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Genosse Profi

»Glasnost«, die von Parteichef Michail Gorbatschow propagierte neue Offenheit, hat auch den Sport in der UdSSR erreicht. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Korruptionsaffären, Schwarzmarktgeschäfte, Suff- daß ihre Sportstars bisweilen den Versuchungen des sozialistischen Alltags erlagen, war Sowjetbürgern durchaus bekannt. Nicht immer verschwieg die zensierte Presse, wenn mal wieder ein Athlet im Wodkarausch durchgedreht war.

Zu lesen war zuletzt auch des öfteren von Rowdytum in den Stadien des Vielvölkerstaates. Da flogen, ganz wie beim Klassenfeind, Wurfgeschosse und Fäuste, prügelten Ordnungshüter und Randalierer aufeinander ein.

Die »Habgier der Spieler« prangerte die Gewerkschaftszeitung »Trud« an und fragte: »Wie lange noch, Genossen Fußballer?«

Doch alle Kritik an den real existierenden Verhältnissen war harmlos im Vergleich zu dem, was der Journalist Wladimir Dwortsow unlängst in der Wochenzeitung »Moskowskije nowosti« enthüllte.

Es sei gewiß bitter, so Dwortsow »aber wir müssen zur Kenntnis nehmen daß nicht ehrlich um Punkte gekämpft wird«. Die Mannschaften verabredeten vorher, »wie die Spiele ausgehen, ja sogar, wer die Tore schießt«.

Torwart-Idol Lew Jaschin, 57, bestätigte Dwortsows Recherchen über Zustände im sowjetischen Fußball, die Parallelen zum Bundesliga-Skandal aus dem Jahre 1971 aufweisen. Ebenfalls in »Moskowskije nowosti« sprach Jaschin von »den verabredeten Spielen«.

»Glasnost«, die vom KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow propagierte Offenheit, hat jetzt auch den Sport erreicht. Sportjournalisten nutzen die Gelegenheit, sich nicht mehr mit Kritik am Verhalten einiger begnügen zu müssen, sondern Gesamtabrechnungen präsentieren zu können.

Dabei können sie selbst wohl noch nicht exakt einschätzen, wieviel Offenheit erwünscht ist. So beschäftigt sich Dwortsow in seinem Blatt, das in Millionenauflage verbreitet wird und als »Moscow News« auch in englischer Sprache erscheint, mit eventuellen persönlichen Konsequenzen.

Er schreibt: »Ich habe keine Angst vor Strafe.« Er sei sicher, daß jeder Richter der etwas vom Fußball verstehe, »mich nicht hinter Gitter bringt«.

Daß die pointierte und scharfe Kritik zuerst dem Fußball gilt, ist kaum verwunderlich. Am offensivsten werden gegenwärtig in der Sowjet-Union Tabus dort ins Visier genommen, wo Masseninteressen und Medieneinsatz, Breitensport und Eliteförderung am deutlichsten involviert sind.

Gerüchte über abgesprochene Partien kursierten schon länger in der UdSSR. Vom »Übel Nummer eins unseres Fußballs«, den Absprachen, die »tiefe Wurzeln geschlagen haben«, sprach der Rekord-Internationale Albert Schesternjew (89 Länderspiele). Diese Krankheit, sagte er, sei viel zu gefährlich, um nur »im Flüsterton darüber zu reden« .

Schesternjews Wunsch, den Fußball von denjenigen zu säubern, die bei den Meisterschaftsspielen »die Karten falsch mischen« und das »Fußballspielen nur simulieren«, könnte sich nun in der Reform-Ära Gorbatschow erfüllen.

Auch die Diskussion über eine Professionalisierung des sowjetischen Fußballs läuft auf Hochtouren, Reformer, wie der ehemalige Nationaltrainer Konstantin Beskow, fühlen sich bestärkt. Beskow hatte schon 1977 revolutionäre Gedanken geäußert. Er wolle, so der Trainer, den professionellen Fußball als eine Schau, »die Millionen Zuschauer fesselt, vom Massenfußball trennen«.

Damit verbinde er, daß Fußballer nach Beendigung ihrer Laufbahn ein Recht auf Rente - »wie zum Beispiel Ballettänzer« - haben müßten. Leistungsgerechte Bezahlung würde die Spieler »am ehesten zu profihafter Haltung zwingen«.

Beskow nahm damit vorweg, was nun ins Rollen kommt. Gewissermaßen in Ableitung von den zentralen ökonomischen Forderungen Gorbatschows soll der Sport überall durch Selbstfinanzierung, höhere Eigenverantwortlichkeit und reale Preise zu größerer Effektivität gelangen.

Fußball-Klubs wie im kapitalistischen Westen, die mit ihren Mitteln selbständig _(Am 6. Januar beim Münchner ) _(Hallenturnier mit Hostessen und ) _(Bayern-Präsident Scherer (l.). )

wirtschaften, sollen den sowjetischen Kickern eine goldene Zukunft und dem Publikum künftig mehr Highlights bescheren.

Mit aus Mitgliedsbeiträgen und Kartenverkauf erzieltem Geld - so die Forderung sowjetischer Fußball-Reformer - müßten die Vereine künftig ihre Spieler und Trainer bezahlen, Fahrt- und Hotelkosten bestreiten, Trainingslager, Öffentlichkeitsarbeit und Prämien finanzieren.

Zur Schließung der zu erwartenden Finanzierungslücken sollen die Klubs Lotterien organisieren, Cafes betreiben, am Verkauf von Fernsehrechten partizipieren, dazu Souvenirs und Sportartikel mit ihrem Emblem verhökern dürfen.

Grundlage aller Zukunftsplanung kann, so der jetzige Nationaltrainer Walerij Lobanowski, auch Coach von Dynamo Kiew, nur die »Gründung von Vereinen sein, die ausschließlich dem Fußball dienen«. In der UdSSR sei man bislang, »anders als in der ganzen Welt«, bei einem »primitiven Konzept geblieben«. Es gebe nur riesige Sportvereinigungen wie Spartak, Dynamo oder Torpedo, in denen Dutzende von Sportarten betrieben würden.

Lobanowskis Dynamo Kiew ist der Entwicklung schon ein Stück voraus. Beim Münchner Hallenfußball-Turnier im Januar und bei ihren jüngsten Auftritten im Europapokal machten die Stars um Igor Belanow, gegen Devisen, Trikotwerbung für den Computer-Hersteller Commodore.

Doch »perestroika«, der Umbau der Gesellschaft, bewirkt mehr. So fällte das sowjetische Sportkomitee die generelle Entscheidung, künftig Spitzenstars und renommierte Trainer im Westen arbeiten zu lassen. Handball-Nationalcoach Anatolij Jewtuschenko und sein Assistent Jurij Klimow trainieren in der nächsten Saison den Bundesligaklub TSV Milbertshofen, voraussichtlich werden sie einen Nationalspieler mitbringen.

Bislang hatten allenfalls drittklassige Altstars - und das auch nur in Ausnahmefällen - Offerten von Profi-Klubs annehmen dürfen. Jetzt erscheint es sogar möglich, daß Kiews Fußballstar Belanow in der nächsten Saison in der spanischen Liga spielen wird. Real Madrids Präsident Ramon Mendoza war schon in Moskau, um Europas »Fußballer des Jahres 1986« loszueisen.

Beim TSV Milbertshofen erhalten die Handball-Gastarbeiter aus der Sowjet-Union ein Taschengeld sowie Wohnung und Auto gratis. Ihr Gehalt wird weiter vom sowjetischen Sportkomitee bezahlt, das mit Milbertshofens Mäzen, dem Minolta-Generalvertreter Ulrich Backeshoff, einen Vertrag über Trikotwerbung schloß.

Die Handball-Teams von Granitas Kaunas und SKA Minsk laufen in ihren Europokal-Spielen Reklame für Backeshoffs japanischen Geschäftspartner Minolta. Das Geld kassiert das Sportkomitee in Moskau.

Eine neue Devisen-Einnahmequelle erschlossen sich auch die sowjetischen Eishockey-Cracks. In Schweden traten sie unlängst mit dem Werbeschriftzug eines Computerherstellers an. Die rund 15000 Dollar Gage wurden sofort investiert - in teure, im Westen produzierte Helme und Stöcke.

Parallel zur Öffnung gen Westen und der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports ist auch Kritik am lange unantastbaren Leistungsprinzip nicht mehr tabu. Das System habe »sowjetische Sportler zu mechanisch funktionierenden Soldaten« gemacht, urteilte die frühere Eisprinzessin Irina Rodnina. Jurij Wlassow, der legendäre Gewichtheber, sagte sogar: Der Staat begehe »ein Verbrechen, wenn wir Kinder in den Leistungssport einbeziehen«.

Mehr persönliche Freiheit und Eigeninitiative, weniger Bevormundung und kollektiver Drill - den reformfreudigen sowjetischen Funktionären geht es auch darum, mit neuen Methoden im Kampf der großen Sportnationen verlorenes Terrain wettzumachen. »Unsere Athleten«, so Schach-Weltmeister Garri Kasparow, »haben in zu vielen Sportarten ihre führende Position verloren.«

Über den Weg zurück zur Weltspitze läßt Gorbatschow-Verehrer Kasparow keinen Zweifel. Einen Grundsatzartikel zur Lage der Sportnation, erschienen in »Moskowskije nowosti«, überschrieb der Champion: »Ich bin für den Profi-Status«.

Am 6. Januar beim Münchner Hallenturnier mit Hostessen undBayern-Präsident Scherer (l.).

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