticketverkauf erst zwei Stunden vor Auktionsbeginn begonnen hatte (bei manchen Spielen sind die Karten binnen weniger Minuten weg). Übrigens: Schuldbewusstsein oder gar Einsicht, etwas Unrechtes zu tun, hat da kein einziger. Obwohl größere Vereine beim Ticketversand entsprechende rechtliche Hinweise, die den Weiterverkauf verbieten, mitschicken. Ich verzichte dann lieber und schau mir das Spiel im Fernsehen an, auch wenn es im Stadion natürlich zehnmal mehr Spaß macht. Aber ärgern tut mich das schon. Wenn andere mehr Glück hatten und Karten zugeteilt bekommen, kann ich damit leben. Aber wenn jemand es nur um des Profits willens macht. Na ja, bei dem Vorbild (FIFA) ist das vielleicht auch nicht verwunderlich, wenn die Sportwelt so verkommen ist.
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