Protagonisten der WM-Vergabe 2006 ... und weg bist du!

Vor einem Jahr deckte der SPIEGEL den mutmaßlichen Kauf der WM 2006 auf. Nicht nur für Franz Beckenbauer hatte die Enthüllung weitreichende Folgen. Der Rückblick.

Franz Beckenbauer (r.), Wolfgang Niersbach
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Franz Beckenbauer (r.), Wolfgang Niersbach

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Der 16. Oktober 2015 ist in die deutsche Fußballgeschichte eingegangen. An jenem Tag enthüllte der SPIEGEL, dass die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 mutmaßlich gekauft war. Das Bewerbungskomitee habe dafür eigens eine schwarze Kasse eingerichtet.

Es folgten Ermittlungen deutscher Behörden, des Fußball-Weltverbands Fifa und der Schweizer Bundesanwaltschaft. Nun jährt sich der Tag der Enthüllungen. Wie ist es ist den Protagonisten seit jenem Freitag im Oktober ergangen?

Franz Beckenbauer: der Schweiger

Franz Beckenbauer
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Franz Beckenbauer

Schnell rückt die ehemalige Lichtgestalt des deutschen Fußballs ins Zentrum der Affäre. In einem von Beckenbauer unterschriebenen Vertrag werden dem früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner diverse Leistungen zugesagt. Der DFB wertet das als möglichen Bestechungsversuch. Beckenbauer erklärt in einer seiner seltenen Äußerungen, belastende Dokumente zwar unterschrieben, aber nicht gelesen zu haben. Es folgen Enthüllungen über ein Konto in der Schweiz, von dem aus dubiose Zahlungen nach Katar vorgenommen wurden, sowie über ein Millionenhonorar, das Beckenbauer für seine Tätigkeit im WM-OK erhalten hatte, obwohl er immer behauptet hatte, diese ehrenamtlich auszuüben.

Seit Anfang September ermittelt die Schweizer Bundesanwaltschaft wegen Verdachts auf Untreue und Geldwäsche gegen Beckenbauer. Er selbst sagt zu den neuesten Enthüllungen: nichts. Aus der Öffentlichkeit hat sich der 71-Jährige zurückgezogen, auch seine Zusammenarbeit mit dem TV-Sender Sky hat er beendet.

Wolfgang Niersbach: der Ahnungslose

Wolfgang Niersbach
REUTERS

Wolfgang Niersbach

Wo Beckenbauer schweigt, plaudert Niersbach. Doch das macht es für den damaligen DFB-Präsidenten nicht besser: Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz spricht er viel und sagt doch wenig; Niersbach gibt sich als Ahnungsloser. Dabei hatte er als damals zuständiger DFB-Generalsekretär die Steuererklärung für 2006 unterschrieben. Die Steuerfahndung durchsucht seinen Privatwohnsitz. Sein Rücktritt im vergangenen November ist unausweichlich, seine Ämter in den Exekutiven von Uefa und Fifa verliert er wegen einer Einjahressperre durch die Ethikhüter des Weltverbands. Sein schlechtes Krisenmanagement samt ungenügender Informationspolitik des DFB-Präsidiums werden ihm zum Verhängnis.

Derzeit ermitteln sowohl die Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung als auch die Bundesanwaltschaft der Schweiz wegen dubioser Zahlungsströme zwischen den Jahren 2002 und 2005 gegen ihn.

Fedor Radmann: der Intimus

Fedor Radmann
Bongarts/Getty Images

Fedor Radmann

Radmann saß als Vizepräsident im WM-OK und war jahrelang Beckenbauer-Vertrauter. In einem Interview mit der "Zeit" sagt er, er kann "beim Leben meiner sechs Kinder beschwören, dass ich felsenfest davon überzeugt bin, dass nicht ein Mensch von uns bestochen wurde". Eine Aussage, die er später bereut: "Das würde ich so nicht noch einmal sagen." Im Zuge der jüngsten Ermittlungen der Schweizer Behörden wird Radmanns Haus durchsucht. Der Grund sollen Zahlungen der Fifa in Höhe von 5,4 Millionen Franken an Beckenbauer sein, bei denen Radmann zwischengeschaltet war. Der DFB wahrt ihm gegenüber seinen Anspruch auf Schadensersatz in Millionenhöhe.

Theo Zwanziger: der Klagende

Theo Zwanziger
Getty Images

Theo Zwanziger

Der Gesprächigste aus dem inneren DFB-Zirkel. Der frühere Verbandschef sieht sich selbst in der Rolle des Aufklärers, laut eigener Aussage versuche er seit Jahren, die Vorgänge um die Vergabe der WM 2006 zu enthüllen. Unter anderem behauptet er, Günter Netzer habe ihm einen Stimmenkauf von vier asiatischen Fifa-Funktionären vor der WM-Vergabe bestätigt. Netzer weist das zurück und klagt, doch drei Tage vor dem Gerichtstermin legen der frühere Mittelfeld-Regisseur und Zwanziger im April ihren Streit bei.

Zwanziger gerät selbst in den Fokus, nachdem klar wird, dass er falsche Angaben über einen Besuch bei Geldgeber Robert Louis-Dreyfus gemacht hat. Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt auch gegen Zwanziger, was sich dieser aber nicht bieten lassen will. Über seinen Rechtsanwalt lässt er mitteilen, dass er gegen das Ermittlungsverfahren klagen wolle.

Horst R. Schmidt: der Entrüstete

Horst R. Schmidt (l.)
Thomas Koehler / photothek.net

Horst R. Schmidt (l.)

Schmidt, langjähriger Generalsekretär beim DFB und Ehrenmitglied des Verbands, war als Vizepräsident des WM-OKs in die Affäre verstrickt. Er ist einer der ersten, die den Bericht des SPIEGEL dementieren. Zwanzigers Aussage, dass Schmidt ihm in einem Telefonat mitgeteilt habe, die 6,7 Millionen Euro seien an Mohamed Bin Hammam gegangen, bezeichnet er als "ungeheuerlich".

In Bedrängnis gerät Schmidt, als er behauptet, erst im Jahr 2004 von der Zahlung erfahren zu haben. Unterlagen aus der DFB-Reisestelle und eine handschriftliche Aufzeichnung Schmidts mit den Worten "Bin Hammam, WM-OK, 6,7-Millionen" legen den Verdacht nahe, dass Schmidt die Unwahrheit gesagt hat. Auch gegen Schmidt laufen Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft und der Schweizer Bundesanwaltschaft. Seinen Posten beim DFB hatte der heute 74-Jährige bereits 2013 geräumt.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
gegendenkrieg 16.10.2016
1. weitreichende folgen?
musste einer von den Herren eine Millionen Strafe zahlen oder sogar ins Gefängnis?
dernameistprogramm 16.10.2016
2. Sehr gut enthüllt!!
Bitte mehr davon, bis der letzte Träumer aus seinem Sommermärchen aufwacht!
carlo02 16.10.2016
3. Alles
Vermutungen und schlichte Verdächtigungen. Keine handfesten Beweise.
ihawk 16.10.2016
4. Franz Beckenbauer
Ich denke, Franz Beckenbauer wird überschätzt, was sein "Geschäftsinn" angeht. Er war sein ganzes Berufsleben gut beraten und hat von Rechtsanwälten vorbereitete Schreiben blind unterschrieben - schon deswegen, weil er das Juristendeutsch nicht versteht. Damit steht er nicht allein, darf aber zumindest in diesem Punkt sicherlich als naiv bezeichnet werden. Schade, dass nun aus dem "netten Kaiser Franz" ein korrupter Betrüger stilisiert wird. Die eigentlich verantwortlichen Juristen sind wie so oft, mal wieder fein raus.
micromiller 16.10.2016
5. Fussball ist Entertainment Business,
davon auszugehen, dass es dort besonders *honorig* zugeht, deckt sich mit dem unerschütterlichen Glauben an den Weihnachtsmann.
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