DFB-Präsident Niersbach Der Wegducker

Wolfgang Niersbach scheut das Rampenlicht. Seit seinem Antritt vor einem Jahr agiert der DFB-Präsident lieber im Hintergrund. Doch das Amt verlangt mehr. Statt Profil zu zeigen, schweigt der 62-Jährige zu vielen kritischen Themen.
DFB-Präsident Niersbach (2012): Prägende Debatten verpasst

DFB-Präsident Niersbach (2012): Prägende Debatten verpasst

Foto: Peter Steffen/ dpa

Düsseldorf, ein Nachmittag Anfang der vergangenen Woche: Auf dem Podium des Sportbusinesskongresses sitzt DFB-Manager Oliver Bierhoff und spricht über die WM 2014, seine mögliche Vertragsverlängerung und die Qualität der deutschen Nationalmannschaft. Es ist ein durchaus launiges Gespräch. Aber ein informationsarmes.

In der ersten Reihe auf der Zuschauertribüne hat auch Wolfgang Niersbach seinen Spaß. Der DFB-Präsident lacht viel während des Bierhoff-Vortrags und macht Späße mit seiner Entourage. Dem 62-Jährigen gefallen solche unverfänglichen, oberflächlichen PR-Termine. Das wundert nicht: Sie passen schließlich irgendwie auch ganz gut zu seinem Wirken als DFB-Präsident.

Seit genau einem Jahr ist Wolfgang Niersbach nun im Amt. Die Frage war schon vor der Wahl: Wofür steht der Mann eigentlich? Die Antwort bleibt bislang ungeklärt.

Der ehemalige Nachrichtenredakteur, der jahrelang die Medienarbeit des DFB gesteuert hatte, bevor er in einem putschähnlichen Verfahren im vergangenen Winter den zum Alleinherrscher mutierten Theo Zwanziger von der Spitze des Verbandes bugsierte, scheint vor allem die Sonnenseiten seines Amtes zu genießen. Die problematischen Momente hingegen umfährt er weiträumig.

Viele verpasste Gelegenheiten, Profil zu zeigen

Weder als Generalsekretär, der an der direkten Seite von Zwanziger arbeitete, noch nun als Präsident des größten nationalen Fußballverbandes der Welt wagt er sich mit Lösungsansätzen oder konstruktiven Gedanken an Themen, die die gesellschaftliche Debatte bestimmen.

Das prägende Thema des vergangenen Jahres, die Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball, umdribbelte Niersbach so gekonnt wie es seine früheren Idole der brasilianischen Nationalmannschaften der sechziger Jahre taten. Als DFB-Präsident hat er den aktiven Fanbewegungen bis heute kaum einmal die Chance zum konstruktiven Dialog geboten, sich geschweige denn für die aus Verbandssicht unrühmlich beendeten Pyrotechnik-Gespräche entschuldigt. Eine dezidierte Haltung zu Bengalos ist gleichwohl seit einem Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" öffentlich: "Bengalische Feuer sind sinnlos", sagte Niersbach und plädierte für eine "Null-Toleranz-Politik in dieser Richtung".

Weggeduckt hat sich Niersbach, als der ehemalige DFB-Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell verstarb. An dieser Stelle hätte er die Größe besitzen und Amerells Ruf zumindest wieder einigermaßen herstellen können. Als damaliger Generalsekretär war Niersbach dem Präsidenten Zwanziger während der öffentlichen Schlammschlacht 2010 zur Seite gesprungen. Doch die damals durch Zwanziger viel zu einseitig vorgetragen Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen junge Nachwuchsschiedsrichter werden DFB-intern mittlerweile mit weit mehr als lediglich einem Kopfschütteln bewertet.

Zur Kritik an der WM-Vergabe 2022 an Katar äußerte er sich dagegen konkret - und nannte die Entscheidung in einem Interview mit der "Faz" "falsch". Die wichtigste Veranstaltung, die es im Fußball gibt, brauche "einen idealen Standort". Zu den Vorwürfen über eine zu große Nähe des Uefa-Chefs Michel Platini - ein Niersbach-Freund - zu der einflussreichen Qatar Sport Investments, für die Platinis Sohn als Europachef arbeitet, äußerte er sich nicht konkrekt. Immerhin brachte Niersbach seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass sein Freund Platini "als Sportler und Funktionär damals für Katar gestimmt hat".

"Wolfgang Niersbach macht seinen Job sehr gut"

"Grundsätzlich sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, auf jedes Pferd zu springen, das gerade gesattelt wird", sagt Wolfgang Niersbach SPIEGEL ONLINE. Bei wichtigen Themen wie der sportpolitischen Diskussion um die inhaftierte Politikerin Julija Timoschenko am Rande der EM in der Ukraine, Gewalt oder Rassismus habe er "persönlich klar Position bezogen", so der DFB-Präsident. Beim Thema Sicherheit sieht er seine Aufgabe lediglich bei der "Weichenstellung - die operative Umsetzung von Maßnahmen liegt dann zu großen Teilen bei den Vereinen." Ein solches Thema sei nicht "aus der Verbandszentrale zu lösen".

"Niersbach ist ein Strippenzieher, ein fleißiger Netzwerker im Hintergrund. Für die Professionalisierung des Verbandes ist er sehr wichtig. Er wird noch einiges auf den Weg bringen", sagte ein DFB-Delegierter im Rahmen des Länderspiels in Paris. Rainer Koch, Präsident des Süddeutschen und des Bayerischen Fußballverbandes, lobte im "Kicker": "Wolfgang Niersbach macht seinen Job sehr gut. Er setzt sich mit den Problemen der Regional- und Landesverbände auseinander und zeichnete unter anderem dafür verantwortlich, dass deren hohe Investitionen in IT-Systeme vom DFB erstattet worden sind."

Vielleicht wird dies tatsächlich am Ende das Niersbach-Verdienst sein: Die Einführung von technischer und organisatorischer Professionalität beim DFB und seinen wasserkopf-ähnlichen Landesverbandsstrukturen. Es wäre eine wichtige Modernisierung. Was allerdings in dieser Zeit mit den derzeitigen Zukunftsthemen wie dem Kampf gegen Rassismus, Homophobie, Gewalt im Fußball, Matchfixing, Doping oder Korruption geschieht, kann beim DFB derzeit niemand plausibel beantworten. Bislang waren das alles die Präsidententhemen, seit einem Jahr liegen sie brach.

Niersbach würde das nicht so sehen, er kann es nicht so sehen, denn er selbst sieht sich als "absoluten Teamplayer", die großen Entscheidungen würden im DFB-Präsidium "gemeinsam" getroffen. Er wirkt mit dieser pluralistischen Haltung wie der Gegenentwurf zu seinem Vorgänger Zwanziger. Aber es ist auch eine sehr kommode Haltung. Sie verteilt nicht nur die Entscheidungen auf viele Schultern, sondern auch das Risiko.

So war es auch bezeichnend, dass Niersbach, kurz nachdem Bierhoff in Düsseldorf das einzige heikle Thema angeschnitten hatte - seine eigene Vertragsverlängerung sowie die von Bundestrainer Joachim Löw - den Saal verließ. Durch den Hinterausgang.

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