Anweisungen für Fußball-Schiedsrichter Empörung der Regelhüter

Die kleinliche Auslegung der neuen Fußballregeln sorgte bei der WM für Unmut - und bei der Bundesliga für eine großzügigere Auslegung. Jetzt greift das verantwortliche Gremium ein. Den DFB lässt das kalt.

Vor der Linie: Liverpool-Keeper Adrián im Supercup
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Vor der Linie: Liverpool-Keeper Adrián im Supercup

Von Alex Feuerherdt


Das Dokument trägt einen nüchternen Titel: "Zirkular Nr. 17: Spielregeln 2019/20 - wichtige Erläuterungen". Veröffentlicht hat es am Mittwoch das International Football Association Board (Ifab), jenes Gremium aus Fifa-Funktionären und Vertretern der vier britischen Verbände, das seit jeher über die Einhaltung der Fußballregeln wacht und als einziges befugt ist, Änderungen an ihnen vorzunehmen.

Sein dreiseitiges Zirkular ist "an alle nationalen Fußballverbände und die Konföderationen" gerichtet. Aus ihm ist herauszulesen, dass die Regelhüter unzufrieden damit sind, wie einige Neuerungen mancherorts umgesetzt werden, darunter auch in Deutschland.

Das gilt vor allem für eine Regeländerung beim Elfmeter. Die Torhüter müssen bei der Ausführung neuerdings nur noch mit einem Fuß auf der Torlinie bleiben, was ihnen "mehr Bewegungsfreiheit" zusichert, wie das Ifab schreibt. Im Gegenzug seien die Schlussleute nun "mehr denn je verpflichtet, die Spielregeln zu befolgen". Die Unparteiischen, die über das Verlassen der Linie beim Elfmeter bislang meist großzügig hinwegsahen, sollten deshalb "dafür sorgen, dass ein Strafstoß wiederholt wird, wenn sich der Torhüter nach vorne bewegt, ehe der Ball im Spiel ist, und den Strafstoß abwehrt".

Schottlands Lee Alexander hielt bei der WM eine Elfmeter, doch weil sie sich beim Schuss knapp vor der Torlinie befunden hatte, wurde der Strafstoß wiederholt
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Schottlands Lee Alexander hielt bei der WM eine Elfmeter, doch weil sie sich beim Schuss knapp vor der Torlinie befunden hatte, wurde der Strafstoß wiederholt

Diese Regelung wurde in diesem Sommer bei der Weltmeisterschaft in Frankreich von den Schiedsrichterinnen und den Video-Assistenten (VAR) strikt befolgt: Wenn der Ball nicht ins Tor ging, gab es eine Wiederholung des Elfmeters, sobald die Torhüterin bei der Ausführung die Torlinie auch nur minimal verlassen hatte.

Das empfanden viele Beobachterinnen und Beobachter als zu radikale Änderung der bisherigen Praxis, das öffentliche Echo war deshalb überwiegend negativ. Doch Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Referees, verteidigte diese Strenge. Er sagte, es handle sich in Spielen mit VAR um eine Schwarz-weiß-Entscheidung wie das Abseits. Da argumentiere man schließlich auch nicht damit, dass es auf einige Zentimeter nicht ankomme.

In der Bundesliga, der englischen Premier League und bei der Uefa sieht man die Dinge anders. Alle drei kündigten an, diese Regeländerung nicht so penibel umsetzen, sondern den Torhütern weiterhin einen gewissen Spielraum zugestehen zu wollen. Die Entscheidung darüber solle "grundsätzlich beim Schiedsrichter auf dem Feld bleiben" und der VAR daher nur bei eklatanten Verstößen eingreifen, sofern der Unparteiische nicht reagiere, sagte beispielsweise Jochen Drees, der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten.

Lange Leine im Supercup

Im europäischen Supercup zwischen dem FC Liverpool und dem FC Chelsea ließ die Schiedsrichterin dann auch Nachsicht walten: Als der Liverpooler Keeper Adrián im Elfmeterschießen den letzten Schuss von Tammy Abraham hielt und zuvor seine Torlinie mit beiden Füßen verlassen hatte, hatte das keine Konsequenzen für ihn. Darauf, dass gleich mehrere große Verbände die Regeländerung nicht buchstabengetreu befolgen, reagierte das Ifab nun mit seinem Zirkular. Es ist als Ermahnung zu verstehen, die Vorgaben einzuhalten.

Viel Diskussionsbedarf im Supercup zwischen Chelsea und Liverpool, im Elfmeterschießen ließ Schiedsrichterin Stephanie Frappart aber Nachsicht walten
Emrah Gurel/AP

Viel Diskussionsbedarf im Supercup zwischen Chelsea und Liverpool, im Elfmeterschießen ließ Schiedsrichterin Stephanie Frappart aber Nachsicht walten

"Gleichzeitig haben wir versucht, im Sinne des Fußballs und im Rahmen des regeltechnisch Möglichen den Kritikern entgegenzukommen", sagt Lukas Brud, der Geschäftsführer des Ifab, dem SPIEGEL. Denn im Rundschreiben der Regelhüter heißt es auch, und das ist neu: "Wenn der Strafstoß das Tor verfehlt oder der Ball von den Torpfosten und/oder der Querlatte zurückspringt, folgt der Schiedsrichter in der Regel der Intention der Spielregeln und lässt den Strafstoß nicht wiederholen, es sei denn, der Schütze wurde von der Vorwärtsbewegung des Torhüters klar gestört."

In der Praxis bedeutet diese Anweisung: Bewegt sich der Torwart beim Elfmeter zu früh von der Linie, muss es nur dann eine Wiederholung geben, wenn er den Ball abwehrt. Geht der Ball dagegen am Tor vorbei oder an den Pfosten, hat der Schiedsrichter einen Ermessensspielraum. "Wir erwarten dafür umso mehr, dass die Referees, nötigenfalls auf einen Hinweis der VAR, den Strafstoß bei einem Verstoß des Keepers wiederholen lassen, wenn der Ball gehalten wird", so Brud.

DFB sieht "keinen Handlungsbedarf"

Jochen Drees sieht gleichwohl auch nach dem Ifab-Schreiben "keinen Handlungsbedarf, an unserer Interpretation der Regel etwas zu verändern", wie er dem SPIEGEL sagte. "Wir sind davon überzeugt, dass wir die Vorgaben im Sinne des Fußballs und im Geist des Regelwerks umsetzen." Die Schiedsrichter sollten bei der Strafstoßausführung "mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand vorgehen und gegenüber allen Beteiligten nicht zu kleinlich sein". Klare und offensichtliche Verstöße würden die Unparteiischen jedoch "selbstverständlich ahnden".

In seinem Zirkular räumt das Ifab den Verbänden zudem die Möglichkeit ein, im Elfmeterschießen bei Verstößen der Torhüter auf die Gelbe Karte zu verzichten, die eigentlich zwingend ist, wenn der Schiedsrichter die Wiederholung eines Elfmeters anordnet. Diese Regelung, die nicht für Strafstöße während des Spiels gilt, war bei der Weltmeisterschaft in Frankreich auf Antrag der Fifa kurzfristig vom Ifab genehmigt worden. Denn es gab die Befürchtung, dass die strenge Auslegung der neuen Elfmeterregel zu Gelb-Roten Karten für die Keeper im Elfmeterschießen führt. Was ursprünglich eine Ausnahme war, ist nun eine reguläre Option. In Deutschland findet sie beispielsweise im DFB-Pokal Anwendung.

Außerdem weist das Ifab in seinem Rundschreiben noch einmal explizit darauf hin, dass Trainer und andere Teamoffizielle für die im Regelwerk genannten Verstöße nun mit der Gelben oder der Roten Karte zu bestrafen sind. Ifab-Geschäftsführer Lukas Brud nennt dazu ein Beispiel: "Wenn ein Trainer etwa nach dem Halbzeitpfiff auf das Feld läuft und in aggressiver Weise den Schiedsrichter angeht, muss es einen Feldverweis geben." Eine Rote Karte zieht auch bei Teamoffiziellen automatisch eine Sperre nach sich. In der Bundesliga und der Zweiten Liga wird ein Trainer außerdem für das nächste Spiel gesperrt, wenn er im Laufe der Saison die vierte Gelbe Karte erhält.



insgesamt 15 Beiträge
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Playmaker 22.08.2019
1. Dank an den Erben des Collina-Schatzes,
der es versteht, unaufgeregt und kompetent aktuelle Regelreformen und Auslegungskriterien zu erläutern, und somit den üblichen wirren Diskussionen entgegen wirkt. Gibt zwar nicht viele Clicks, weil`s nichts zu meckern gibt, aber bildet weiter. My cup of tea ;-)
torflut 22.08.2019
2. warum so kompliziert?
Wenn alle Spielleiter den voreiligen Keeper mit Wiederholung bestrafen würden, wenn der Schuss nicht rein geht, würde sich die Regel schnell in den Köpfen festsetzen.
lektra 22.08.2019
3. Ein Unding!
Pierluigi Collina nennt es "eine Schwarz-weiß-Entscheidung wie das Abseits. Da argumentiere man schließlich auch nicht damit, dass es auf einige Zentimeter nicht ankomme." Bekommen Spieler, die im Abseits stehen, dann auch die Gelbe Karte? Eine instinktive Reaktion des Torhüters auf einen Elfmeter als Unsportlichkeit zu bewerten, die mit gelb bestraft werden muss - da muss man erstmal draufkommen! Elfmeter dürfen (und werden in der Regel) verzögert geschossen. Der Elfmeterschütze kann den Torhüter also dazu verleiten, zu früh zu reagieren. Der Torhüter kann sich wegen der Verzögerung nicht darauf einstellen, wann der Schuss genau erfolgt. Also müsste er bei der Konzentration auf die Richtung des Balls auch noch den Sekundenbruchteil erwischen, ab wann der Ball den Fuß verlässt. Dann müsste er auch noch den Blick nach unten haben, um zu sehen, ob er noch auf der Linie steht - oder ob er sich beim Springen um ein paar Zentimeter vertan hat. Ein absolutes Unding!
_gimli_ 22.08.2019
4.
Zitat von torflutWenn alle Spielleiter den voreiligen Keeper mit Wiederholung bestrafen würden, wenn der Schuss nicht rein geht, würde sich die Regel schnell in den Köpfen festsetzen.
Könnte man so machen. Man kann aber auch der Meinung sein, dass es der Attraktivität des Fußballs zuträglich ist, dem Torhüter beim Elfmeter mehr Spielraum einzuräumen und Spiele spannend zu gestalten. Im Prinzip ist das Aufbegehren Deutschlands, Englands etc. gegen die Regelverschärfung offene Kritik an der Regel.
opameier 22.08.2019
5. Meiner Meinung nach sollte...
....sich der Bewegungsbereich des Torhüters beim Elfmeter vergrößern. Natürlich soll er sich nicht direkt vor den Schützen stellen können, aber in einem bogenförmigen Bereich bis zu ca 3m von Pfosten und Torlinie entfernt sollte er sich frei aufhalten dürfen. Würde alles viel interessanter machen und Elfmeterschießen spielerisch und kompetitiv aufwerten.
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