Zweitliga-Team Fürth Aufstand der Unaufsteigbaren

Fürth in der Bundesliga? Geht nicht, belegt die Fußballgeschichte. Kein Verein ist häufiger so knapp am Sprung in die Eliteklasse gescheitert. Jetzt scheinen die "Unaufsteigbaren" ihren Traum endlich wahrzumachen. Ihr Erfolgsgarant: Trainer Mike Büskens.

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Es gibt derzeit sehr wenig, womit man Mike Büskens aus der Ruhe bringen kann. Der 43-Jährige trainiert in Fürth eine junge, erfolgreiche Mannschaft, die in der zweiten Bundesliga für Furore sorgt und im DFB-Pokal das Achtelfinale erreicht hat. Wer Büskens trotzdem ärgern will, fragt ihn am besten nach einem neuen Vertrag. Der Coach, dessen Kontrakt am Saisonende ausläuft, stellt erst eine Gegenfrage ("Haben wir nicht erst Oktober?"). Dann sagt er: "Wir haben hier alle einen Traum, für den arbeiten wir hart. Alles andere ist jetzt kein Thema."

Bloß keine Unruhe, nichts soll von der Arbeit an diesem Traum ablenken. Greuther Fürth, dieser kleine Verein aus Franken, bastelt am großen Coup: dem ersten Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte. Das haben sie bereits ein paar Mal versucht. Bisher vergeblich. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf, an dessen Ende endlich ein Trauma überwunden werden soll.

Im deutschen Profifußball scheint es zwei ungeschriebene Gesetze zu geben. Erstens: Der FC Bayern München wird Meister. Zweitens: Greuther Fürth bleibt, wo es ist, nämlich in der zweiten Liga. Kein Team war in den vergangenen Jahren häufiger so nah dran am Aufstieg, keines scheiterte so regelmäßig. Immer wieder fehlten am Saisonende einige wenige Punkte. 2001: Platz 5, 2002: Platz 5, 2003: Platz 5, 2005 bis 2007: Platz 5. 2009, Sie ahnen es, Platz 5. In Fürth, so wirkt es, spielen die "Unaufsteigbaren". Büskens sagt SPIEGEL ONLINE: "Wenn du in 15 Jahren siebenmal Fünfter geworden bist, es aber nie nach oben geschafft hast, bleibt für die breite Masse dieses Klischee natürlich haften."

Unter ihm wurde das Team 2011 zum ersten Mal Vierter, vier Punkte fehlten am Ende auf den Relegationsplatz drei. In dieser Spielzeit, danach sieht derzeit alles aus, könnte es erstmals klappen. Nach mehr als einem Drittel der Saison ist der Club fest in der Spitzengruppe etabliert. Am Montag im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kann die Tabellenführung von der Düsseldorfer Fortuna mit einem weiteren Sieg zurückerobert werden. Zuletzt blieb Fürth zwölf Pflichtspiele ohne Niederlage. Neun Siege und zwei Remis holte Büskens' Elf nach der Saisonauftaktpleite gegen Frankfurt (2:3).

"Die brauchen hier keinen Spinner"

Im Auswärtsspiel am Samstag vor einer Woche in Cottbus (2:0) gewann Fürth im Stile eines Spitzenteams. Der Gegner hatte fast keine Torchance, in der Offensive waren die Gäste gnadenlos effektiv. Büskens sprach anschließend von einem "Zeichen an die Konkurrenz". Das sind für den 2500-Mitglieder-Verein aus Bayern, der gerne auf das eigene schmale Budget hinweist, ungewöhnlich mutige Töne. "Wir haben vor der Saison ganz bewusst gesagt, dass wir in diesem Jahr den nächsten Schritt machen möchten. Das ging ja auch gar nicht anders nach dem vierten Platz im Sommer", sagt Büskens, der in dem Verein aus der 115.000-Einwohner-Stadt Selbstvertrauen ausstrahlt. "Wir wollen in jedem Spiel die Richtung vorgeben, egal ob zu Hause oder auswärts."

Büskens hat eine Mannschaft, die diese Haltung erlaubt. "Die Jungs sind älter und reifer geworden. Sie haben Momente erlebt, an denen sie gewachsen sind", sagt Büskens und meint damit auch das knappe Scheitern in der Vergangenheit. Derzeit deutet nichts auf eine Wiederholung der Geschichte hin. 29 Punkte hat der Verein nach zwölf Spieltagen, so viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Die Offensive trifft (bisher 25-mal), die Defensive steht sicher (erst sieben Gegentore). Doch trotz des Erfolges bleibt Büskens zurückhaltend. "Ich denke, dass ich hier erstmal meinen Job machen sollte."

Büskens wirkt wie jemand, der seine Karriere genau und vorsichtig plant. Nach Jahren in unterschiedlichen Funktionen beim FC Schalke kam im Jahr 2009 sein Aus beim Revierclub, Büskens wurde nachdenklich. "Ich habe mich gefragt: Ist es dieses Umfeld, in dem ich mich bewegen möchte? Ich musste herausfinden, ob ich da reinpasse." Der frühere Bundesliga-Profi entschied sich für Fürth, jetzt schwärmt der "Fußballromantiker" (Büskens über Büskens) von Kabinen und Büros, "in denen die Zeit stehen geblieben scheint".

Büskens, der sich nie so recht anfreunden konnte mit der "Schnelllebigkeit" und dem "Mangel an Konstanz" im modernen Fußballgeschäft, erzählt vom Zusammenhalt im Verein, von Leidenschaft und der Liebe zum Spiel. Aufgesetzt wirkt er dabei zu keiner Zeit. "Du musst in Fürth geerdet sein. Die brauchen hier keinen Spinner." Das Stadion der Spielvereinigung ist derzeit im Schnitt mit etwa 11.000 Zuschauern gefüllt. Vor dieser Saison gab der Verein für seine Verhältnisse ungewöhnlich viel Geld für einen Spieler aus. "Wir mussten uns nach der Decke strecken, um 200.000 Euro für Olivier Occean zahlen zu können", sagt Büskens.

Genau in diesem Umfeld, schon bei seiner ersten Station als Proficoach, könnte ihm gelingen, was Vorgängern wie Bruno Labbadia oder Benno Möhlmann nicht gelang. Büskens weiß schon, warum es diesmal mit dem Aufstieg klappt. "Wir haben Blut geleckt", sagt der Trainer, "und wollen uns endlich belohnen." Lange genug gewartet haben sie in Fürth.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Michael KaiRo 31.10.2011
1. Fürth steigt nur auf,
Zitat von sysopFürth in der Bundesliga? Geht nicht, belegt die Fußball-Geschichte. Kein Verein ist häufiger so knapp am Sprung in die Eliteklasse gescheitert. Jetzt scheinen die "Unaufsteigbaren" ihren Traum endlich wahrzumachen. Ihr Erfolgsgarant: Trainer Mike Büskens. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,794702,00.html
damit endlich wieder gegen den Erzrivalen FCN gekickt werden kann. Normalerweise steigt der FCN regelmäßig ab - da es damit ein wenig dauert, hat sich Fürth entschlossen aufzusteigen.
Domkirke 31.10.2011
2. Mal schauen
Ich bin gerade nach nach Fürth gezogen und werde heute Abend das erste Mal ein Spiel der Spielvereinigung angucken. Mal schauen was im Stadion so los ist. Braunschweig ist ja eigentlich ein recht gutet, atraktiver Gegner.
desktopper 31.10.2011
3. Nicht nötig
Um gegen den Club zu spielen ist gar kein Aufstieg nötig. Dies ist nämlich bereits in der nächsten Pokalrunde der Fall ;-)
Freemedia 31.10.2011
4. T.i.t.e.l.
Zitat von Michael KaiRodamit endlich wieder gegen den Erzrivalen FCN gekickt werden kann. Normalerweise steigt der FCN regelmäßig ab - da es damit ein wenig dauert, hat sich Fürth entschlossen aufzusteigen.
Naaa, das bekommen wir ja schon vorher: Das Pokal-Achtelfinale im Dezember bescherte Losglück für's Frankenderby ;) Allerdings wage ich nicht daran zu denken, was hier ( in Färdd & Nämberch) los wäre, sollte das Kleeblatt aufsteigen und der Club stiege ab. Oder die beiden bestritten die Relegation um Auf- bzw. Abstieg. Naja, am liebsten wären mir eine Saison lang zwei fränkische Vereine in der 1. BuLi, auch wenn ich recht überzeugt bin, dass das Gastpiel der SpVgg in der höchsten Spielklasse auch nur diese eine Saison andauern würde - für eine dauerhafte Ansiedelung in der 1. Liga müsste Fürth wohl tatsächlich teure Transfers in Angriff nehmen und so wie ich das grundsolide Haushaltsgebaren des Vereins kenne, kommt ein finanzielles Risiko nicht in Frage. Trozdem wär's schön, wenn der Verein (hoffentlich weiterhin mit Mike als Trainer) und seine Fans mal Spiele in jedem großen Erstliga-Stadion der Republik bestreiten dürften. Davon würde man am Ronhof noch in 50 Jahren zehren :)
_unwissender 31.10.2011
5. Geschichten von ...
Was ist denn von Hessen Kassel oder Bayern Hof zu berichten? Der 1.FC Saarbrücken oder Tennis Borussia? Die haben es auch schon oft probiert. Und dann: FC Bayern wird seit 30 Jahren zwar öfter Meister. Aber die haben zumindest 3 Jahre 2. Liga gespielt. Wenn von einem Unabsteigbaren zu reden wäre, dann würde ich den HSV wählen.
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