Wolfsburg vs. Bayern Spitzenspiel im Windschatten der Backpfeife

Sie sind punkt- und torgleich, aber bemerkenswert am Duell Wolfsburg gegen Bayern ist etwas anderes: Der VfL ist Favorit. Der Club beschäftigt nicht nur den Ex-Trainer der Bayern, sondern hat auch einen unfassbaren Lauf. Leider wird diese Brisanz leicht übersehen - wegen Lukas Podolski.

Von Christoph Biermann


Man könnte fast geneigt sein, Lukas Podolski selbst eine runterzuhauen: Mit seiner Backpfeife gegen Michael Ballack hat er auch noch den letzten Rest Interesse vor einem der wenigen wirklich großen Spitzenspiele der Bundesliga in dieser Saison absorbiert. Jetzt aber findet die Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und FC Bayern (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht nur im Windschatten einer langen Länderspielwoche statt - sondern auch noch nach einem der wenigen Treffer Poldis gegen einen Großen.

Wolfsburg-Trainer Magath: Keine Höhenangst
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Wolfsburg-Trainer Magath: Keine Höhenangst

Das ist ziemlich schade, denn abgesehen vom Spiel des FC Bayern gegen Hoffenheim (2:1) am letzten Spieltag der Hinrunde hat es in dieser Saison keine so hochrangige Begegnung gegeben. Die Bayern sind mit zuletzt drei Siegen wieder einigermaßen in der Spur, doch die Form des VfL Wolfsburg ist in dieser Spielzeit ohne Vorbild und geradezu beängstigend. Der grün-weiße Motor läuft rund, und er tuckert nicht wie das Aggregat eines Polos, sondern schnurrt wie bei einem Phaeton.

Die Mannschaft von Felix Magath hat gerade mit sieben Siegen in Folge einen Vereinsrekord aufgestellt, so eine Erfolgsserie gelang in dieser Saison noch keinem Club. In der Rückrunde wurden 22 von 24 möglichen Punkten gesammelt, gemeinsam mit Stuttgart die meisten Tore erzielt und die wenigsten Gegentore hingenommen. Edin Dzeko ist mit acht Toren der erfolgreichste Stürmer der Rückrunde. Es gibt für den FC Bayern hinreichend Gründe dafür, mit einem zarten Schweißfilm auf der Stirn nach Wolfsburg zu reisen.

Die Herausforderung durch den VfL Wolfsburg ist größer als die im Winter durch Hoffenheim. Der Aufsteiger lebte damals in großem Maße von Euphorie, jugendlichem Überschwang und dem Überraschungseffekt, das viele Gegner erst noch ein Rezept gegen Hoffenheims Spielweise suchten.

Dagegen ist Wolfsburg eine nicht nur an Jahren ältere Mannschaft, sie kann ihre Probleme auf dem Platz auch über Erfahrung, Cleverness und spielerische Substanz besser lösen. Der VfL ist überdies nicht so stark auf ein Konzept festgelegt. Magath widerstrebt das, er will seine Mannschaft nicht mit präzisen Vorgaben ins Spiel schicken. Sie soll vielmehr situationsbedingt die jeweils beste Lösung finden. Das mag man gut finden oder nicht, auf jeden Fall hat der Trainer für seinen Fußball die richtige Truppe zusammengekauft.

Zwei von ihnen sind besonders gute Situationslöser. Der kleine Brasilianer Josue ist einer der besten Balleroberer der Liga und Liebling des Trainers. Zvjezdan Misimovic ist hierzulande immer noch einer der am meisten unterschätzten Spieler. Eigentlich müsste der Bosnier längst als großer Star gefeiert werden, weil er einer der schlauesten Akteure der Bundesliga ist und mit 14 direkten Torvorlagen in dieser Kategorie allen anderen haushoch überlegen.

Er handelt da schnell, wo andere nur schnell rennen. Wäre er nur etwas flotter unterwegs, würde Misimovic bei Manchester United oder Real Madrid unter Vertrag sein. Es könnte gut sein, dass dieses Duo in der Zentrale des Spielfelds die Spitzenpartie entscheidet, denn in der Mitte sind die Bayern mit Mark van Bommel, Lucio und dem noch wenig erfahrenen Breno, der Daniel van Buyten ersetzt, besonders anfällig.

Eigentlich ist Wolfsburg einer der typischen Herausforderer, wie sie dem FC Bayern im Laufe der Jahre immer mal begegnet sind. Der Club hat kaum Erfahrung mit dem Leben an der Spitze der Bundesliga und den meisten Spielern fehlt sie ebenfalls. Doch unter der Anleitung von Magath besteht kaum die Gefahr, dass der VfL Wolfsburg Höhenangst bekommt oder ihm an der Spitze schwindelig wird.

Sollte also am Samstag der nicht ganz unwahrscheinliche Fall einer Bayern-Niederlage eintreten, können die Münchner daher kaum darauf hoffen, dass die Wolfsburger sich anschließend selber schlagen. Dagegen haben die Bayern selber schweren Ballast zu tragen. Sie sind momentan auf einen Spieler angewiesen, der Lukas Podolski heißt und über dem inzwischen mit großen Lettern steht: "Problem".

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