Saisonstart in Englands Frauen-Liga Familienausflug mit 31.000 Menschen

Mit dem ersten Manchester-Derby ist die Women's Super League in ihre wichtigste Saison gestartet. Die große Frage nach der WM: Wie begeistert man die Fußballfans im Alltag?

Das erste Manchester-Derby der WSL-Geschichte: Uniteds Jessica Sigsworth (l.) und Citys Demi Stokes
Catherine Ivill/Getty Images

Das erste Manchester-Derby der WSL-Geschichte: Uniteds Jessica Sigsworth (l.) und Citys Demi Stokes

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Das erste Manchester-Derby in der Geschichte der Women's Super League (WSL) hatte zwei Höhepunkte. Der eine war auf dem Platz zu sehen, der andere kam über die Lautsprecher.

In der 48. Minute gelang Manchester Citys schottischer Nationalspielerin Caroline Weir mit einem Prachtschuss in den Winkel das Tor, das den überraschend knappen 1:0-Sieg des Vizemeisters gegen Aufsteiger Manchester United zum Saisonstart sicherstellte. In der 74. Minute gab der Stadionsprecher unter dem Jubel des Publikums die Zuschauerzahl durch.

Mehr als 31.200 Menschen hatten sich in dem Stadion eingefunden, in dem normalerweise Citys Männer zu Hause sind. Das ist Rekord für ein Frauen-Ligaspiel in England. Schon an diesem Sonntag dürfte die Bestmarke wieder gebrochen werden. Für die Partie des Vorjahres-Dritten FC Chelsea gegen den zweiten Aufsteiger Tottenham Hotspur an der Stamford Bridge, das die Chelsea-Spielerinnen am Sonntag 1:0 gewannen, kamen knapp 25.000 Zuschauer, Eintritt mussten sie nicht zahlen. Die Tickets für das Manchester-Derby kosteten sieben Pfund.

Ob man zur Gewinnung neuer Zuschauer freien Eintritt gewähren soll oder den Sport damit abwertet, ist eine von vielen Debatten, die den englischen Fußball der Frauen zum Saisonstart begleitet. Fest steht, dass es die wichtigste Spielzeit in der Geschichte der WSL ist.

Packender Saisonauftakt vor Rekordkulisse
Craig Brough/ Action Images via Reuters

Packender Saisonauftakt vor Rekordkulisse

Im Nachgang der WM hofft die WSL auf einen Aufschwung. Die Voraussetzungen sind gut. Die Liga hat neuerdings einen Namenssponsor. Die Barclays-Bank, von 2004 bis 2016 Namensgeber der Premier League, zahlt der WSL über drei Jahre mehr als zehn Millionen Pfund. Zum ersten Mal kann die einzige Vollzeit-Profiliga Europas Preisgelder auszahlen. Der Meister bekommt am Ende der Saison 100.000 Pfund, für den Tabellenletzten fallen immerhin noch 6000 Pfund ab.

Der Verband überträgt alle Spiele live im Internet und schloss TV-Verträge in Skandinavien und Mittelamerika ab. Durch den Aufstieg von Manchester United und Tottenham hat die WSL zwei große Namen dazugewonnen, zwei Marken, die aus dem Fußball der Männer bekannt sind. Das trägt zur Profilierung der Liga bei. Es gibt neuerdings ein Manchester-Derby und ein Nordlondon-Derby.

Dreikampf um die Meisterschaft

Sportlich ist mit Spannung zu rechnen. Meister FC Arsenal muss sich auf einen Dreikampf um den Titel mit Manchester City und Chelsea einstellen. Auch Manchester United könnte eine gute Rolle spielen, wie der Aufsteiger bei der knappen Niederlage im Stadtduell zeigte. "Das Spiel gibt uns den Glauben, dass wir mithalten können", sagte United-Trainerin Casey Stoney nach der Partie in der Interview-Zone.

Weitere entscheidende Fragen aber drehen sich nicht um Titel und Trophäen. Es gilt vielmehr zu beantworten: Wie bekommt man die Leute regelmäßig ins Stadion? Wie schafft man es, den Zuschauerschnitt (833 in der Vorsaison) mit dem Schwung der WM nachhaltig zu steigern?

Zum Greifen nah: Hier posiert Jackie Groenen von Manchester United für ein Foto mit Fans
Catherine Ivill/Getty Images

Zum Greifen nah: Hier posiert Jackie Groenen von Manchester United für ein Foto mit Fans

"Wir müssen eine andere Gruppe ansprechen als die Männer", sagte Maggie Murphy am Tag vor der Saisoneröffnung dem SPIEGEL. Sie ist General Manager des FC Lewes, der gerade eine UN-Auszeichnung dafür bekommen hat, dass die Mannschaft der Frauen in der zweiten Liga das gleiche Budget zur Verfügung hat wie die Männer in der siebten.

Sie glaubt: "Es gibt viele Menschen, die Fußball mögen es aber nicht wissen, weil sie durch Menschenmassen, Alkohol oder vielleicht die Angst vor Gewalt abgeschreckt werden. Wir müssen ein angenehmes Fußballerlebnis schaffen." Für United-Trainerin Stoney ist wichtig, "dass die Leute wissen, wann und wo wir spielen".

Das Wo ist ein Problem: Das Stadion von Uniteds Frauen liegt außerhalb Manchesters und ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen. Bei anderen WSL-Teams ist es ähnlich. Da hat es Manchester City besser. Das Academy-Stadion mit Platz für 7000 Zuschauer, in dem die Mannschaft normalerweise aufläuft, ist nur eine Fußgängerbrücke von der Spielstätte der Männer entfernt. Mit der Straßenbahn sind es vom zentralen Piccadilly-Bahnhof zehn Minuten.

Wie ein großer Familienausflug

Die Liga hatte den Termin für den Saisonstart in der Länderspiel-Pause gut ausgesucht. Auch das Wetter - in Manchester immer ein Risikofaktor - spielte mit. Es war ein sonniger Nachmittag im Spätsommer. Die Stimmung beim Derby erinnerte an einen großen Familienausflug. Das Männer-Frauen-Verhältnis war ausgeglichen. Man sah deutlich mehr Kinder im Stadion als bei Spielen der Premier League. Aber auch viele ältere Menschen waren da, die vermutlich auch zu den Partien der Männer gehen.

In der 74. Minute jubelten sie alle gemeinsam. Da wurde der Zuschauer-Rekord durchgesagt.



insgesamt 9 Beiträge
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beckersheinz215 09.09.2019
1. Frauenfußball
Solche Derbys und verschenkte Karten können ja auf Dauer nicht über die Problematik hinwegtäuschen, dass der Fußball einfach gesättigt ist und der Frauenfußball nie in den Markt kommen wird. Wer soll denn den ganzen Fußball noch gucken? 6-7 Spitzenspiele in Deutschland (1+2 Liga), 4 in England, 2 in Frankreich, 2 in Italien, 3 in Spanien, EM/WM Quali, Championsleague, Europaleague, DFB Pokal usw. Das ist doch mittlerweile das Programm, dass der Sportkonsument im Wochentakt "genießt" - halb freiwillig, halb eingetrichtert.
zauberer2112 09.09.2019
2. Wahnsinn
Mit was für Mitteln hier der Frauen-Fußball gepusht wird. Wenn es jemanden interessiert, geht er/sie/es auch hin. Aber für mich genauso interessant wie Männer-Synchronschwimmen. Da könnte man mir auch Karten schenken und ich ginge nicht hin. Wahrscheinlich gibt's jetzt schon Ansprüche a la: "Wir haben 30 bzw. 40.000 Zuschauer, her mit den Kohlen." Wie diese zustande kommen, wird dann gerne mal ausgeblendet.
spadoni 09.09.2019
3. FC Chelsea vs Tottenham Hotspurs
"Für die Partie des Vorjahres-Dritten FC Chelsea gegen den zweiten Aufsteiger Tottenham Hotspur an der Stamford Bridge, das die Londonerinnen 1:0 am Sonntag gewannen", schreibt Herr Buchheister. Welche Londonerinnen denn? Soviel ich weiss ist der FC Chelsea, genau so wie auch auch die Tottenham Hotspurs in London beheimatet. Wenn auch in wirtschaftlich ziemlich unterschiedlichen Gegenden.
jr-minerals 09.09.2019
4. Mir ist es ein Rätsel
... wieso der Frauenfussball so gepusht werden soll. In meinen Augen ein völlig falscher Ansatz der Gleichberechtigung. Es gibt viele Sportarten, wie zB Tennis oder Volleyball, wo der Damensport grosser Sport und atraktiv anzusehen ist (aus rein sportlicher Sicht). Selbst bei der Nationalmannschaft der Frauen sieht es häufig einfach nicht gut aus, was da auf dem Platz passiert. Das sieht man dann auch am Ende an dem direkten Interesse der Fans im Stadion. In der letzten Saison kamen zu den Männern ca 43500 Zuschauer, bei den Frauen waren es keine 1000. Ich wünsche mir ganz persönlich eine Reduktion des Frauenfussballs am Fernsehen - sollten sie lieber in der Zeit sowas zeigen wie Volleyball, Tennis, Eishokey, etc.
FrankDunkel 09.09.2019
5.
Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, den Frauenfußball am Männerfußball zu messen. Keiner käme auf die Idee, den Frauen-Sprint mit dem Männer-Sprint zu vergleichen. Wieso also im Bereich des Fußballs?
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