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11. Juli 2000, 15:51 Uhr

WM-Vergabe 2006

Dem Verdacht der Korruption entgegentreten

Nachdem er zunächst nicht mit den Gründen für seine Entscheidung, sich bei der Abstimmung über die Vergabe der WM 2006 der Stimme zu enthalten, herausrücken wollte, hat der Neuseeländer Charles Dempsey nunmehr den ausschlaggebenden Punkt offenbart.

Charlie Dempsey: "Der nimmt Geld von Südafrika"
REUTERS

Charlie Dempsey: "Der nimmt Geld von Südafrika"

Auckland/Frankfurt - Der 78-jährige Präsident des Ozeanischen Fußball-Verbandes, Charles Dempsey, ist vor der Abstimmung über die Vergabe der WM 2006 in Zürich offensichtlich von allen beteiligten Fraktionen stark bedrängt worden. Nachdem der 78-Jährige am Montag noch sehr allgemeingültig davon sprach, "nicht tolerierbaren Druck durch einflussreiche europäische Interessengruppen" wahrgenommen zu haben, wurde er am Dienstag deutlicher.

"Den Hauptausschlag für meine Entscheidung gab, dass im Kreis meiner Fifa-Kollegen gemunkelt wurde, der Dempsey nimmt Geld von Südafrika. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten", betonte der Neuseeländer gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Das wenigstens legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den "einflussreichen europäischen Interessengruppen" um Deutschland nahe Kreise gehandelt haben kann.

Vor der Abstimmung in Zürich soll es bei einem Kongress der Ozeanischen Föderation (OFC) in Samoa bereits zu verstärkter Einflussnahme seitens der in der Endabstimmung unterlegenen Südafrikaner gekommen. "Es ist, wie zu hören war, von der südafrikanischen Seite ausgegangen. Es wurde auch gesagt, dass der Fifa-Präsident sich in dieser Richtung betätigt habe", erklärte der deutsche WM-Koordinator Fedor Radmann in der "FAZ". Radmann bestätigte erneut, dass Dempsey schon vor der Wahl angekündigt hatte, dass er zunächst England und nach dessen Ausscheiden dann Deutschland als Ausrichter der Weltmeisterschaft 2006 unterstützen werde.

Nach der ersten Aufregung über das Verhalten Dempseys hat sich auch Fifa-Chef Sepp Blatter wieder beruhigt. "Mister Dempsey hatte das Recht, sich der Stimme zu enthalten, auch wenn ich diese Tatsache bedauere", erklärte der Schweizer, der gleichwohl einräumte, dass die Entscheidung gegen Südafrika eine persönliche Niederlage für ihn bedeute.

Rückendeckung erhielt Dempsey in der Ozeanischen Konföderation aus Tonga und Samoa. Nach Angaben von Tongas OFC-Exekutivmitglied Ahongalu Fusimalohi hatten sich sechs der elf Verbände bei einer Telefonschaltung mit dem Vorsitzenden einverstanden erklärt, dass dieser nach dem Ausscheiden Englands nach seinem Gewissen entscheide. Damit sei die beim Kongress in Samoa getroffene Festlegung für Südafrika aufgehoben worden. Von Seiten des neuseeländischen Verbandes wurden diese Angaben allerdings postwendend bestritten.

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