Karriereende von Fußballkommentatorin Töpperwien Danke, Sabine!

Sabine Töpperwien kommentierte als erste Frau live Fußballspiele und begeisterte andere für diesen Beruf. Nun hört sie auf. Ein persönlicher Karrierenachruf von einer ihrer Nachfolgerinnen.
Sabine Töpperwien hat mehr als 700 Livespieler kommentiert und war Leiterin der WDR-Sportredaktion im Hörfunk

Sabine Töpperwien hat mehr als 700 Livespieler kommentiert und war Leiterin der WDR-Sportredaktion im Hörfunk

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Dirk Borm / dpa

Fußball im Radio war für mich als Mädchen pure Liebe. Egal wo.

Ich erinnere mich an die Zeit, als mein Verein in der dritten Liga spielte und ich sehnsüchtig darauf wartete, dass der Moderator bei NDR2 ins Stadion schaltet für ein paar Momente Stadionatmosphäre, einen Angriff, hoffentlich ein Tor. Parallel wurde selbstredend der Videotext gecheckt.

Da sind die Samstage im Kinderzimmer mit der ARD-Bundesligakonferenz, das Herzklopfen, das Mitfiebern. Der Nachmittag im Jahr 2001, als der FC Schalke 04 im Tal der Tränen versinkt und der sicher geglaubte Meistertitel doch noch an die Bayern geht. Meine Eltern, mein Bruder und ich besuchen an dem Tag Verwandte, bleiben aber einfach im Auto sitzen und lassen die Familie warten, weil es zu gut, zu spannend ist.

Zur Autorin
Foto: Christian Spielmann / picture alliance/dpa/rbb/NDR

Stephanie Baczyk ist seit 2015 für den RBB und die ARD tätig, arbeitet als Reporterin, Kommentatorin und Beitragsmacherin in den Bereichen Fernsehen, Radio und Online. Seit 2019 gehört sie zum Team der ARD-Sportschau, ist aber auch für den ARD-Hörfunk im Einsatz – unter anderem in der Bundesligakonferenz am Samstag, sie war dort Kollegin von Sabine Töpperwien.

Fußball im Radio, das ist Kino im Kopf. Nah dran sein, mitgehen, mitleiden. So wie Sabine Töpperwien. Sie ist eine der Stimmen, die die vielen Emotionen transportieren, die Spiele verbal aufmalen. Teil meiner Kindheit und Jugend. Eine Frau, die Fußball kommentiert. Völlig normal. Wie besonders ihre Rolle tatsächlich ist, realisiere ich erst Jahre später, als ich selbst Sportjournalistin werden will. Beispiel gefällig?

Während eines Praktikums sagt ein Kollege zu mir: »Wenn es mit der Karriere nicht klappt, kannst du ja immer noch Hausfrau und Mutter werden!« Er grinst und freut sich. Großes Kino. Manchmal erinnere ich mich an ihn, wenn ich gerade im Stadion bin und meine Arbeit mache. Und lächle. Grüße gehen an dieser Stelle raus an meine Freundinnen, die schon Mütter sind und diesen Fulltime-Job rocken.

Töpperwien 1994: »Diese junge Töpperwien, die macht das ganz gut, die kannst du ernst nehmen.«

Töpperwien 1994: »Diese junge Töpperwien, die macht das ganz gut, die kannst du ernst nehmen.«

Foto: imago sportfotodienst

Aber tatsächlich hatte und habe ich es leichter, als Sabine Töpperwien es damals hatte. Sie hat für ihren Traumjob gekämpft zu einer Zeit, in der Frauen im Fußball hart belächelt wurden. Im aktuellen WDR2-Podcast »Einfach Fußball« erzählt sie, wie ihr Otto Rehhagel einst auf dem Trainingsplatz ein Interview mit den Worten verweigert, sie hätte »noch nie den Schweiß einer Kabine gerochen«. Und wie seine Frau Beate sie einige Zeit später im Radio hört und ihm verklickert: »Diese junge Töpperwien, die macht das ganz gut, die kannst du ernst nehmen.«

Sabine Töpperwien bleibt hartnäckig, setzt sich durch, lässt sich durch keinen kritischen Kommentar von ihrem Ziel abbringen. 

1989 kommentiert sie den Sieg der deutschen Frauennationalmannschaft über Italien bei der Europameisterschaft live im Fernsehen. Eine historische Partie, nach der die Spielerinnen erstmals durch die TV-Studios tingeln und die entsprechende Aufmerksamkeit bekommen. Im selben Jahr wird sie vom Norddeutschen Rundfunk, ihrem damaligen Sender, zum ersten Mal in der Bundesliga als Reporterin eingesetzt – bei der Partie St. Pauli gegen den Hamburger SV. Sie habe zwei Nächte nicht geschlafen, so nervös sei sie gewesen.

Töpperwien 1994 mit Nationalspieler Mario Basler

Töpperwien 1994 mit Nationalspieler Mario Basler

Foto: imago sportfotodienst

Als ich 2015 in die Sportredaktion des RBB wechsle, ist Sabine Töpperwien schon lange Sportchefin des WDR-Hörfunks. Mein Weg führt über ein Casting nach Berlin, Reporterinnen und Kommentatorinnen werden gesucht. Klar muss auch ich mich behaupten, habe vor den ersten Livespielen wenig bis gar nicht geschlafen. Und ja, bis heute arbeite ich an den vielen Details in meinen Reportagen. Aber ich werde unterstützt auf meinem Weg. Und respektiert. Die Akzeptanz ist größer geworden, denjenigen, die mich dennoch belächeln, begegne ich, indem ich meinen Job gut mache. Das passt dann relativ schnell.

Dass Frauen im Fußball heute selbstverständlicher am Start sind, ist mit Sabines Verdienst. Wir sind uns übrigens bis heute nie persönlich begegnet, aber an einem Samstag durfte ich mit ihr zusammen in der ARD-Bundesligakonferenz ran. Mehr als 20 Jahre nachdem ich ihr zu Hause im Kinderzimmer zugehört habe. Und sie war immer noch emotional und nah dran, mit Feuer bei der Sache.

Jetzt hört Sabine Töpperwien also mit 60 Jahren auf, aus gesundheitlichen Gründen. Als ich gefragt wurde, ob ich diesen Text schreiben möchte, habe ich Ja gesagt. Weil ich gern Danke sagen möchte. Dafür, dass sie dran geblieben ist, in einer Männerdomäne für ihren Traum gekämpft und so wichtige Arbeit für alle Frauen, die noch kommen, geleistet hat. Danke.

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