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11. März 2019, 21:33 Uhr

Zidanes Rückkehr zu Real Madrid

Bau auf, bau auf!

Von Florian Haupt, Barcelona

Heimkehrer Zinédine Zidane muss bei Real Madrid mitten in der schweren Krise ein Team für die Zukunft bilden. Die Aufgabe für den Erfolgstrainer ist gigantisch. Helfen soll ihm seine Aura.

"Vielleicht ist es nur ein hasta luego": Auch das hatte Zinédine Zidane gesagt, als er vor neun Monaten seinen Rücktritt als Trainer von Real Madrid erklärte. Nur größte Optimisten unter den damals geschockten Real-Fans konnten allerdings annehmen, dass sich dieses "Bis bald" schon so bald materialisieren sollte. Zidane ist wieder da - um das Chaos im Verein zu beenden. Und offenbar auch, um sich selbst zu testen.

Seine Aufgabe ist gigantisch. Real verlor ja nicht zufällig alle Titelchancen in einer Woche und wurde dabei von Ajax Amsterdam regelrecht vorgeführt. Der Kader ist nicht gut ausbalanciert. Langjährige Stützen sind über 30 Jahre alt, andere Spieler noch sehr jung. Es gibt kaum Profis im sogenannten besten Fußballeralter zwischen 25 und 28 Jahren. Dazu kam nach drei Champions-League-Siegen in Folge auch eine gewisse Übersättigung. Real steht vor dem Aufbau eines ganz neuen Teams.

Vorgänger Solari scheiterte auch an sich selbst

Zidanes nach nur gut vier Monaten im Amt geschasster Vorgänger Santiago Solari scheiterte dabei auch daran, gutgemeinte Ansätze ins Extrem getrieben zu haben. Er degradierte Stars wie Isco, Marcelo oder Gareth Bale, erreicht damit aber nicht die gewünschte Trotzreaktion - sondern verlor die Spieler. Als er in Reals Schicksalswoche mit zwei Partien gegen den FC Barcelona und dem Champions-League-Duell gegen Ajax auf Impulse von der Ersatzbank angewiesen war, fand er dort nur missmutige Profis.

Wo zuletzt bei Real jeder machte, was er will, und sich die Spieler in Streitigkeiten und Rechtfertigungsdiskursen verzettelten, sollen sich jetzt alle wieder unter der Aura Zidanes versammeln.

Die sportlichen Ziele sind erst einmal überschaubar: In einer inoffiziellen Stadtmeisterschaft mit Atlético Madrid (fünf Punkte vor Real) und dem erstaunlichen Vorstadtklub Getafe (sechs Punkte zurück) geht es wohl allenfalls noch um die Vizemeisterschaft hinter dem FC Barcelona. Aber natürlich beginnt mit dem ersten Training unter Zidane am Dienstag das Casting für die neue Saison. Wer darf bleiben, wer nicht?

Bale dürfte keine Zukunft mehr in Madrid haben

Allen voran Gareth Bale etwa dürfte ohne Zukunft in Madrid sein, denn ihn wollte Zidane schon abgeben, als er noch Trainer war. Auch weil sich Präsident Florentino Pérez letztlich für einen Verbleib des Walisers entschied, soll der Franzose wenige Tage nach dem Champions-League-Finale den Rücktritt erklärt haben.

Wenig begeistert von den Entwicklungen des Montags dürfte auch der spanische Nationalspieler Dani Ceballos sein, der von Zidane vorige Saison kaum berücksichtigt worden war. Mit vermeintlich sicherem Abstand sagte der Mittelfeldmann später, er hätte sich einen neuen Verein gesucht, wäre Zidane geblieben. Dem Trainer wünscht Ceballos gönnerhaft, "in Zukunft nicht die Fehler zu wiederholen, die er hier begangen hat".

Zidane muss junge Spieler weiterentwickeln

Zidane seinerseits hatte den Rücktritt im Sommer wie folgt begründet: "Ich sehe nicht klar, dass wir weiter Erfolg haben werden." Die Mannschaft brauche "eine andere Ansprache und andere Arbeitsmethoden". Braucht sie das jetzt nicht mehr? Ist sein Weg doch der einzige, der funktioniert? Oder hat ihm Pérez einfach nur die Zugeständnisse gegeben, die er ihm vorigen Sommer noch versagte?

Stärker als zuvor wird er in seiner zweiten Amtszeit als Fußball-Lehrer gefordert sein, der junge Spieler weiterentwickelt. Der 18-jährige Brasilianer Vínicius deutete schon unter Solari sein Ausnahmetalent an, fällt aber jetzt rund zwei Monate verletzt aus. Im Sommer wird sein dann gleichaltriger und ebenfalls für 45 Millionen Euro eingekaufter Landsmann Rodrygo zum Team stoßen.

Auch Reals einziger Wintertransfer, der 19-jährige Brahim Díaz, muss noch geschliffen werden, und womöglich kommt sogar der nach Holland verliehene Martin Ödegaard zurück, den Zidane einst als Coach der zweiten Mannschaft nicht entscheidend weiterbringen konnte. Reüssiert hat er dafür bei Casemiro oder Marco Asensio, die er zu Leistungsträgern formte.

Präsident Pérez als großer Gewinner

Als er sich vorigen Sommer verabschiedete, sprach Zidane auch von seiner ewigen Dankbarkeit gegenüber Pérez, weil dieser ihn einst als Spieler nach Madrid gebracht hatte. Den Scheck für diese Vorleistung hat der Präsident spätestens jetzt eingelöst.

Pérez ist wohl der größte Gewinner des gestrigen Tages. Nach massiver Kritik an seiner Kaderplanung ist er jetzt erst mal wieder aus der Schusslinie.

Wer jedoch denkt, es werde automatisch alles wieder gut bei Real Madrid, dem sei nur ein selektiver Blick zurück empfohlen. Wo die Hauptstädter aktuell zwölf Punkte hinter dem FC Barcelona liegen, waren es vorige Saison zu diesem Zeitpunkt schon 15 und am Ende gar 17 Punkte. Der Trainer damals hieß bekanntlich Zinédine Zidane.

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