Streit beim FC St. Pauli Der Polizist, der nicht in die Fankurve darf

Es rumort in der Anhängerschaft des FC St. Pauli. Ein Polizist hielt sich unbemerkt im Umfeld der Fangruppierung "Ultrà Sankt Pauli" auf. Er wurde entdeckt und aus der Südkurve verbannt. Das sorgt für hitzige Diskussionen über Toleranz. Der Club hält sich vorerst raus.
Südtribüne am Millerntor: "Polizei und Kurve passt nicht zusammen"

Südtribüne am Millerntor: "Polizei und Kurve passt nicht zusammen"

Foto: imago

Hamburg - Die Südkurve des Millerntor-Stadions ist den Anhängern der St.-Pauli-Ultragruppierung "Ultrà Sankt Pauli" (USP) heilig. Hier stehen sie, hier feuern sie ihr Team 90 Minuten lang mit Choreografien und Gesängen an. Doch im Hintergrund ist die Stimmung derzeit angespannt.

Der Grund: Ein Polizist stand - wohl privat als Fan unterwegs - lange Zeit unbemerkt unter den USP-Mitgliedern. Ein Unding, wie sie finden. Das Verhältnis von Teilen der St-Pauli-Anhängerschaft zur Polizei ist nach einigen Vorfällen in der Vergangenheit, etwa einer Schlägerei beim Schweinske Cup 2012 oder dem Wasserwerferangriff auf die Fankneipe Jolly Roger, nachhaltig beschädigt. USP fühlt sich zudem seit Jahren von szenekundigen Beamten überwacht und gegängelt.

"Bullen aus der Kurve" heißt denn auch die Überschrift eines Blog-Eintrags auf der offiziellen Seite der Gruppe , der am 23. Juli online gestellt wurde. Darin erläutern die Ultras den Vorfall aus ihrer Sicht und erklären die Verbannung des Beamten und dessen Fanclub aus der Südkurve. Die Mitglieder sollen ebenfalls gehen, da sie, angesprochen auf den Beruf des Polizisten, gelogen hätten. "Es wurde unmissverständlich deutlich gemacht, dass sie sich von der Gruppe USP sowie der Südkurve fernhalten sollen und auch der gesamte Fanclub nicht mehr Teil selbiger ist."

"Millerntor Devils" wehren sich

Die "Millerntor Devils" haben mittlerweile ebenfalls eine Stellungnahme zu dem Vorfall  veröffentlicht. Viele Vorwürfe weist der Fanclub zurück. Die Verheimlichung des wahren Berufes des Polizisten sei aus "Selbstschutzgründen" erfolgt. Gerade diese Verheimlichung wird von USP scharf kritisiert.

Die Devils weisen in ihrer Stellungnahme zudem darauf hin, dass ihr Mitglied eben kein Angehöriger der "Schlägertrupps, wie der BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit - d.Red.)" sei, mit denen Fans immer wieder aneinandergeraten, sondern: "spezialisiert für Todes-, Brandermittlungen und Sexualdelikte". Auch USP selbst gibt in ihrem Schreiben zu: "Wir wissen nicht genau, was den Bullen dazu bewogen hat, sich in unsere Fanszene einzuschleichen."

Doch warum darf ein Polizist in seiner Freizeit nicht zu St.-Pauli-Spielen gehen und sich in die Südkurve stellen? "Für uns steht außer Frage, dass die Eigenschaft Bulle zu sein, und gleichzeitig Teil der Südkurve oder gar Ultrà Stankt Pauli, nicht zusammen passen können und einen nicht auslösbaren Widerspruch bedeuten", heißt es in dem Statement.

Diese Haltung passt aber nur schwer zu den 2009 von den Mitgliedern verabschiedeten Leitlinien des FC St. Pauli. Dort heißt es in Punkt fünf: "Toleranz und Respekt im gegenseitigen Miteinander sind wichtige Eckpfeiler im FC St. Pauli." Und unter Punkt neun: "Es gibt keine 'besseren' oder 'schlechteren' Fans." Interessant in diesem Zusammenhang ist zudem, dass es unter den Spielern der Hamburger ebenfalls einen Polizisten gibt: Der beliebte Kapitän Fabian Boll ist Kriminaloberkommissar der Hamburger Polizei.

"USP verfügt nicht über Hausrecht"

Die Leserkommentare unter der USP-Stellungnahme gehen weit auseinander: "Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?", fragt ein Nutzer, ein anderer schreibt: "Diejenigen, die am lautesten nach Toleranz schreien, zeigen meist selber am wenigsten davon." Doch es gibt auch Befürworter: "Wenn Bullen nun mal dafür ausgebildet werden, den staatlichen Repressionsapparat zu bedienen und unsere Freiheit einzuschränken, kann ich verstehen, wenn es Menschen gibt, die nicht neben Bullen stehen wollen."

Derzeit finden Gespräche der beiden Gruppen mit Vertretern des Fanladen St. Pauli statt, dem übergeordneten Fanprojekt des Clubs. Auch eine Gesprächsrunde wurde angeboten, doch es scheint wohl keinen Bedarf mehr zu geben. "Die Situation scheint geklärt zu sein", sagt Stefan Schatz vom Fanladen SPIEGEL ONLINE. Die Devils sind mittlerweile in einen anderen Teil des Stadions umgezogen.

Der Club selbst hält sich raus. "Wir warten die Gespräche des Fanladens ab. Erst dann wird sich der Verein in dieser Angelegenheit positionieren", sagt Pressesprecher Christoph Pieper SPIEGEL ONLINE, stellt aber auch klar: "USP verfügt nicht über Hausrecht. Das hat nur der Verein."

Der Club sollte alarmiert sein: Zwischen USP-Mitgliedern und anderen Fans war es schon einmal zu einem heftigen Streit gekommen. Beim Heimspiel gegen Hansa Rostock vor drei Jahren hatte eine Aktion auf der Südkurve zu einem tiefen Riss der Fanszene geführt. Mit leeren Rängen zum Anpfiff sollte gegen ein reduziertes Gästekartenkontingent protestiert werden.

Fans, die sich an der Aktion nicht beteiligen wollten, wurden jedoch dazu gedrängt, draußen zu bleiben. Die Folge: Nach dem Ende des Protests pöbelten andere St. Pauli-Fans: "Scheiß USP" und Schlimmeres. Der damalige Präsident Corny Littmann sagte: "Diese Nötigung wird nicht hingenommen." Und viele St. Pauli-Fans fragten sich damals: Wie weit dürfen Ultras gehen?

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