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SUMO-RINGEN Gefährliche Romanze

Ein Kanadier wirbelte die Szene der schwergewichtigen Sumo-Ringer in Japan durcheinander. Zehn japanische Profis gaben seinetwegen auf. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Entengang und Haartracht ließen für den kundigen Beobachter keinen Zweifel zu: Der Mann konnte nur ein Sumo-Ringer sein, wenn auch, genau betrachtet, Name und Hautfarbe den schweren (180 Kilo) und langen (198 Zentimeter) Jüngling voller Babyspeck im Gesicht aus der exklusiven Menge der japanischen Gilde ölgesalbter Sumo-Ringer heraushoben:

John Anthony Tenta, 23, ist gebürtiger Kanadier und reinrassiger Weißer. Japans Sumo-Experten prophezeiten ihm eine glänzende Karriere in der eigenartigen, 2000 Jahre alten Sportart, die etwa 700 Japaner regelmäßig ausüben, indem sie ihre angefutterten Fleischmassen gegeneinander wuchten.

Nur 59 Sumo-Ringer haben in den vergangenen drei Jahrhunderten die Techniken des Schiebens, Grapschens und Hebelns so perfekt beherrscht, daß sie es zum Yokozuna, zum Großmeister, brachten. Tenta, glaubt sein Trainer, der ehemalige Yokozuna Sadogatake, sei talentiert genug, diesen Titel als erster Weißer zu erkämpfen.

Als Sadogatake im vergangenen Jahr in Kanada eine Sumo-Tournee vorbereitete, war ihm der talentierte Ringer aufgefallen. Tenta, der 1983 im Superschwergewicht die Ringer-Weltmeisterschaft der Amateure errungen hatte, ließ sich von Sadogatake überreden, in dessen Sumo-Ringerstall als einer unter 40 Profis einzutreten.

Der japanische Exchampion war so überzeugt von der Begabung seiner Entdeckung, daß er dem Kanadier in seiner schwergewichtigen Truppe eine Sonderstellung einräumte, der hierarchischen Sumo-Tradition und der Kritik der Rivalen zuwider.

So wurden Tenta beispielsweise die Lehrjahre eines Sumo-Ringers erlassen. Der Chef teilte ihn keinem älteren und erfahrenen Ringer als »Tsukebito« (Begleiter und Diener) zu, dem er etwa den Trainingsschweiß von den Schultern oder gar - bedingt durch den Unterleibsumfang der Ringer - den Kot vom Hintern hätte wischen müssen. Auch vom

Küchendienst, den die Tsukebitos ihren Herren leisten müssen, war Tenta befreit. Er kochte nicht, wie sonst üblich, für die Konkurrenz, verweigerte sich allerdings auch dem Wunsch seines Trainers, sich mit Hilfe des Sumo-Eintopfs aus Hühner- und Schweinefleisch, Fisch, Reis, Gemüse, Zucker und Sojasoße von 360 Pfund auf 500 hochzumästen.

»Ich verhielt mich anders als normale Sumo-Ringer«, räumt Tenta selbstkritisch ein. Er spürte bald, daß die Kollegen »neidisch wurden« und der Trainer Gefahr lief, »sein Gesicht zu verlieren. Und das ist nicht gut in Japan«. Die Tenta zugestandenen Privilegien veranlaßten zehn Sumotori, die Sadogatake-Schule zu verlassen.

Es war ein Verlust, den der Meister verschmerzen zu können glaubte. Denn auf der Sumo-Kampfplattform aus festem Lehm, einem durch eine Kordel begrenzten Ring mit einem Durchmesser von 4,60 Meter, machte der weiße Ringer mit dem seidenen Sumo-Lendenschurz zügige Fortschritte.

Tenta lernte das jedem Kampf vorhergehende vierminütige Ritual aus Händeklatschen und Beinestampfen, das die Götter beschwören und das Böse in den Boden treten soll. Er reinigte artig seinen Körper von innen (mittels Mundspülung) und von außen, indem er sich den Schweiß aus den Achselhöhlen wischte. Tenta vergaß vor dem Kampf auch nie, den Ring mit Händen voller Salz zu weihen, das vor dem Kampf rechtzeitig wieder weggefegt wird.

Der Sumo-Ringer aus Kanada bestritt 24 Kämpfe, 24mal drängte er seine Gegner aus dem Ring oder zu Boden und siegte. Doch Anfang letzten Monats, als die Sadogatake-Truppe auf Tournee zog, blieb der »kanadische Komet« Tenta zurück. Er kämmte seinen Haarknoten und wusch sich das Kamelien-Öl aus, packte seine Sachen und verließ den Sumo-Zirkus, dem er neun Monate angehört hatte.

Während Tentas Trainer seinen Schützling zum Bleiben zu überreden suchte, sparten die einheimischen Kritiker nicht mit Spott und Zynismus. Tenta habe vor stärkeren Gegnern gekniffen, meinten die einen, andere sahen sich darin bestätigt, daß es ausländischen Sumo-Ringern am notwendigen Durchhaltevermögen für die japanische Sportart mangele.

Tenta verkündete hingegen, trotz »ehrlichen Bemühens« habe er sich »nicht mit dem Lebensstil eines Sumo-Ringers abfinden« können. Seine einzige Niederlage hatte ihm offenbar seine Sprachlehrerin zugefügt. Sie war so nachhaltig, daß ihm Sadogatake die Romanze verbot.

Als bleibenden Lernerfolg kann Tenta immerhin die Fähigkeit vorweisen, seinen Kampfnamen »Kototenzan« in japanischen Schriftzeichen zu malen.

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