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Geister am Ball

Mit heimlichen Korrekturen am Statut will der Fußballbund Fehlkonstruktionen in der Bundesliga beseitigen. Aber schon arbeiten ordentliche Gerichte den Skandal auf.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Ich bin nur noch ein Nervenbündel«, stöhnte Helmut ("Fiffi") Kronsbein. Sein Ächzen und heftige Selbstgespräche schreckten sogar Frau Kronsbein aus dem Schlaf. Sie verließ die Ehekammer.

Auch Kronsbein, der Fußballtrainer des Berliner Bundesliga-Klubs Hertha BSC, war verdächtigt worden, Schmiergeld für ein verkauftes Spiel kassiert zu haben. Anders als ihr Trainer vermochten sich zehn Hertha-Spieler bislang nicht vom dringenden Verdacht reinzuwaschen. Berliner Rückwärts-Kicker schieden schon zwangsweise aus.

Wie Berlins Hertha strudeln die meisten Bundesliga-Klubs in einem Niagara aus Schiebung und Manipulation, aus Verdacht und Anschuldigung. Im Tagesabstand öffnet »Bild« die Schleusen. Was die Optimisten-Fraktion des Deutschen Fußballbundes (DFB) vor Wochen noch als Gerücht abtat, erweist sich Stück für Stück als wahr. Eidesstattliche Erklärungen, in denen etwa Hertha-Spieler versichert hatten, an keiner Manipulation beteiligt gewesen zu sein, stellten sich als simpler Trick heraus. Nun nötigte sie der Klub zur Klage gegen Bielefelds Geldbriefträger Jürgen Neumann.

Bisher gerieten 18 Trainer und Klubfunktionäre sowie 59 Spieler, mithin etwa jeder sechste Bundesliga-Kicker, namentlich auf die schwarze Liste der Fußball-Feme. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Das unbefangene Fußvolk hat längst die Übersicht verloren. Der DFB verfolgt offensichtlich die Taktik, wenigstens bis gegen Ende der Saison keinen Klub aus der höchsten Spielklasse auszuschließen. Würde der DFB-Kadi beispielsweise Bielefeld verstoßen, müßte die Mannschaft dennoch alle 34 Punktspiele austragen. Die Ergebnisse erschienen nur nicht in der Bundesliga-Tabelle. Der Schaden träfe alle Vereine mit Heimspielen gegen Arminia Bielefeld: Geisterspiele sind ihr Geld nicht wert.

Neue Anklagen liefern den Vorwand. urteilsreife Verfahren wie gegen Rotweiß Oberhausen, aufzuschieben und statt dessen künftige aufzubereiten. Der DFB deckte zwar keine Manipulationen durch eigene Findigkeit auf. Aber der verurteilte Präsident der Kickers Offenbach, Horst Gregorio Canellas, liefert fortwährend frische Unterlagen zu den bekannten Fällen; fünf Teilnehmer der Schmiergeld-Rallye 1971 haben schon gestanden.

Bielefelds Manipulanten betrieben den Punkte-Handel en gros. Nach beeidigten Aussagen erhandelte Chefeinkäufer Neumann Siege vom VfB Stuttgart, von Schalke 04 und Hertha BSC. Rotweiß Oberhausen hat nach Zeugenaussagen sein Spiel in Köln manipuliert, Braunschweiger Kicker steckten Sonderprämien aus Bielefeld und Offenbach ein.

Vor der letzten Bundesliga-Runde im Juni bangten Offenbachs Geldboten im Berliner Bierlokal »Bei Heinz Holl«. Sie wollten einen Hertha-Sieg gegen Bielefeld kaufen. In der Bar »Le Fiacre« steigerte Bielefelds Neumann mit. Er feilschte um eine Hertha-Niederlage. Herthas Prämienjäger pendelten zwischen beiden und trieben den Preis auf 250 000 Mark. Neumann zahlte, Hertha verlor, Bielefeld »behielt sein Bundesliga-Privileg, Offenbach stieg ab.

Den wirklichen Stand der neuen Meisterschaft erhellt erst eine zweite Bundesliga-Tabelle, der die Fans entnehmen können, welche Klubs trotz sportlicher Erfolge vom Zwangsabstieg bedroht, und welche ungeachtet sämtlicher Mißerfolge außer Verdacht und Gefahr sind (siehe Graphik): nur vier. In die breite Grauzone des weder entkräfteten noch bestätigten Verdachts gerieten einige Klubs allerdings nur, weil sie unwissentlich Spieler verpflichtet haben, die manipuliert hatten.

Fünf Vereine besetzen Stammplätze auf dem Korruptions-Karussell. Die Vorstände von Hertha BSC, Schalke und Braunschweig gaben -- vielleicht zu Recht -- vor, vom Prämien-Import ihrer Kicker nichts geahnt zu haben. Aber ebenso wie der Chef einer Bankfinale verantwortlich gemacht wird, falls mehrere Kassierer betrogen haben, vernachlässigten auch die Kluboberen ihre Fürsorge- und Aufsichtspflicht.

»Bestecherklub trotzt Schalke«, überschrieb der Kölner »Express« seinen Bericht über das »Geisterspiel auf der Bielefelder Alm« gegen Schalke 04. Die Hinhalte-Manöver des DFB muten den verwirrten Fußball-Anhängern ein Programm mit Manipulations-Klubs und -Kickern zu. deren Ergebnisse in der Abschluß-Tabelle nach dem Statut nicht zahlen. Der Toto streicht deshalb Arminia Bielefelds Spiele.

Inzwischen verbreiten schon vergessene und versteckte Leichen im Keller penetranten Geruch: Aus Notwehr drohen gefährdete Funktionäre allzu aussagewilligen Sündern, Affären aus der vorletzten Saison und noch weiter zurückliegenden Spielzeiten aufzudecken.

Schon schwappen die Wellen des Skandals in die ordentlichen Gerichte. Am harmlosesten scheint noch die Klage des verprellten Bielefeld-Fans Heinz Beyer, der 440 Mark für zwei Dauerkarten zurückforderte. Aber in Köln und Offenbach, in Stuttgart und recht spät -- in Bielefeld, ermitteln Staatsanwälte wegen Betrugs und Erpressung, Nötigung und Untreue.

Auch die beklagten Spieler und Funktionäre -- Klubs können nicht vor ordentlichen Strafgerichten verklagt werden -- klopfen das Zivil- und Strafrecht nach einschlägigen Tatbeständen ab. Falls Spieler von Hertha BSC (Marktwert: etwa 2.5 Millionen Mark) gesperrt werden sollten, will Hertha-Präsident Gerhard Bautz von den Schmiergeldboten aus Bielefeld und Offenbach gerichtlich Schadenersatz eintreiben. Außerdem sollen seine Stars blechen. soweit sie überführt sind oder werden. »Die habers doch alle Häuser«, fiel Trainer Kronsbein ein.

Wird Arminia Bielefeld vom DFB aus der Bundesliga ausgeschlossen, werden die Lizenz-Kicker abf Vertragserfüllung ires Klubs klagen. Disqualifizierte Stars wie Manfred Manglitz wollen mit Hilfe der DAG das über sie verhängte Berufsverbot anfechten, notfalls vor dem Bundes-Verfassungsgericht.

Vereine, die geschmierte Spieler gekauft haben, fordern das Ablösegeld zurück: Die Stuttgarter Kickers verlangen für den inzwischen gesperrten Hartmut Weiß 40 000 Mark vom VfB Stuttgart retour. Er hatte als VfB-Spieler 15000 Bielefelder Mark eingesackt.

Wie und wann der Skandal enden wird, übersieht nicht einmal DFB-Ankläger Hans Kindermann. Rückwirkungen der Affäre beeinflussen bereits die Sonnabend-Vorstellungen der Bundesliga und alarmieren zumindest die einsichtigen DFB-Chargen.

Hertha BSC zählte zu Anfang der Saison noch zu den Favoriten, rutschte ins Mittelfeld ab und spielte zuletzt so blaß, daß Trainer Kronsbein annahm, »die halbe Mannschaft war mit ihren Gedanken woanders«. In den ersten sieben Heimspielen büßte Berlins Bundesliga-Repräsentant gegenüber 1970 schon 135 000 Zuschauer und mehr als 400 000 Mark ein. Der Vorstand arbeitete einen Not-Etat aus.

So werkeln einige DFB-Experten heimlich an einem neuen Statut -- die Amateur-Mehrheit im DFB-Bundestag scheuend. Sie wollen endlich die überfälligen Zahlungsgrenzen für Gehälter. Prämien und Ablösesummen beseitigen. den Hauptquell der Unredlichkeit im bundesdeutschen Profifußball. Auch der pauschale Begriff Unsportlichkeit, der allen DFB-Urteilen die Rechtsgrundlage liefert, soll abgelöst werden durch präzise Beschreibung der im Fußballalltag strafbaren Handlungen und abgestufte Strafen.

Indessen schult der »Club 96« für Anhänger der Bundesliga-Equipe Hannover 96 künftige Fußball-Beobachter. Sie sollen in Kursen die Angst des Torhüters beim Elfmeter und den Streß des Stürmers beim Steilpaß aus eigener Erfahrung kennenlernen.

Als Abschluß erhalten sie ein Diplom: »Geprüfter Bundesliga-Zuschauer. Die Vereine sind geprüft genug.

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