Wolfsburgs Weghorst Der Sprinter unter den Stürmern

Wout Weghorst ist der beste Strafraumstürmer der Bundesliga - und einer der Gründe, warum Wolfsburg auf Platz zwei steht. Trotzdem wird der Niederländer in seiner Heimat und auch in Deutschland unterschätzt.

Dean Mouhtaropoulos/ Getty Images

Von Tobias Escher


Fußball ist ein Laufsport. Woche für Woche legen Bundesligaprofis zehn Kilometer und mehr zurück. Diese Zahl scheint noch ungeheuerlicher, wenn man sie in Relation setzt zur Geschwindigkeit: Bundesligaspieler joggen nicht nur über den Rasen, sie rennen und sprinten. Manche mehr, manche weniger.

Darunter sticht ein Stürmer hervor: Wolfsburgs Wout Weghorst. Mehr als tausend Sprints absolvierte er in der vergangenen Saison. Mehr hat noch kein Spieler in einer Bundesligasaison gezeigt. Und auch in diesem Jahr befindet sich Weghorst erneut unter den zehn Spielern, die am häufigsten zum Sprint ansetzen.

Das verwundert zunächst: Weghorst wird vom VfL Wolfsburg eigentlich für das Toreschießen bezahlt. Ihm eilt der Ruf eines Strafraumwühlers voraus. Doch Weghorsts eigentliche Stärke ist sein Wille. Und dieser Wille manifestiert sich auf dem Fußballfeld in zwei Facetten.

Glasners Spiel, Weghorsts Spiel

Im 3-4-3-System des neuen Trainers Oliver Glasner spielt Weghorst eine essenzielle Rolle. Glasner möchte dem Gegner den Ball überlassen, ihn dann gewinnen und schnell umschalten. Passend dazu gibt es nur wenige Stürmer, die gegnerische Abwehrketten so vehement anlaufen wie Weghorst.

Und auch in die andere Richtung ist der 27-Jährige fleißig. Kaum ein anderer Spieler sprintet derart häufig und konsequent in den Strafraum. Selbst wenn der Ball nicht in den Strafraum gespielt wird, geht Weghorst den Weg trotzdem. Weghorst ist Strafraumstürmer, 77 seiner 78 Tore als Fußballprofi erzielte er innerhalb des Sechzehners. In der aktuellen Saison traf er bereits viermal.

Dabei profitiert Weghorst aktuell besonders von einem Mitspieler: Josip Brekalo kann als einrückender Außenstürmer zu Dribblings ansetzen und Weghorst bedienen. An acht der zehn Wolfsburger Tore war mindestens einer der Beiden beteiligt, drei Treffer waren Koproduktionen des Duos.

Wolfsburgs Ambitionen beruhen zu großen Teilen auf den Leistungen ihres Stürmers. Glasners Spielidee: Er legt den Fokus auf die eigene defensive Stabilität, so sollen beide Teams möglichst wenig Chancen erhalten, nur Wolfsburg soll die wenigen Chancen nutzen. Aktuell geht das auf. Wolfsburg liegt mit gerade einmal zehn geschossenen Toren auf Rang zwei, weil sie nur vier Gegentreffer kassiert haben. Will Wolfsburg mit dieser Strategie weiter Erfolg haben, muss Weghorst auch in Zukunft regelmäßig treffen.

In der Jugend nicht aufgefallen

Weghorst muss sich die Bereitschaft bewahren, mehr zu tun als andere Spieler. Diese Einstellung speist sich aus seinem ungewöhnlichen Lebensweg. Anders als die meisten Spieler seiner Generation hat der 27-Jährige nie ein Nachwuchsleistungszentrum besucht. In seinem Heimatland Niederlande fiel der schlaksige Stürmer den Talentjägern der Jugendakademien nicht auf. "In Holland achten Scouts in erster Linie auf technisch herausragende Spieler", sagte Weghorst dem Fußballmagazin "11 Freunde". "Das war ich nie."

Den Traum vom Profifußball wollte Weghorst dennoch nicht aufgeben. Schon als Jugendlicher lebte er so, als wäre er professioneller Sportler. Er schob nach dem Training Extraschichten, achtete auf seine Ernährung, mied Partys. Sein Traum war es, als Stürmer in einem großen Verein zu spielen.

Peter Bosz, heute Trainer in Leverkusen, ließ ihn bei Heracles Almelo trainieren. Für einen Profivertrag reichte es zunächst nicht, Bosz riet Weghorst aber, am Ball zu bleiben. Und er kämpfte sich durch. Über die zweite niederländische Liga landete er 2014 doch in Almelo und später bei AZ Alkmaar. Für heutige Zeiten war er bei seinem Erstligadebüt mit 22 Jahren schon alt. 2018 folgte das erste Länderspiel für die niederländische Nationalmannschaft, bisher trug er das Oranje-Trikot dreimal. Weghorst hat seinen Traum wahr gemacht.

Kämpfen muss er aber weiterhin. Weil Weghorst von Bondscoach Ronald Koeman nicht für das Nationalteam nominiert worden war, konnte er vor dem Spitzenspiel gegen RB Leipzig (Samstag, 15.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker: SPIEGEL) mit seiner Mannschaft trainieren. Koeman hat keine Verwendung für Strafraumstürmer Weghorst, sondern setzt lieber auf technisch beschlagene Spielertypen. Weghorst ist diese Behandlung in seinem Heimatland gewohnt.

Er wird trotzdem weiter an sich arbeiten. Und weiter treffen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
flesnie 16.10.2019
1. Tobias Escher
Wo auch immer ihr den aufgegabelt habt, er macht stets einen höchst kompetenten Eindruck. Bitte mehr von dem!
Wolfsburger1945 16.10.2019
2. Überragender Typ..
.. der zeigt was Einstellung, Mentalität und Professionalität ausmachen. Einer der Top-Bundesligastürmer den jedes Team gerne in seiner Mannschaft hätte. Danke Wout!
widower+2 16.10.2019
3. Stimmt!
Zitat von flesnieWo auch immer ihr den aufgegabelt habt, er macht stets einen höchst kompetenten Eindruck. Bitte mehr von dem!
Escher schreibt als freier Journalist für alle möglichen Zeitungen und sonstige Medien. Er ist aber schon länger als einer der besten deutschen Sportjournalisten und wahrscheinlich bester Taktikanalytiker bekannt.
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