Zocker-Profi Schnitzler "Ich habe den Schlag auf die Fresse gebraucht"

Die Spielsucht hat dem früheren Fußballprofi René Schnitzler die Laufbahn verbaut. Seine Kontakte zur Wettmafia brachten das endgültige Karriereende. In dem Buch "Zockerliga" erzählt er, wie ihn erst eine Nacht im Gefängnis zur Besinnung brachte.

Früherer Profi Schnitzler: Auf der Knastpritsche geheult
dapd

Früherer Profi Schnitzler: Auf der Knastpritsche geheult

Von Rainer Schäfer und


Am Dienstag, dem 8. Dezember 2010, um 7:30 Uhr wacht René Schnitzler auf, weil an den Rollladen vor seinem Schlafzimmer gehämmert wird. Es ist dunkel, auch seine Freundin Sara hat noch geschlafen. Am Abend zuvor war Schnitzler mit einem Freund unterwegs, sie pokerten zuerst in Anrath, danach in einer illegalen Runde in Krefeld. Eine Tour ohne besondere Ausschläge in der Erregungsskala der beiden Zocker.

Als Schnitzler aufsteht, den Rolladen hochzieht und das Fenster öffnet, blendet ihn der Strahl einer Taschenlampe. Polizisten halten ihm ihre Dienstmarken und die Anordnung für eine Hausdurchsuchung entgegen. "Wir ermitteln im Zuge des Fußball-Wettskandals", sagt einer der Beamten. Schnitzler ist auf die Couch gesackt, neben ihm kauert verängstigt Sara, und zusammen beobachten sie, wie die Beamten nun den Schreibtisch durchwühlen und die Wohnung durchsuchen. "Ich war geschockt und konnte nicht mehr richtig denken", erinnert sich Schnitzler.

Gegen "Schnitzler und andere", so steht es in dem Beschluss des Amtsgerichts Bochum, wird wegen "gewerbsmäßigem Bandenbetrug" ermittelt. Angeordnet wird die Beschlagnahme von Unterlagen, "Vermerke, persönliche Aufzeichnungen, Gedächtnisprotokolle, Zahlungsverkehrsbelege, Datenträger, Wettscheine, Zugangsdaten zu Wettanbietern pp., soweit sie darauf schließen lassen, dass der Beschuldigte René Schnitzler als Profifußballer Bestechungsgelder erhalten hat". Weiter heißt es in der richterlichen Verfügung vom 7. Dezember 2010: "Es ist zu vermuten, dass die Durchsuchung zur Auffindung von Beweismitteln führen wird."

Festnahme macht ihn nervös wie nie zuvor im Leben

Belege dafür, dass Schnitzler Spiele verschoben haben könnte, finden sich nicht in der Wohnung. Die Polizisten beschlagnahmen seinen Laptop und sein Handy, Schnitzler selbst bringen sie zur Vernehmung nach Bochum. Dass er festgenommen worden ist, macht ihn nervös wie nie zuvor, er raucht Kette. Gegen zehn Uhr wird er vernommen, der Kriminalbeamte ist Fußballfan. Er hat den Raum, in dem Schnitzler befragt wird, mit Fahnen des Hamburger SV dekoriert. "Da habe ich mich als Stürmer des FC St. Pauli sofort wohl gefühlt", scherzt Schnitzler rückblickend.

An diesem Dienstag im Dezember aber fühlt und verhält er sich, als ob seine letzten Stunden angebrochen wären. Schnitzlers Anwalt Rainer Pohlen befindet sich gerade in Hamburg. Er verteidigt einen somalischen Piraten, dem der Prozess gemacht wird. Der Pirat, ein Junge noch, glaubt, dass ihm in Deutschland die Todesstrafe drohe. Es sind die komplizierten Fälle, die Pohlen interessieren.

Als Schnitzler mit ihm telefoniert, merkt Pohlen, dass der sonst so coole Zocker panische Angst davor hat, festgehalten zu werden. Ein Kollege aus Pohlens Kanzlei soll Schnitzler bei der Vernehmung zur Seite stehen und darauf aufpassen, dass der Mandant sich nicht um Kopf und Kragen redet. Am liebsten möchte Pohlen erst einmal Akteneinsicht beantragen. Die Staatsanwaltschaft hat allerdings mit Untersuchungshaft gedroht, falls Schnitzler nicht aussage.

Gedanke ans Gefängnis wird unerträglich

Das Gefängnis ist ein Gedanke, den der Fußballspieler nicht erträgt. Pohlen erinnert sich an zwei hektische Telefonate mit Schnitzler: "Er sagte, 'ich packe auf jeden Fall aus, egal, was Sie mir raten. Ich erzähl alles. Knast, das überlebe ich nicht.' Der Druck muss für ihn unglaublich groß gewesen sein." Weil Schnitzler hofft, anschließend wieder nach Hause zu dürfen, erzählt er gegen den Rat seinen Anwalts alles. Er schildert dem Kommissar aber auch, dass er kein einziges Mal manipuliert habe.

Als der Kommissar sagt, dass Schnitzler die Nacht nach der Vernehmung in einer der Ausnüchterungszellen verbringen müsse, wächst dessen Panik. Er hat mit Kriminellen aus dem Rotlichtmilieu zu tun gehabt, er hat den Kugellauf eines Revolvers an seiner Schläfe gespürt, er wurde von einem Hells Angel bedroht, der ihn bei Ebbe an einem Pfahl in der Elbe festbinden wollte. Das alles aber hat ihn nicht annähernd so sehr ängstigen können wie die Vorstellung, die Nacht allein im Gewahrsam in Bochum zu verbringen.

Genau das aber widerfährt ihm, in einem schmalen, fensterlosen Raum mit Pritsche, Waschbecken und einem Loch im Boden. Das Loch im Boden ist die Toilette, an einem Griff an der Wand kann sich Schnitzler festhalten. Die Matratze in der Ausnüchterungszelle ist hart, sie ist in eine Folie eingeschweißt, die grünbraune Wolldecke, mit der er sich zudecken soll, kratzt. Nebenan liegt ein Betrunkener, Schnitzler hört ihn lallen und stöhnen. Er kriegt kein Auge zu.

"Wir sind hier nicht im Hotel, Herr Schnitzler"

Der Mann, der gelebt hat wie ein Bundesligastar, der zeitweise drei Autos fuhr, liegt nun in einer Zelle und heult. "Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Lieber lasse ich mich auf offener Straße erschießen, als noch einen Tag in den Bau zu gehen. Ich bin gerne frei, der Gedanke, eingesperrt zu sein, ist mir unerträglich."

Schnitzler fasst jetzt Entschlüsse, die alles ändern sollen: "Ich habe mir Gedanken gemacht, wie blöd ich bin, was ich alles aufs Spiel gesetzt habe. Mir sind sicher zwei bis drei Millionen Euro durch die Hände gegangen. Erste Liga hätte ich spielen können, stattdessen muss ich gucken, dass ich mein Leben in die Bahn kriege. Das war die Nacht, in der ich gesagt habe: vorbei. Ich spiele nicht mehr. Ich bin kuriert."

Am nächsten Morgen wird er noch einmal vernommen, vier Stunden lang und auf nüchternen Magen, ein Frühstück ist nicht vorgesehen. Als er um einen Schluck Wasser bittet, sagt der Staatsanwalt Andreas Bachmann, der die Ermittlungen leitet: "Wir sind hier nicht im Hotel, Herr Schnitzler."

Gegen 16 Uhr wird Schnitzler wieder entlassen, zwei Tage später muss er noch einmal nach Bochum kommen, zu einer Nachvernehmung.

"Die Nacht in der Zelle in Bochum", glaubt René Schnitzler heute, "war der Schlag auf die Fresse, den ich gebraucht habe."

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