Zwanziger-Plädoyer "Wir bräuchten viele Klinsmänner"

DFB-Präsident Theo Zwanziger würde liebend gerne mit Jürgen Klinsmann weitermachen. Der Bundestrainer ziert sich allerdings noch - auch wegen seiner Gegner im Verband. Doch von einer internen Opposition will Zwanziger nichts mehr wissen.


Hamburg – "Es gibt im DFB-Präsidium keinen, der ernsthaft eine Vertragsverlängerung mit Jürgen Klinsmann in Frage stellen würde. Das wird eine völlig einmütige Haltung werden", sagte Zwanziger in Interviews mit mehreren Zeitungen, "ich werde es ihm sehr schwer machen, nein zu sagen." Vor der für das deutsche Team so erfolgreich verlaufenen WM hatten einige DFB-Obere das Vorgehen des Bundestrainers öffentlich scharf kritisiert.

So beklagte etwa DFB-Schatzmeister Heinrich Schmidhuber die hohen Ausgaben im Rahmen der Vorbereitung. Vizepräsident Erich Moldenhauer hatte eine Verlängerung von Klinsmanns am 31. Juli endenden Vertrag davon abhängig gemacht, dass dieser seinen Wohnort von Kalifornien zurück nach Deutschland verlegen solle.

DFB-Boss Zwanziger: "Noch nicht am Ende des Weges"
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DFB-Boss Zwanziger: "Noch nicht am Ende des Weges"

"Einige Helden im Präsidium können ja den Mund nicht halten und sind überglücklich, wenn sie mal einer anruft", sagte Zwanziger nun, will diese Aussage allerdings als Scherz verstanden wissen. "Es gibt ein paar Sachen, die man nicht vergisst", erklärte Klinsmanns engster Berater Roland Eitel im ARD-Hörfunk. Für Eitel steht auch bei einer Entscheidung Klinsmanns gegen den DFB fest: "Er wird dem Fußball mehr verbunden bleiben als früher, also mehr im europäischen Fußball in irgendeiner Form."

Zwanziger, der nach der WM den Verband alleine führen wird, da Gerhard Mayer-Vorfelder wie verabredet aufhört, bewertet Klinsmanns Reformen als vorbildlich. "Wir bräuchten viele Klinsmänner in diesem Land. An anderen Stellen gibt es viel verkrustetere Strukturen", so Zwanziger. Entscheidend für Klinsmann, doch Bundestrainer bleiben zu wollen, könnte das Votum der deutschen WM-Akteure sein, mutmaßt Zwanziger: "Er hat gespürt, dass die Spieler ihn wollen, dass er sie weitergebracht hat, dass sie nicht am Ende des Weges sind. Wenn er weitermacht, wird dies das ausschlaggebende Argument sein."

Allen voran Kapitän Michael Ballack umwirbt Klinsmann. "Die Mannschaft wartet auf ein Zeichen", sagte er in einem "FAZ"-Interview, "wenn man im Halbfinale in der letzten Sekunde ausscheidet, dürfte es gar keine Diskussion für einen Trainer geben, der ein junges Team zusammen gestellt und geformt hat. Er hat nachgewiesen, dass es funktioniert und sein Weg richtig war."

Klinsmann hatte zuletzt immer wieder betont, erst nach Ende der Weltmeisterschaft in Deutschland über seine berufliche Zukunft entscheiden zu wollen. Er müsse sich mit seiner Familie beraten, so der 41-Jährige, dessen Team heute um 21 Uhr im Spiel um den dritten Platz in Stuttgart auf Portugal trifft (Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Sollte Klinsmann seinen Vertrag trotz des großen Zuspruchs von Spielern und DFB-Führung nicht verlängern wollen, werde sein Nachfolger dauerhaft für den DFB tätig sein. "Ich strebe an, sofort eine Lösung zu präsentieren, die dann auch bis 2008 trägt." In diesem Jahr findet die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz statt. Die EM-Teilnahme zu schaffen, sei kein Selbstläufer, warnte Zwanziger: "Es beginnt jetzt wieder ein völlig neuer Weg. Ich glaube, dass der Alltag uns in absehbarer Zeit wiederhaben wird."

Deutschland startet am 2. September in Stuttgart gegen Irland in die EM-Qualifikation. Am 6. September spielt die DFB-Elf in San Marino. Weitere Gruppengegner sind die Slowakei, Zypern, Tschechien und Wales. Das erste Länderspiel nach der WM ist am 16. August in Gelsenkirchen gegen Schweden. Die Skandinavier hatte Deutschland im WM-Achtelfinale vor zwei Wochen 2:0 besiegt. Der Höhenflug endete im Halbfinale mit der Niederlage gegen Italien.

mt/sid/dpa



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