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WM-Torhüter Adler fliegt in den Fußball-Olymp

René Adler ist die neue Nummer eins der Fußball-Nationalmannschaft. Jahrelang gefördert in Leverkusen, hat er sich zum besten deutschen Torhüter entwickelt. Zwischen den Pfosten zeigt er ähnliche Qualitäten wie einst Oliver Kahn - doch neben dem Feld ist er ganz anders.
Von Frieder Schilling

Als Kind war es René Adler egal, wer die Tore geschossen hat. Ob Fallrückzieher von der Strafraumkante, 35-Meter-Hammer in den Winkel oder der einfache Abstauber. Wichtig war ihm, was der Torhüter gemacht hat. Wo er beim Eckball stand, wie er sich und die Mauer beim Freistoß stellte, wie er sich abrollte, ob er Fäuste nutzte oder die flachen Hände. "Am Fernseher habe ich immer versucht, die Spiele aus Torwartsicht zu sehen", sagt er. Später probierte er das Gesehene im Training aus.

Heute werden Adler von Vereinsangestellten dutzende Torraum-Szenen zusammengeschnitten, oft ist er dabei selbst zu sehen. Heute ist der 25-Jährige selbst das Vorbild unzähliger jugendlichen Torhüter, die samstagabends "Sportschau" gucken und sonntags auf den Ascheplätzen hechten. Bald dürfte Adler noch mehr Fans haben: Er wird bei der WM in Südafrika im Tor der deutschen Nationalmannschaft stehen.

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René Adler: Stationen eines Leipziger Jungen

Foto: Friedemann-Vogel/ BONGARTS

Vier der neun Qualifikationsspiele für das Turnier hat Adler nur bestritten, überhaupt erst acht Einsätze für die Nationalelf absolviert. Darunter jedoch beide Qualifikationsbegegnungen gegen Russland, beim Hinspiel in Dortmund gab er sein Debüt. In beiden Partien zeigte Adler eine starke Leistung, trug so wesentlich zur direkten WM-Teilnahme bei. Schon nach seinem ersten Auftritt hatte Torhüter-Legende Oliver Kahn ihn als "den komplettesten von den Kandidaten" bezeichnet, sah Adler "dem Ideal der Nummer eins schon sehr nah". Die Ausrufung Adlers zum WM-Keeper war für Kahn nun "die logische und richtige Entscheidung". Kahn, überragender Torhüter der WM 2002, wird in Adler sicherlich eigene Charakterzüge wiedererkennen. So ist der Schlussmann von Bayer Leverkusen bestrebt, "keine Sekunde abzuschalten". Adler ist ehrgeizig, zeigt sich zielstrebig. Eigenschaften, die stets Kahns Maßstab waren. Auch die spielerischen Qualitäten gleichen sich: Adler ist enorm sprungstark, reaktionsschnell, stark in Eins-gegen-Eins-Situationen und besitzt gute Reflexe.

Doch außerhalb des Platzes ist das Verhalten der neuen Nummer eins ganz anders, als das des wegen seiner Ausbrüche genannten "Vul-Kahns". Adler ist ein ruhiger Typ. Er hält sich und sein Privatleben aus den Medien. Kahn hat Gegner oftmals durch öffentliche Aussagen provoziert, Adler würde dies nicht machen. Adler liest Bücher über mentales Training, baut entsprechende Übungen in sein Trainingsprogramm ein. "Ich mache mir generell keine Gedanken über negative Erlebnisse", sagt er.

In diesem Sinne fußballerisch - und zu Teilen sicherlich auch menschlich - erzogen worden ist er von Rüdiger Vollborn, mit 401 Bundesligaspielen Bayer-Rekordspieler und seit vielen Jahren Torwarttrainer von Leverkusen. "Meine Torhüter sollen Mannschaftsspieler sein, auch wenn sie Alleinkämpfer sind", sagte Vollborn der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Seine Diktion: "Ich mag keine Großkotze."

"Wir haben zusammen gewohnt, trainiert und gelebt"

Vollborn nahm sich des 15-jährigen Adlers an, als dieser von Leipzig nach Leverkusen wechselte. Gab ihm ein Zuhause bei sich unterm Dach. Fortan kümmerte sich Familie Vollborn um den neuen Mitbewohner. "Keiner meiner Söhne hat diese Rundumbetreuung bekommen", sagte Vollborn einst, "wir haben zusammen gewohnt, trainiert und gelebt."

Der 47-Jährige hat die Ziele Adlers auf einem Zettel notiert: 2006/2007 erster Torwart in Leverkusen werden. 2008 als dritter Torhüter zur Europameisterschaft fahren. 2010 als Nummer eins zur WM. Adler hängte den Zettel in sein Dachgeschoss. Nicht weit entfernt von dem Originaltrikot von Peter Schmeichel. Der ehemalige dänische Nationaltorwart ist Adlers Vorbild.

Eine unerkannte Rippenverletzung machte Probleme

Das erste Ziel erreichte er dank einer Rot-Sperre der damaligen Nummer eins Hans-Jörg Butt. Auf Schalke lief Adler damals vor rund 60.000 Zuschauern auf, bot eine grandiose Leistung und stand in der kommenden Woche überraschenderweise erneut zwischen den Pfosten. Er wurde die neue Nummer eins, Butt ging nach Lissabon.

Ebenso wie Butt gilt Adler als ein technisch starker Torhüter, der ins Spiel eingebunden werden kann. Er macht dafür seine frühe Ausbildung auf den Sportschulen in Leipzig verantwortlich. Dort habe er viel im Feld gespielt, so Adler, davon zehre er noch heute. Fußball liegt zudem in Adlers Familie. Die Mutter stand bereits im Tor, der Bruder auch und der Vater als Trainer an der Seitenlinie.

Sein Weg ins Tor der Nationalmannschaft wäre jedoch bereits vor seinem ersten Einsatz in der Bundesliga beinahe zu Ende gewesen. Monatelang hatte Adler mit unerklärlichen Rückenproblemen zu kämpfen, bis eine Rippenverletzung diagnostiziert wurde und behandelt werden konnte.

Endlich kuriert, begann er wieder durch die Strafräume zu fliegen. Richtung Sportschau.

Mit Material des sid