Kino-Film "You'll never walk alone" Die Geschichte des berühmtesten Fanlieds der Welt

Im Dokumentarfilm "You'll never walk alone" erkundet Joachim Król die Entstehung der legendären Fußballhymne. Ein nostalgischer Trip um die Welt - und eine Hommage an die Macht von Fußball und Musik.
Kino-Film "You'll never walk alone": Die Geschichte des berühmtesten Fanlieds der Welt

Kino-Film "You'll never walk alone": Die Geschichte des berühmtesten Fanlieds der Welt

Foto: Alex Livesey/ Getty Images

Im Jahre 1909 sitzen in einer Gaststätte in der Dortmunder Nordstadt ein paar Herren und gründen den Ballspielverein Borussia. Gleichzeitig feilt in Budapest der gefeierte Autor Ferenc Molnár an einem Theaterstück, das sein berühmtestes werden sollte: Liliom, die Geschichte des unglücklichen jungen Mannes auf dem Karussell. Ein Welterfolg.

Joachim Król erklärt, was diese denkbar weit entfernten Ereignisse miteinander zu tun haben. Der Schauspieler ist die Hauptfigur in dem Dokumentarfilm "You'll never walk alone", der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Król macht sich von der Filmkamera begleitet auf die Suche nach der Geschichte des berühmtesten Fanlieds im Fußball, gesungen in Liverpool und auf vielen anderen Tribünen der Welt. Von Glasgow bis eben Dortmund. Und die Wurzel des Lieds, sie liegt bei Molnár, Liliom und Budapest.

Wie all dies zusammenhängt, erzählt Regisseur André Schäfer in ruhigen, stimmungsvollen Bildern. Es ist eine Reise durch die Welt des Theaters, sie zeigt, wie der Fußball und die Musik Menschen glücklich und unglücklich machen. Es sind die beiden Dinge, die jeder auf der Welt verstehen kann, welch eine hehre Macht.

Satchmo, Elvis, Sinatra, Johnny Cash

You'll never walk alone - diese Internationalhymne, gesungen schon von Elvis, von Louis Satchmo Armstrong, von Frank Sinatra, Shirley Bassey und Johnny Cash (ja, und von den Toten Hosen auch), berühmt geworden durch die Liverpooler Band Gerry and the Pacemakers und von der Liverpooler Fantribüne The Kop in die Fußballwelt hinaus getragen. Diese Hymne ist eigentlich ein Musical-Schmachtfetzen der Broadway-Legenden Rodgers und Hammerstein, ein Lied aus "Carousel", der Musical-Fassung von Liliom. Hätten Sie's gewusst?

Schäfer und sein Geschichtenerzähler Król zeichnen die Wege und Umwege des Lieds mit viel Sinn fürs Sentimentale nach. Mit viel Herz, mit viel Fanromantik, so rauscht zum Beispiel die sinfonische Fassung des von Thomas Hengelbrock dirigierten Balthasar-Neumann-Chors und -Ensembles direkt ins Blut, sodass auch Król anschließend nur verliebt seufzen kann: "Ich habe schon viele Versionen dieses Lieds gehört, aber das ist meine neue Lieblingsversion."

Die Herzkammer des Lieds liegt selbstverständlich in Liverpool, es ist die Anfield Road, und entsprechend nimmt sich der Film viel Zeit, in die Gesichter der Fans auf The Kop zu blicken, dazu der wunderbar distinguierten Person des ewigen LFC-Stadionsprechers George Sephton genügend Raum zu geben. Sephton, "the Voice of Anfield", der seit 1960 zu den Reds geht, und seit nunmehr 1971 die Aufstellungen verliest. Mittlerweile ist er selbst eine der vielen Anfield-Legenden wie Kevin Keegan, Bill Shankley, Kenny Dalglish, Ian Rush, Bob Paisley oder Steven Gerrard.

Wie Sephton den Klängen der Pacemakers lauscht und dann nach dem letzten Ton nur ganz leise sagt, "Two Minutes and thirty eight seconds, pure Magic" ist einer der schönsten Augenblicke des Films. Dass der Film am Ende BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel dabei beobachtet, wie er sich an der Imbissbude die Pommes reinschiebt, ist zudem ein sehr hübscher Kontrast.

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Król nimmt den Zuschauer mit auf die Reise

Triumphe und Tragödien, diese großen Worte, die im Fußball so leichtgängig benutzt werden, am FC Liverpool und seiner Fanhymne hängen sie tatsächlich. Vom Champions-League-Wunder gegen den AC Mailand bis zur Katastrophe von Hillsborough. Ein Lied kann trösten, es kann selig machen. "At the End of the Storm there is a golden Sky."

"You'll never walk alone" ist aber nicht nur Liverpool. Der Film nimmt Borussia Dortmund und die Gelbe Wand als ausführliches Beispiel für die anderen Klubs. Nicht nur, weil Król bekennender und bekannter BVB-Fan ist, wohl auch, weil BVB-Sponsor Evonik einer der Geldgeber des Films ist. Ein Verein wie Celtic Glasgow, bei dem ebenfalls seit vielen Jahren inbrünstig "Walk on through the Wind, Walk on through the Rain" eingestimmt wird, wird nicht erwähnt.

Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler bei dieser nostalgischen Reise durch die Fußball- und Musikgeschichte, von Król jederzeit angemessen begleitet. Ihm wird ja manchmal eine gewisse mangelnde Wandlungsfähigkeit in seiner Schauspielerei angekreidet, hier gereicht ihm dieses vermeintliche Defizit zum Vorteil: Król muss sich nicht verstellen, der Fußballenthusiast Joachim Król aus dem Ruhrgebiet schwelgt geradezu in den Erinnerungen, in den Stimmungen des Films, in den Gesprächen mit Campino und Jürgen Klopp, er ist wie ein kleiner Junge, seine Augen leuchten, wenn er in Anfield auf der Tribüne stehen darf. Er nimmt uns mit.

Und zum Schluss ist es doch wahrhaft Nobby Dickel, der den philosophischsten Satz des Films sagt. Als Król ihn an der Frittenbude anspricht, dass es in dem Lied ja eigentlich gar nicht um Fußball geht, guckt Dickel kurz auf, greift in die Pommesschale und sagt: "Ist doch egal. Ist das nicht am Ende egal?"

You'll never walk alone, Länge: 104 Minuten. Regie: Andrè Schäfer. Ab Donnerstag in den Kinos