Niersbach und die SPIEGEL-Enthüllung Die Ehre des Präsidenten

DFB-Chef Wolfgang Niersbach dementiert eine schwarze Kasse für die WM 2006. Seine Glaubwürdigkeit kann das nach drei Tagen des Taktierens nicht mehr retten. Er sollte zurücktreten.
DFB-Präsident Niersbach: Unglaubwürdigkeit im Ehrenamt ist Unwürdigkeit für das Ehrenamt

DFB-Präsident Niersbach: Unglaubwürdigkeit im Ehrenamt ist Unwürdigkeit für das Ehrenamt

Foto: Thomas Niedermueller/ Bongarts/Getty Images

Ein Ehrenamt verlangt von seinem Träger zwei Dinge: Er muss ein Ehrenmann sein, und er muss seinem Amt Ehre machen. Ob Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ein Ehrenmann ist, wird sich wohl erst in Tagen, Wochen oder vielleicht Monaten herausstellen, wenn seine Rolle im Zusammenhang mit einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees für die WM 2006 aufgeklärt ist.

Ob er seinem Amt Ehre macht, hat sich dagegen schon erwiesen, in nur drei Tagen, seit Mittwoch dieser Woche. Denn um seinem Amt Ehre zu machen, darf der Chef von Millionen Fußballern im Land seine Glaubwürdigkeit nicht verspielen. Was aber soll man Wolfgang Niersbach nach diesen drei Tagen eigentlich noch glauben? Einem Mann mit einem nunmehr ausgewiesen taktierenden Verhältnis zur Wahrheit?

Im Video: Niersbach dementiert schwarze Kasse

Am Mittwoch, um 12 Uhr mittags, schickte der SPIEGEL Niersbach 16 Fragen mit der Bitte, sie bis zum nächsten Tag, 12 Uhr mittags, zu beantworten. Gefragt wurde nach Niersbachs Rolle und Mitwisserschaft in einem Skandal, der geeignet ist, den größten Fußballverband der Welt mehr zu beschädigen als jeder andere zuvor.

Was wussten Niersbach und der DFB über eine Zahlung des deutschen WM-Organisationskomitees (OK) in Höhe von 6,7 Millionen Euro? Über Geld, das 2005 auf ein Fifa-Konto in der Schweiz überwiesen wurde und von dort weiter zum Franzosen Robert Louis-Dreyfus? Nach SPIEGEL-Informationen hatte Louis-Dreyfus den deutschen WM-Werbern kurz vor der Entscheidung über die Vergabe mehr als 10 Millionen Schweizer Franken geliehen, offenbar damit die Deutschen Geld für Dinge hatten, von denen keiner wissen sollte. Das riecht stark nach Stimmenkauf im 24-köpfigen Exekutivkomitee, das über das Austragungsland entscheidet.

24 Stunden Zeit hatte Niersbach also, um diese Bombe zu entschärfen, mit einer simplen Erklärung, die es doch geben muss, wenn das alles nur ein Missverständnis wäre und der SPIEGEL falsch läge. Aber das Einzige, was von ihm und dem DFB am Donnerstagmittag kam, war ein banaler Zweizeiler. Die Zeit habe nicht gereicht, um sich zu einem schon so lange zurückliegenden Vorgang zu äußern.

Pressemitteilung wirft noch mehr Fragen auf

Das aber ließ wohl nur einen Schluss zu: Es gab offenbar keine einfachen Antworten auf Fragen nach Kontonummern, Geldtransfers und einer handschriftlichen Anmerkung von Niersbach selbst aus einem Papier von 2004: "das Honorar für RLD" - für Robert Louis-Dreyfus.

Immerhin reichte die Zeit, um einen bekannten Presseanwalt einzuschalten. Er sollte der DFB-Spitze bei einer Presseerklärung helfen, die am Freitagmorgen um 11 Uhr herausging, offenbar um der SPIEGEL-Veröffentlichung zuvorzukommen. Da hieß es nun plötzlich, dass dem DFB die Zahlung über 6,7 Millionen Euro in die Schweiz, an die man sich am Tag vorher auf SPIEGEL-Anfrage kaum erinnern wollte, angeblich schon lange und brennend präsent ist.

Schon seit Monaten werde untersucht, ob es verdächtige Zahlungen bei der deutschen WM-Bewerbung gab, und sieh mal an: Auf die 6,7 Millionen sei man vor geraumer Zeit selbst schon gestoßen. Nur eine Erklärung habe man dafür noch nicht. Die offizielle, Geld für ein Kulturprogramm der Fifa, sei nämlich wohl falsch. Wie aber kann es sein, dass Niersbach die Zahlung also längst kannte, doch dem SPIEGEL gegenüber noch so tat, als wisse er kaum, wovon der eigentlich in seinem Fragenkatalog spricht? Und wie kann es sein, dass unter Niersbach angeblich ein schwer verdächtiger Vorgang im Organisationskomitee der WM aufgeklärt wird, obwohl doch Niersbach selbst als Vize eine führende Funktion im OK hatte?

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DFB-Präsident Niersbach: Der Netzwerker

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Aber noch viel mehr zerstört die Glaubwürdigkeit des Präsidenten ein Dilemma, aus dem er nicht herauskommt: Entweder Niersbach weiß tatsächlich schon seit Wochen von dieser verdächtigen Zahlung - dann muss er jetzt erklären, warum er die Öffentlichkeit nicht längst darüber informiert hat, wann er gedachte, das zu tun, und ob er es als Betroffener der angeblichen Ermittlungen überhaupt so weit kommen lassen wollte. Oder aber, die andere, wahrscheinlichere Variante: Es gab gar keine monatelange Untersuchung, die Sache sollte unter der Decke bleiben, und erst nach der SPIEGEL-Anfrage kam man auf die Idee zu behaupten, die Angelegenheit werde schon längst aufgeklärt. In diesem Fall hätte Niersbach die Öffentlichkeit belogen.

An wen gingen die 6,7 Millionen Euro?

Das war aber noch nicht alles, was Niersbachs Glaubwürdigkeit binnen drei Tagen fast völlig zersetzt hat: Auffällig ist, was in der Erklärung des DFB am Freitagmittag fehlte: an wen die 6,7 Millionen Euro am Ende gingen. Kein Wort über Louis-Dreyfus, angeblich war der Hintergrund der Zahlung in die Schweiz auch nach wochenlanger Untersuchung noch immer komplett unklar. Trotzdem behauptet Niersbach, sicher sagen zu können, dass das Geld in keinem Zusammenhang mit einem Stimmenkauf für die WM 2006 gestanden habe. Motto: Wir wissen so gut wie nix, aber wir wissen ganz genau, was nützt.

Danach schwieg Niersbach erst einmal, offenbar um abzuwarten, was wirklich in der SPIEGEL-Geschichte stehen würde. Und dort stand, dass er durch die Anmerkung "Honorar für RLD" in seiner Handschrift Mitwisser dieser getarnten 6,7-Millionen-Zahlung über die Fifa an den Franzosen gewesen sein muss.

"Honorar für RLD", so etwas solle er selbst geschrieben haben? Er könne sich daran nicht erinnern, sagte Niersbach daraufhin in einem Interview mit der hauseigenen Pressestelle. Das war das nächste, nun sicherlich schlimmste Eigentor für die Glaubwürdigkeit des Präsidenten: Wenn er 2005 absolut sicher nie etwas von der getarnten Zahlung an Louis-Dreyfus gewusst haben will, dann müsste er aus Gründen der Logik auch zwingend ausschließen können, dass er diesen Halbsatz geschrieben hat. Er kann sich aber nicht erinnern, ob er das geschrieben hat? Dann hält er es für möglich, und das nur deshalb, weil ihm dann der Vorgang 2005 schon bekannt gewesen sein müsste.

In seinem Interview am Samstag traute sich Niersbach aber immerhin doch noch, auch etwas zum Kern der Vorwürfe zu sagen. Nein, es habe keine schwarze Kasse beim Bewerbungskomitee gegeben. Drei Tage hatte sich Niersbach vor einer klaren Aussage gedrückt. Aber was heißt schon klar? Warum Louis-Dreyfus im Jahr 2005 denn dann 6,7 Millionen Euro auf einem Schleichweg bekam, von jenem WM-Organisationskomitee, in dem Niersbach als Vize saß, dazu sagt Niersbach nichts.

Es geht bei einem Ehrenamt darum, dass man seinem Träger glaubt. Unglaubwürdigkeit im Ehrenamt ist Unwürdigkeit für das Ehrenamt. Wolfgang Niersbach hat sich unglaubwürdig gemacht, er ist ein Mann, der für die alten Mächte im Fußball steht, für jene Funktionärsclique, die die Glaubwürdigkeit der Fußball-Sportpolitik komplett ruiniert hat. Als Mann von gestern sollte Niersbach auch keine Zukunft an der Spitze des DFB haben. Wer so viel Zeit für gute Erklärungen braucht, sollte etwas tun, was ganz schnell geht: zurücktreten.