Zweite Karriere Scholl tanzt den Schweineball

Die Bundesliga startet in die Rückrunde - und einer der spannendsten Akteure steht nicht auf dem Platz, sondern hinterm Mikrofon. Der einstige Dribbelkönig Mehmet Scholl darf endlich bei einem wichtigen Spiel als ARD-Experte ran. Wurde auch Zeit. Denn einen besseren gibt es kaum.
Von Jörg Schallenberg

Es läuft gut für Mehmet Scholl. Sein neuer Verein hat, so wird berichtet, bereits bis 2010 mit ihm verlängert. Das bedeutet: Es läuft sogar verdammt gut. Denn Scholl kann im kommenden Jahr endlich das erreichen, was ihm als Spieler immer verwehrt blieb. Er darf an der Weltmeisterschaft teilnehmen.

So plant es zumindest die ARD. Sie hat Scholl, den bei Bayern-Hassern beliebtesten Bayern-Spieler der Geschichte, als Experten verpflichtet und ihn seit der Europameisterschaft 2008 langsam, ganz langsam als Experten aufgebaut.

Am diesem Freitagabend, wenn die Bundesliga-Rückrunde beginnt, hat der 38-Jährige wieder einen prominenten Einsatz auf der neuen Position. Er analysiert mit Reinhold Beckmann das Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem Hamburger SV und Bayern München (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Das ist bemerkenswert, weil Scholl zuletzt Uefa-Cup-Partien wie VfB Stuttgart gegen Partizan Belgrad und Hertha BSC gegen Galatasaray Istanbul bewerten durfte. Selbst bei der EM fiel sein Einsatz den meisten Zuschauern gar nicht auf, weil der einstige Edeltechniker nur am Nachmittag auf Sendung gehen durfte, und schon mal gar nicht, wenn Deutschland spielte.

So ganz scheinen die öffentlich-rechtlichen Programmplaner ihrem Einkauf nicht zu trauen. Vielleicht haben sie noch den Jungprofi Scholl im Ohr, der für Sprüche wie "Hängt die Grünen, solange es Bäume gibt", einiges einstecken musste. In erster Linie, weil niemand den Witz verstehen wollte.

Es gibt wenige Fußballer, die noch während ihrer Karriere solch einen Reifeprozess durchlaufen haben wie Scholl, der sich vom daherplappernden "Bravo"-Boy zum nachdenklichen Medienverweigerer wandelte. Bis heute ist der ball- und wortgewandte Münchner in seinen Formulierungen nicht so staatstragend, floskelschwingend und strikt dem Mainstream verpflichtet wie beinahe alle Fernseh-Fußballexperten auf allen Kanälen - von Jürgen Klopp mal abgesehen.

Zum Beispiel nach dem Pokalspiel zwischen dem FC Bayern und dem 1. FC Nürnberg (2:0). Da fragte Waldemar Hartmann ihn nach einer Aktion des seinerzeit umstrittenen Bayern-Keepers Michael Rensing, die durch einen Rückpass ausgelöste wurde. Scholl legte ohne Luft zu holen los: "Hätte der Demichelis so einen Ball zu Olli Kahn zurückgespielt, hättest du das bis in Reihe 74 gehört, dass das dem Olli nicht gepasst hätte. Das ist natürlich ein Schweineball. Was will der Torwart da machen?"

Reihe 74? Schweineball?

Nürnbergs Trainer Michael Oenning stimmte Scholl verblüfft zu, während Hartmann zu überlegen schien, was wohl Effenbergnetzerbodebeckenbauer gesagt hätten. Wahrscheinlich etwas wie: "Ja gut, das ist ein junger Torwart, der muss halt noch etwas Erfahrung sammeln, war auch schwer zu nehmen, der Ball."

Was alles nicht falsch ist. Nur langweilig.

Die meisten früheren Spieler versuchen plötzlich eine furchtbar neutrale Position einzunehmen, sobald sie auf die andere Seite des Mikrofons gestellt werden. Scholl dagegen ist selbstsicher genug, um auf das selbst gewählte Korsett zu verzichten.

Knapp anderthalb Jahre nach seinem Abschiedsspiel betrachtet er die Dinge noch sehr aus der Spielerperspektive - was viel mehr Vor- als Nachteil ist, zumal er nicht dazu neigt, die einstigen Kollegen übermäßig in Schutz zu nehmen. Als Hertha von Galatasaray 45 Minuten lang vorgeführt wurde, kommentierte der ARD-Experte mit dem lustigen Augenzwinkern so knapp wie vernichtend: "Zwei, drei Spieler können auf diesem internationalen Niveau einfach nicht mithalten." So viel Klartext hört man neben dem grünen Rasen selten oder nie.

Dass Scholl immer noch mit dem Ball am Fuß kommentiert, führt mitunter zu amüsanten Kontroversen. Als er mit Hertha-Coach Lucien Favre die Berliner Mängel auflistete, bestand der genervte Trainer darauf, dass die Ordnung gefehlt habe, während Scholl die geringe Aggressivität bemängelte. Am Ende meinten beide dasselbe, doch ihre Sichtweise war grundverschieden. Die Gefahr der Konsensfalle besteht bei solchen Konstellationen erfreulich selten.

Auf den ersten Blick wirkt es überraschend, dass ein Akteur, der jahrelang jedem Mikrofon konsequent aus dem Weg gegangen (und oft gerannt) ist, den Sprung auf die andere Seite so problemarm meistert. Doch gerade weil Scholl als erst zu hoch gelobter und dann hart gelandeter Jungstar am eigenen Leib erfahren hat, wie Medien mitunter funktionieren, kann er heute so locker und präzise formulieren. Schließlich wird er nicht mehr ständig aufgefordert, schnell mal etwas über sich selbst oder seine Mannschaft zu erzählen. "Die Wahrheit kann ich dir nicht sagen, und der Rest ist ein Scheiß", hat Scholl einmal zum Interviewer Hartmann gesagt, und damit war das Thema erledigt.

Mittendrin statt nur DSF

Über Fußball dagegen spricht der begnadete Fußballer mit der Leidenschaft eines Mannes, der dieses Spiel immer noch heiß und innig liebt. Wer sich einmal länger mit Scholl unterhalten hat, weiß, wie viel Distanz er zu vielen Facetten des Showgeschäfts Profifußball besitzt - und wie wenig zum Geschehen auf dem Rasen selbst. Da ist er bis heute mittendrin in einem Sinne, den das DSF so gar nicht meint.

Und den die ARD vielleicht noch nicht versteht. Denn sonst würde sie den Individualisten am Mikro nicht immer in der zweiten Reihe verstecken.

Das wird sich nun an diesem Freitagabend ändern. Gut möglich auch, dass Scholl, der parallel Trainerschein auf Trainerschein erwirbt und eine Jugendmannschaft des FC Bayern coacht, gar nicht öfter in Erscheinung treten will. Doch dazu sagt er den Journalisten wie immer - nichts.

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