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MÄZENE Futter für Fahsl

aus DER SPIEGEL 17/1963

Ich kann nicht länger draufzahlen,

jetzt ist Schluß«, verkündete Englands Kugelstoß-Champion Arthur Rowe. Der Europameister und erste europäische l9-Meter-Stoßer kehrte dem Amateursport ohne Rücksicht auf die Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen 1964 den Rücken und unterschrieb einen Vertrag als Berufs -Rugbyspieler.

Englands Sportler-Elite wäre vor dieser empfindlichen Schwächung vermutlich bewahrt geblieben, hätten ihre Verbandsmanager beizeiten so vorgesorgt, wie es jetzt der »Deutsche Leichtathletik-Verband« (DLV) zu tun sucht: Zum erstenmal will ein deutscher Amateursportverband Hochleistungsathleten regelmäßig und ausreichend mit Eiweiß, Fett, Vitaminen und Kohlehydraten versorgen.

Die großangelegte Athletenspeisung hat der DLV einem eigens gegründeten »Verein der Freunde der Leichtathletik« anvertraut.

Ein ähnliches Hilfsprogramm, das berufliche Förderung, menschliche Betreuung und Versorgung bedürftiger Athleten mit Darlehen zu Ausbildungszwecken vorsah, war schon vor mehr als anderthalb Jahren von Bundes-Sportpräsident Willi Daume (SPIEGEL 53/ 1961) für alle Disziplinen entworfen worden. Die bundesdeutsche Wirtschaft (Daume: »Auch die Wirtschaft hat Nutzen, wenn der deutsche Sport den deutschen Namen im Ausland gut vertritt") sollte die dafür benötigten Mittel stiften. Das Daume-Programm blieb jedoch bisher unverwirklicht. Jammerte der Sekretär des »Deutschen Sportbundes«, Karlheinz Gieseler: »Wenn wir jetzt noch eine Million hätten, bekämen wir (in Tokio) bestimmt zwei Goldmedaillen mehr.«

Auch die für Leichtathleten gegründete Hilfsgemeinschaft soll laut DLV-Präses Dr. Max Danz »die ideelle und materielle Förderung« bewirken, die notwendig sei, »um die leistungshemmenden Sorgen beseitigen zu können«.

Leistungshemmende Sorgen waren es, die Englands Kugelstoßer Rowe von den olympischen Idealen abfallen ließen: Ihm knurrte der Magen. Rowe verlangte es nach einem weit umfanglicheren Kaloriennachschub - täglich mehrere Steaks, kiloweise Frischfrüchte und literweise Milch -, als der vierschrötige Kugelstoßer auf die Dauer finanzieren konnte. So stieß er zu den Rugby-Profis, bei denen er sich leisten kann, was er braucht.

Der gegenüber früheren Jahren enorm gestiegene Kalorienbedarf der Hochleistungsathleten erklärt sich aus den unvergleichlich höheren Trainingsanforderungen, die heute notwendig sind, will sich ein Leichtathlet in der Sportelite behaupten.

Amerikas Hammerwurf-Weltrekordler und Olympiasieger Harold Connolly stemmte beim abendlichen Krafttraining nach ausgeklügelten Methoden Gewichte von insgesamt zehn Tonnen, um Schnellkraft zu erwerben und Muskeln zu bilden. Sein sowjetischer Kollege Wassilij Rudenkow, gleichfalls Goldmedaillengewinner, wuchtete an 21 Trainingstagen innerhalb eines Monats planmäßig Eisenstücke von insgesamt 195 Tonnen - dem Gewicht zweier vierachsiger Lokomotiven - in die Höhe. Und wer als Langstreckenläufer zu den Besten der Welt aufsteigen möchte, muß pro Trainingswoche mit wechselnder Geschwindigkeit über 100 Kilometer laufen.

Jedem trainierenden Hochleistungssportler stehen zwar die Tabellen medizinischer Ernährungsexperten zur Verfügung, die ihm exakt darlegen, wieviel Milch, Fleisch, Fett, Eier, Obst und Gemüse in der rechtelf Zusammensetzung Kreislauf und Muskeln zu höchsten Leistungen anfeuern. Doch zeigte sich, daß die dafür notwendigen Betriebskosten höher sind, als sozial schwächere oder noch in der Ausbildung stehende Sportler erschwingen können.

Um zu verhindern, daß deutsche Olympia-Anwärter wegen unzulänglicher Verpflegung - wie Rowe - vorzeitig die Lust verlieren oder hungrig trainieren und daher zum Nachteil der Bundesrepublik nicht ihre volle Leistung entfalten können, hat der DLV das Kalorienkollegium gegründet. Wer offiziell »Freund der Leichtathletik« werden will, muß sich zu einem jährlichen Mindestbeitrag von 25 Mark verpflichten und überdies bereit sein, auch bei Berufs- und Wohnungsproblemen der Athleten einzugreifen. Manche Mitglieder zeichneten sich spontan mit einer Beitragsverpflichtung von 500 Mark ein.

Den Vorsitz der Hilfsgemeinschaft und die Verteilung der Gelder übernahm der Itzehoer Sportfreund Versicherungskaufmann und freidemokratische Bundestagsabgeordnete Otto Eisenmann. Noch bevor der Verein in ein amtliches Vereinsregister eingetragen war - der DLV rechnet mit der Eintragung in diesen Tagen -, suchte sich die Eisenmann-Schaft diskret über den zusätzlichen Kalorienbedarf finanzschwacher deutscher Läufer, Werfer, Springer und Stoßer zu orientieren: Die Futtermeister des DLV starteten eine Fragebogenaktion.

Und noch bevor die Fragebogenphase der Athletenhilfe beendet war, wurden die Helfer schon aktiv. Zwei führenden Sportlern, dem 21jährigen Hammerwerfer Hans Fahsl und dem 24jährigen Langstreckenläufer Peter Kubicki, wurde erste Ernährungshilfe zuteil.

Beide Athleten zählen zu den deutschen Hoffnungen für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, beide haben sich Disziplinen verschrieben, die schon im Training ein Übersoll an Energieeinsatz und daher eine über Gebühr kostspielige Ernährung erfordern. Hammerwerfer Fahsl etwa benötigt täglich bis zu 4500 Kalorien, die er sich aus seinem Einkommen als Angestellter einer Hamborner Hütte nicht zu verschaffen vermag. Er braucht täglich zwei dicke Steaks, kann sich aber nur eins leisten. Der in Berlin studierende Langstreckler Kubicki wiederum sieht sich außerstande, die für ihn notwendige tägliche Obstration (Gesamtkosten monatlich etwa 50 Mark) zu finanzieren.

Der neue Fördererklub des DLV verschaffte Fahsl das tägliche zweite Steak und stellte Kubickis Früchte-Versorgung sicher.

Hammerwerfer Fahsl

Der Verein der Freunde ...

Langstreckenläufer Kubicki

... bezahlt das zweite Steak

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