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Eröffnung von DFB-Museum Im Schatten

Die Eröffnung des Deutschen Fußballmuseums sollte ein großes Fest werden, doch die neuen Vorwürfe von Theo Zwanziger überschatteten den Abend. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach lieferte noch immer keine plausible Erklärung für die schwarze Kasse.

Wenn einem der Wind ins Gesicht bläst, hakt man sich gerne bei jemandem unter, denn gemeinsam ist es leichter, den Böen zu trotzen.

Als Wolfgang Niersbach am Freitag um 18:15 Uhr in einem verspiegelten Mini-Van eines Verbandssponsors vor dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund vorfuhr, stiegen mit ihm aus dem Auto: Bundestrainer Joachim Löw, Co-Trainer Thomas Schneider, Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock. Echte Größen des deutschen Fußballs. Für Niersbach sind sie gute, strahlende, einflussreiche Freunde. An diesem Abend wirkten sie wie seine Schutzschilder gegen die Anschuldigungen rund um schwarze Kassen und einen vermeintlichen Stimmenkauf für die Weltmeisterschaft 2006.

Niersbach, im Gesicht deutlich gezeichnet von den Turbulenzen der vergangenen Tage, konnte im Schatten seiner Freunde auf dem Museumsvorplatz das tun, was er am besten kann: umarmen, grüßen, jovial sein. Die Moderatorin des Abends, Sky-Mitarbeiterin Jessica Kastrop, bekam ein Küsschen links, ein Küsschen rechts. Während Niersbachs Freunde sich vor die Journalisten stellten und Treueschwüre für ihren DFB-Präsidenten abgaben, huschte dieser recht schnörkellos an den wartenden Reportern vorbei ins Museum. Er blieb nicht einmal für die Fotografen vor der Werbewand stehen. Eigentlich etwas, das Niersbach nie auslässt.

Auch die zweite interessante Figur des Abends, der ehemalige Vizepräsident des WM-2006-Organisationskomitees (OK), Horst R. Schmidt, ging wortlos durch die Eingangstür.

Die beiden DFB-Männer stehen mitten im Zentrum einer Affäre, die der SPIEGEL vor einer Woche enthüllte. Es geht um eine schwarze Kasse, aufgepumpt durch ein 6,7-Millionen-Darlehn des ehemaligen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus. Das Geld ist möglicherweise für den Kauf von Stimmen für die Weltmeisterschaft 2006 verwendet worden. Niersbach streitet das vehement ab, kann sich aber ansonsten an kaum noch etwas Plausibles aus der damaligen Zeit erinnern.

Sein Vorgänger, der Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger, versucht im neuen SPIEGEL diese Gedächtnislücken zu schließen. Zwanziger, im WM-OK Finanzchef, bestätigt, dass es eine schwarze Kasse gab. Und dass Schmidt ihm in einem Telefonat in dieser Woche gesagt haben soll, dass das Geld daraus an Bin Hammam geflossen sei. Bin Hammam war damals Mitglied der Fifa-Finanzkommission, kein wirklich ehrenwerter Funktionär. Hat er das Geld zum Stimmenkauf für die WM 2006 verwendet? Zu den Vorwürfen wollte er sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht äußern. Schmidt hingegen streitet nun gegenüber der "Welt" ab, dass er behauptet hätte, das Geld sei an Bin Hammam geflossen. Rette sich, wer kann.

Untreue, Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Betrug - die Strafprozessordnung kennt einige Begriffe für krude Finanzgeschäfte. Welcher davon zutrifft, werden die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die Schweizer Bundesanwaltschaft und am Ende wohl auch das amerikanische FBI, das den Fußballweltverband Fifa gerade durch eine Art Nacktscanner jagt, klären.

Unterm Adidas-Logo

Die juristischen Konsequenzen schienen für Niersbach an diesem Abend in Dortmund, in diesem riesigen, modernen Museum direkt gegenüber dem heruntergekommenen Hauptbahnhof, recht weit weg zu sein. Als Präsident hielt er stattdessen die Eröffnungsrede. Und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, vielleicht sogar Tragik, dass über der Bühne ein riesiges Adidas-Logo hing. Die Firma, mit deren Ex-Chef Louis-Dreyfus die ganzen Querelen der vergangenen Tage eng verwoben sind.

Niersbach zeigte sich erfreut über das Museum, die vielen spannenden Exponate und die rund 400 anwesenden Gäste. Er ging sogar kurz auf die Anschuldigungen rund um die WM 2006 ein und drückte sein Unverständnis darüber aus, dass "ein Schatten" darauf geworfen werde. Dann tat Niersbach aber wieder das, was er seit Tagen tut: volle Aufklärung ankündigen. Applaus. Niersbachs Fußballfamilie scheint wirklich sehr genügsam zu sein. Oder sie war durch Zwanzigers Aussagen schlichtweg paralysiert.

So konnte Niersbach sich an diesem Abend recht schadfrei halten. Er musste kein Wort zu Zwanzigers Vorwürfen, der seinen Nachfolger offen der Lüge bezichtigt, sagen. Genauso wenig erklärte Niersbach etwas dazu, dass die Fifa mittlerweile seine kruden Erklärungen zu der schwarzen Kasse dementiert. Niersbach schwieg zu Bin Hammam, zu Horst R. Schmidt, einfach zu allem, was auch nur ein Fünkchen Licht ins Dunkel hätte bringen könnte. Niersbach verspricht eine "lückenlose, unabhängige" Aufklärung und reist gleichzeitig nach Salzburg, um den ehemaligen Chef des WM-OK, Franz Beckenbauer, zu treffen - das lässt Abstimmungen befürchten. Niersbach sagt dazu: nichts mehr.

Apropos Beckenbauer: Der "Kaiser" war natürlich ebenfalls zur Museumseröffnung eingeladen. Sein Management sagte kurzfristig ab. Grund: die "aktuelle Entwicklung". Es bleibt spannend, was die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, die weder Sklaven in Katar gesehen hat, noch weiß, was Doping ist, zu dem Thema schwarzen Kassen zu erzählen hat. Am späten Museumsabend machte das Gerücht die Runde, dass Beckenbauers langjährige Freundschaft zu Niersbach tiefe Risse erhalten habe. Der Weltmeister soll anscheinend auf Distanz zum DFB-Präsidenten gehen.

Manchmal peitscht einem der Wind so stark entgegen, dass selbst das stärkste Unterhaken nichts mehr bringt.

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