Zur Ausgabe
Artikel 69 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

OLYMPISCHE SPIELE Geheimnisse im Suppentopf

Etwa 60 ausländische Spitzentrainer sollen den Chinesen zu möglichst viel Gold verhelfen - darunter der deutsche Kanutrainer Josef Capousek. Die Frage ist, ob sie sich helfen lassen wollen.
Von Jörg Kramer und Andreas Lorenz
aus DER SPIEGEL 22/2008

Die Frauen im Vierer-Kajak haben keinen Rhythmus, die einen paddeln zu schnell, die anderen zu langsam. Dann bricht im Zweier-Kajak der Männer der Sitz. Und als auch noch das Motorboot beinahe absäuft, von dem er die Kanuten beim Training filmen wollte, hat Josef Capousek endgültig keine Lust mehr. »Keine Socke weiß hier, wer verantwortlich ist«, sagt er.

Das Wassersportzentrum auf dem Xuanwu-See im Zentrum von Nanjing im Osten Chinas ist brandneu, die Regierung gibt viel Geld aus für ihre Kajak- und Canadierteams. 2004 gewann der Zweier-Canadier über 500 Meter in Athen überraschend die Goldmedaille, das hat große Hoffnungen geweckt für Peking, China will Siege feiern. Und derjenige, der dabei helfen soll, ist Josef Capousek, eine Trainerlegende bei den Flachwasser-Kanuten. Der frühere deutsche Nationalcoach, 62 Jahre alt, in der Tschechoslowakei geboren, ist ein Könner, dessen Karriere vor mehr als 30 Jahren begann. Sein Lieblingsspruch: »Heute volle Kanne. La Paloma kommt später.«

17 Goldmedaillen haben seine deutschen Kanuten bei den letzten vier Olympischen Spielen geholt. Vor drei Jahren wurde er Nationaltrainer des chinesischen Kanuverbands. Damals war gerade seine Beziehung zur Star-Kanutin Birgit Fischer zerbrochen, er suchte Abstand und eine neue Herausforderung. Er hat sie gefunden.

Er steht mit nassen Schuhen am Ufer, er trägt seine »China«-Windjacke und ist immer noch sauer. »Das ist alles so kompliziert mit euch Chinesen«, sagt er.

Etwa 60 ausländische Trainer sind derzeit in China tätig. Die Basketballer werden von dem Litauer Jonas Kazlaukas trainiert, die Säbelfechter von dem Elsässer Christian Bauer, die Fußballer von einem Serben, das Baseballteam von einem Amerikaner, die Bahnradfahrer von einem Franzosen. Sie sollen Medaillen holen für das Nationalgefühl, für die Partei. 1984 in Los Angeles gewann China zum ersten Mal eine Goldmedaille, in Athen vor vier Jahren waren es 32, nur vier weniger als die USA. Sie zahlen Spitzenhonorare für Weltklassetrainer. Die Frage ist nur, ob sie sich wirklich helfen lassen wollen.

Die Welt, die Capousek betreten hat, ist eine Welt, die geprägt ist von Disziplin, Misstrauen und eingeschliffenen Trainingsmethoden. Bald nach seiner Ankunft merkt er: »Die Sache mit dem Gesichtsverlust ist ein Problem.« Er arbeitet mit Co-Trainern, die nicht zugeben, wenn sie etwas nicht verstehen. Er trainiert Kanuten in einem Land, dem der Kanusport so fremd ist wie Capousek das Brettspiel Go.

Seine Sportler sind in Grundschulen gesichtet und dann in die Sportschulen kommandiert worden, ein paar Schwimmer sind darunter, die es nicht an die Spitze schafften. »Viele haben kein Gefühl für Wind und Wellen«, sagt Capousek.

Die Sportler sind kaserniert, nur zum Frühlingsfest dürfen sie zur Familie. »Fleiß ist das Lieblingswort in China«, sagt Capousek. »Für die chinesischen Funktionäre ist ein Training erst gut, wenn die Sportler abends auf allen vieren ins Bett kriechen. Lob gibt es keins.«

Die Lebensumstände seiner Sportler sind hart. Als Capousek wegen einer Lungenentzündung in ein Krankenhaus kommt, liegen die Patienten zu Dutzenden in einem Raum, und die Verwandten bringen ihnen das Essen mit. Für den Deutschen räumen sie eine Kammer frei. Er bekommt mit, wie Krankenschwestern einen alten Mann hinauswerfen, weil er seine Behandlung nicht mehr bezahlen kann.

Er hat die Familien seiner Sportler besucht, viele von ihnen leben in bitterarmen Dörfern, die Älteren können oft weder lesen noch schreiben. Ein Olympia-Sportler ist für eine Familie auf dem Land eine Art Lebensversicherung. Capouseks Athleten verdienen 3000 Yuan im Monat plus 1500 Yuan Trennungsgeld, das sind etwas mehr als 400 Euro, dreimal so viel wie ein Wanderarbeiter. Und als Olympia-Sieger wird man reich.

Fast so reich wie ein Trainer aus dem Westen. Der Job in China ist beliebt, das Abenteuer lockt. Ein europäischer Rudertrainer kann dort 4000 Euro netto verdienen. Der Niederländer Diederik de Boorder ließ sich locken, nachdem sein Frauen-Achter bei den Spielen in Athen Bronze gewonnen hatte. Noch an der Regattastrecke sprach ihn ein chinesischer Funktionär an, er schien ihn als Coach des Nationalteams werben zu wollen. Ein Jahr lang hat de Boorder schließlich in China gearbeitet, allerdings als Rudertrainer der Provinz Henan. De Boorder sitzt in einem Restaurant des Ruderzentrums Bosbaan in Amstelveen, nicht weit weg vom Amsterdamer Flughafen Schiphol, und spricht über diese Zeit, anders als Capousek, wie über einen Horrortrip.

Das Ruderzentrum in der Provinz Henan war abgesperrt, vor den Toren standen Wächter. Die Atmosphäre sei kühl gewesen, sagt de Boorder, jeden Morgen habe es ein 90-minütiges Trainer-Meeting gegeben, dabei stellte sich heraus, dass er offensichtlich nicht der Headcoach war.

De Boorder sollte einen Trainingsplan für das ganze Jahr erstellen, aber die Chinesen hatten ihre eigenen Vorstellungen: Die Betonung habe komplett auf der Physis gelegen, sagt de Boorder. Niemand habe Englisch gesprochen, sein Dolmetscher habe keine Ahnung vom Rudern gehabt. Jeden Morgen um kurz vor vier klingelten die Wecker, die Athleten mussten erst mal 16 Kilometer laufen. Es folgte ein zweistündiges Gewichtstraining, alles noch vor dem Frühstück. Danach zwei Einheiten Rudertraining, während die Trainer am Ufer saßen, in der einen Hand die Stoppuhr, in der anderen die Zigarette.

Zehn Tage nach seiner Ankunft hieß es, dass man das Trainingszentrum verlassen müsse, andere Provinzen würden spionieren. »Die dachten das wirklich«, sagt de Boorder, »angeblich wurde vor ein paar Jahren mal Gift im Trinkwasser gefunden.«

Nachts um halb zwei fuhren 80 Athleten, Trainer, Köche, Mediziner mit Bussen in die Provinz Sichuan, an die Grenze zu Tibet. Die Reise dauerte zwei Tage.

De Boorder erinnert sich mit Grausen an Sichuan: Es war neblig, die Ruderstrecke war von einer zweieinhalb Meter hohen Mauer gesäumt. Am Eingang musste er Laptop und Telefon abgeben, Wachmänner tasteten ihn ab. Er brauchte eine Erlaubnis, wenn er zum Laufen das Camp verlassen wollte, ein Mann auf einem Fahrrad begleitete ihn. Die Fensterscheiben waren kaputt, es gab keine Heizung, kein warmes Wasser, anfangs nicht mal Strom. In den Schlafräumen standen bis zu sechs Betten, kein Bad, eine kleine Toilette. Die Duschen waren draußen, zwei für Männer, zwei für Frauen, unüberdacht. Drinnen trugen sie Winterkleidung, wenn sie redeten, dampfte ihr Atem. »Chinesen sind das gewohnt«, sagten die Funktionäre.

Nach vier Monaten ging es zurück nach Henan. Aber auch dort sei nichts so gewesen, wie er es kannte, sagt de Boorder. Jeden Abend behandelten Ärzte die Sportler mit traditionellen chinesischen Methoden, sie waren auch für die Ernährung zuständig. De Boorder sagte ihnen, dass er kein illegales Zeug dulde. »Ihr Europäer wisst nichts über Ernährung«, lautete die Antwort. »Es gibt so viele legale Möglichkeiten, um Sportler fit zu bekommen.«

Dazu gehörten auch Suppen, in die Ärzte Kräuter mischten, um die Produktion von roten Blutkörperchen anzuregen und damit den Sauerstofftransport zu beschleunigen. »Fast jeden Tag gab es Bluttests«, sagt er, »auf meinem Schreibtisch lagen die Resultate, sie kontrollieren alles.«

Wurden die Sportler auch schneller?

»Ehrlich gesagt, ich habe nur meiner Stoppuhr geglaubt. Und da sah ich nichts.«

Teil der speziellen Kost seien auch Geweihsprossen von Hirschen gewesen, die ein Trainer irgendwo im Norden an der russischen Grenze besorgt hatte. Ein Kilo davon kostete umgerechnet 1000 Euro. Zwölf Kilogramm brachte er mit. Die Ärzte hätten sie in kleine Scheiben geschnitten, die nur die Männer bekamen, sagt de Boorder. In deren Suppen hätten auch Bullenpenisse geschwommen. Dazu aßen sie Magen, Leber, Herz - Gewebe, das lebt und arbeitet, so erklärten es die Ärzte.

De Boorders Pläne, das Pensum zu reduzieren, nahmen die Chinesen nicht ernst. Über die Trainingspläne des niederländischen Teams für die Spiele 2004 konnten sie nur lachen. »'Times two', sagten sie, unser Pensum ist doppelt so hoch.«

Immerhin schaffte er es, einen trainingsfreien Tag einzuführen, an dem die Athleten allerdings politische Besinnungsaufsätze schreiben mussten. Ein Delegierter der Partei saß bei jedem Training, jedem Meeting dabei und machte sich Notizen. Mehr als die Hälfte der Ruderer waren in der Partei, erfolgreiche KP-Mitglieder bekommen einen Bonus. Das Team, das am Tag zuvor am besten gearbeitet hatte, durfte morgens die Landesfahne hissen.

Bei den chinesischen Nationalspielen 2005 in Nanjing holten de Boorders Athleten zweimal Silber und dreimal Bronze, aber kein Gold, die Ruderer der Provinz verbesserten sich vom 19. auf den 2. Platz. Am nächsten Tag wurde der Trainerstab entlassen.

De Boorder hat schon Ruderer in Indonesien und Guatemala trainiert, inzwischen ist er Coach der niederländischen Junioren, er kennt sich aus in der Welt des Ruderns. Es wundert ihn immer noch, dass sich nie jemand für die technischen Feinheiten des Sports interessierte. »Den Chinesen fehlt das Fingerspitzengefühl«, sagt er. »Sie kennen nur Power, Power, Power.«

Es gibt Trainer wie den Deutschen André Ehrenberg, der ein Jahr lang chinesische Slalom-Kanuten schneller machen sollte und sich ebenfalls wundert: »Warum heuern sie westliche Trainer an, wenn sie es sowieso besser wissen?« Der Bronzemedaillen-Gewinner von 1996 hat erlebt, wie Funktionäre die Sportler vor Wettkämpfen in abgeschlossenen Räumen unter Druck setzten, gegen alle ihm bekannten Regeln der Sportpsychologie. »Sie werden wie Maschinen behandelt - wenn einer kaputtgeht, kommt der Nächste.« Vergangenen Oktober kündigte Ehrenberg, er ist jetzt Nationaltrainer in Polen.

Sein deutscher Kollege Capousek erlebt die Welt der Kanuten anders, die Nationalmannschaft ist den modernen Trainingsmethoden des ehemaligen Biomechanikers gegenüber aufgeschlossen. Er hält es in China aus. Das liegt daran, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen den Nationalteams und den Teams der Provinzen, die untereinander konkurrieren. Vielleicht ist Capousek auch geschickter als Ehrenberg und de Boorder. Er hat versucht, sich mit der neuen Welt vertraut zu machen, sein Anspruch war es, wie er sagt, »sich in die Mentalität reinzuarbeiten, die Hintergründe kennenzulernen«. Capousek merkte bald, dass Diplomatie oft mehr hilft als Konfrontation.

Seine Sportler schlafen jetzt jeden Morgen eine halbe Stunde länger, am Mittwochnachmittag und am Sonntag haben sie frei. Wer in der Nähe des Trainingslagers lebt, darf dann nach Hause. Capousek hat den Polit-Unterricht für seine Athleten abgeschafft, es ist auch keine Pflicht mehr, die 19-Uhr-Nachrichten anzusehen. »Wir müssen nicht mehr so viel Gewichte heben wie früher«, sagt Yang Wenjun, GoldmedaillenGewinner von Athen. »Die Atmosphäre ist entspannter - jetzt trainieren wir freiwillig.«

Die Kanuten sind schneller geworden, der Abstand zu Europas Spitze schrumpft. Doch eines Tages steht plötzlich sein Vorgänger Marek Ploch im Wassersportzentrum, ein nach Kanada ausgewanderter Pole. Er sagt, er habe den Auftrag, die Canadier zu übernehmen, Capousek solle nur noch die Kanuten trainieren. Einen Moment lang verschlägt es dem Deutschen die Sprache. Niemand hat ihm die Entscheidung mitgeteilt. War seine Kritik zu deutlich? Ist er einem Funktionär zu nahe getreten? Waren die vier Wochen Pause im Oktober zu lang, als er sich in Deutschland operieren ließ? Capousek hat danach aus Zorn alle Einladungen zu offiziellen Feiern ausgeschlagen. Ans Aufgeben denkt er trotzdem nicht. Im Mai qualifizieren sich in Japan fast alle seiner Boote für Peking.

Am Gebäude des Trainingszentrums von Guangzhou, wo er das Frühjahr mit seiner Truppe verbracht hat, hängt ein rotes Transparent mit gelber Schrift: »Errichtet eine mächtige und zivilisierte Kraft auf dem Wasser, die schwere und große Schlachten gewinnen kann.«

Volle Kanne, ruft Capousek. La Paloma kommt später. JÖRG KRAMER,

ANDREAS LORENZ

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 69 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.