Gladbach-Torhüter Sommer "Neuer hat das Risiko deutlich minimiert"

Yann Sommer gilt als einer der besten Bundesliga-Torhüter und als Erfolgsgarant für Gladbach. Im Interview spricht er darüber, wie sich Manuel Neuers Spielweise verändert hat, und warum seine eine andere ist.
Sommer: "Nach dem Trainerwechsel haben wir aufgehört zu grübeln"

Sommer: "Nach dem Trainerwechsel haben wir aufgehört zu grübeln"

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Sommer, am ersten Spieltag gab es ein 0:4 gegen den BVB. Es war der Ausgangspunkt für einen tiefen Absturz, der erst mit dem Rücktritt von Lucien Favre endete. Jetzt hat man zum Rückrundenstart wieder gegen Dortmund verloren. Hilft die Erfahrung der Hinrunde dabei, das zu verarbeiten?

Sommer: Wir dürfen jetzt nicht an den Beginn der Hinrunde denken. Das ist vorbei. Das haben wir als Mannschaft überwunden. In dem Spiel am Samstag war auch schon viel mehr Positives zu erkennen als noch in der Hinrunde. Wir dürfen diese Niederlage nicht zu hoch hängen. Wir müssen an den Dingen arbeiten, die nicht so gut funktioniert haben und dann schauen, dass wir oben dabei bleiben und die nächsten Spiele erfolgreich gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Borussia hat in den vergangenen acht Pflichtspielen insgesamt 24 Gegentore zugelassen, drei pro Spiel. Gegen Dortmund hätten es sogar mehr sein können. Wo liegen die Gründe für dieses Problem?

Sommer: Schwer zu sagen. Wir spielen jetzt etwas offensiver als vorher. Und wir haben nicht immer so verteidigt, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir hatten relativ einfache Ballverluste, und das hat der BVB dann eiskalt ausgenutzt. Daran müssen wir arbeiten. Der Gegner muss es wieder richtig schwer haben, gegen uns Tore zu machen, so wie in der vergangenen Saison.

Zur Person
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Yann Sommer, 27, ist seit der Saison 2014/2015 Torhüter von Borussia Mönchengladbach. Mit einer geschätzten Ablösesumme von acht bis neun Millionen Euro ist er der zweitteuerste Torwart der Bundesliga-Geschichte - nach Manuel Neuer.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen mit Manuel Neuer, dem besten Torhüter der Welt, in einer Liga. Steckt diese risikofreudige Spielweise an?

Sommer: Manuel Neuer hat diese unglaubliche WM gespielt, mit sehr viel Risiko, und das hat alles funktioniert. Aber mir ist aufgefallen, dass er das Risiko in der Bundesliga deutlich minimiert hat. Und ich will ohnehin niemanden kopieren. Das Spiel mit dem Fuß ist wichtig, aber mein Hauptberuf ist immer noch das Bällehalten.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment spielen Keeper mitunter Doppelpässe am eigenen Fünfmeterraum, lässt sich diese Entwicklung noch weitertreiben, oder wie sieht das Torwartspiel der Zukunft aus?

Sommer: Das ist sehr schwierig zu sagen, aber ich glaube, vom Risiko, das wir heute eingehen, ist das schon relativ ausgereizt. Man kann ja nicht anfangen, die Stürmer auszudribbeln.

SPIEGEL ONLINE: Die erste Vorbereitung mit Trainer André Schubert liegt hinter Ihnen. Hat er die Mannschaft in der Winterpause nach seinen Vorstellungen geformt?

Sommer: Ich denke schon. Wir spielen unter Schubert ein bisschen offensiver, dafür lassen wir defensiv etwas mehr zu. Am Ende der Hinrunde war das Gleichgewicht dann nicht mehr so optimal, daran haben wir gearbeitet. Außerdem wollen wir variabler werden, um auch mal das System umstellen können, das ist sehr spannend.

SPIEGEL ONLINE: Nach ihrem 3:1 gegen den FC Bayern wurde Schubert als besonders demokratischer Trainer gefeiert, der die Spieler mitbestimmen lässt. Er hatte die Mannschaft damals gefragt, ob sie mit einer Dreierkette spielen wolle. Ist er wirklich ein Trainer, der auf die Spieler hört?

Sommer: Es kommt immer darauf an, um was für Entscheidungen es sich handelt, ich denke aber schon, dass er vor allen Dingen seine eigenen Ideen umsetzt. Wir haben viele Spieler, die relativ viel Erfahrung haben, da fragt er auch mal nach. Am Ende ist er der Chef und trifft die Entscheidungen, die er für richtig hält.

SPIEGEL ONLINE: Es wird immer noch gerätselt, was Schubert gemacht hat, um das verunsicherte Favre-Team in eine mitreißend spielende Spitzenmannschaft zu verwandeln. Gibt es innerhalb des Kaders eine Theorie, was da genau passiert ist?

Sommer: Das ist sehr schwierig zu verstehen. Wir hatten einfach diese fünf sehr, sehr schlechten Spiele, und das hatte erst mal nichts mit dem Trainer zu tun. Das war mehr so eine Dynamik, die da entstanden ist. Mental war diese Situation sehr kompliziert. Man verliert, fängt an zu überlegen, warum funktioniert das alles auf einmal nicht mehr, und dann kommen die Zweifel. Einige Wochen vorher ging es, dann auf einmal nicht mehr. Nach dem Trainerwechsel haben wir aufgehört zu grübeln, und das macht manchmal sehr viel aus. Man vergisst die schlechten Spiele, und dann war es wieder die alte Borussia.

SPIEGEL ONLINE: Josep Guardiola hat Anfang Januar erklärt, warum er den FC Bayern im Sommer verlassen möchte, und dabei unter anderem gesagt, er wolle verhindern, dass man sich irgendwann auf die Nerven geht. Kommt dieser Punkt automatisch, wenn Spieler und Trainer intensiv zusammenarbeiten?

Sommer: Das ist ganz normal, und das passiert auch in vielen anderen Berufsfeldern. Wenn man fünf, sechs Jahre den gleichen Chef hatte, dann kann es passieren, dass man von machen Dingen die Nase voll hat. Man kennt seine Arbeitsweisen, irgendwann hat man alles gesehen, und vielleicht schaltet man auch einen Gang zurück, wenn sich Dinge zu oft wiederholen. Aber ich weiß nicht, ob das hier in Mönchengladbach der Fall gewesen ist, ich selbst habe ja nur ein Jahr mit Lucien Favre zusammengearbeitet, und diese Zeit werde ich in sehr positiver Erinnerung behalten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ideal, einen Trainer möglichst lange in einem Klub halten zu wollen, demnach ein bisschen realitätsfremd?

Sommer: Das kann unter bestimmten Umständen schon gut funktionieren, aber ich glaube, dass es auch einem Klub guttun kann, sich alle paar Jahre neuen Einflüssen und einem neuen Trainerstil auszusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie betreiben einen Blog im Internet, in dem es ums Kochen geht, das ist für einen Fußballer ein recht ungewöhnlicher Auftritt im Internet.

Sommer: Warum? Ernährung ist ein wichtiges Thema für Fußballer.

SPIEGEL ONLINE: Aber die meisten Profis lassen eher für sich kochen, im Klub, im Restaurant oder von der Freundin.

Sommer: Ich bin eben mit extrem kulinarisch-interessierten Eltern aufgewachsen. Kochen und Essen waren immer wichtige Ereignisse bei uns. Als ich dann mit 17 ausgezogen bin, habe ich angefangen, selbst zu kochen, und bemerkt, dass ich dabei sehr gut abschalten kann. Außerdem bin ich ein bisschen ein Freak: Wenn ich etwas koche, muss das schön aussehen, deswegen mache ich immer Fotos von meinen Gerichten. Irgendwann habe ich mir dann gesagt, warum machst du nicht was draus?

SPIEGEL ONLINE: Sie kochen gern, besuchen Kunstausstellungen und nehmen Gitarrenunterricht. Gerät mit man da unter Fußballern nicht schnell in die Schublade eines intellektuellen Exoten?

Sommer: Nein, intellektuell habe ich mich nie gefühlt, dazu waren meine schulischen Leistungen viel zu bescheiden. Aber ich interessiere mich eben für andere Dinge. Ich habe Freunde, die Design studiert haben, Freunde, die im Kunstgeschäft tätig sind, Freunde die in der Pharmaindustrie arbeiten. Und wenn die sich für etwas interessieren, findet man eben auch leicht Zugang. Außerdem ist mein Vater künstlerisch tätig, er malt viel, und so kam ich eben in Bereiche rein, die mich jetzt einfach interessieren.

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