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BOXEN Gespeicherter Däumling

Hunderte von US-Profiboxern dienen als »menschliches Kanonenfutter«. Sie lassen sich von aufstrebenden Talenten verprügeln - notfalls unter falschem Namen. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Hart angeschlagen taumelte Mike Brown, 23, US-Profiboxer im Junior-Leichtgewicht aus Philadelphia, zur Pause in seine Ecke, wo Erstaunliches geschah. Trainer Leonard Pate beugte sich zu Brown hinab und hielt ein Ohr dicht an dessen Mund. Der Coach, der seine Augen hinter einer dicken Sonnenbrille verborgen hatte, ist seit dem Korea-Krieg blind.

»Er sagt mir, was gelaufen ist«, erklärte Pate seine Arbeitsweise, »und ich sage ihm, was er tun soll. »Erstaunlich, daß sein Kämpfer in vier Profijahren von 20 Fights immerhin fünf gewann.

Browns Kampfrekord gehört noch zu den ansehnlichsten unter 772 Boxern, die wegen »ständig unzureichender Leistungen« eine »Gefahr für sich selbst darstellen und ihren Sport in Mißkredit bringen«, wie die »Philadelphia Daily News« zusammenfaßte.

Der Horror-Report aus dem professionellen US-Boxsport stützt sich auf Computerdaten des Boxexperten Ralph Citro, eines Versicherungsmanagers, der Fakten über 30000 Boxer speicherte. Dabei entdeckte er 301 Boxer, die noch nie einen Kampf gewonnen haben. 365 Kämpfer verloren mindestens jeden zweiten Fight durch K.o., 67 widerfuhr der Knockout bei jedem Auftritt.

Anders als die übrigen Profisportarten in den USA sei »Boxen eine organisatorische Katastrophe«, urteilte Boxexperte Mark Kram. Die US-Bundesstaaten setzten zwar Boxkommissionen ein, die Lizenzen vergeben und entziehen und Veranstaltungen überwachen. Doch untereinander informieren sie sich kaum. Von manchem Boxkampftag erfährt die zuständige Kommission zudem nichts.

So konnte es geschehen, daß etwa der Weltergewichtsboxer Eddie Flannings

aus Georgia, der unter vier verschiedenen Namen antrat, in 13 Tagen fünf Kämpfe in fünf US-Staaten austrug. Er wurde fünfmal ausgezählt. Nach den Regeln hätte er nach dem ersten K.o. eine Schutzsperre von mindestens 30 Tagen einhalten müssen. Sein Kampfrekord weist nun nach 28 Kämpfen 24 Niederlagen auf, 17 davon durch K.o.

Stuart Kirschenbaum, Vorsitzender der Boxkommission in Michigan, nannte die chancenlosen, oft ungeeigneten, schlecht trainierten, teils übergewichtigen Boxer »menschliches Kanonenfutter«. Ihre Gagen erreichen selten 1000 Dollar. Brown boxte sogar schon für 150 Dollar. Doch Arbeitslose oder Randexistenzen riskieren selbst für wenig Geld ihre Gesundheit.

Die Folgen sind weltweit bekannt. Der Bonner Gerichtsmediziner Professor Karl Sellier: »Jeder Boxer muß mit einem dauernden Hirnschaden rechnen.« Der einstige Schwergewichts-Weltmeister Muhammad Ali, selber stark durch Kampffolgen gezeichnet, schlug mit einer Stoßkraft von neun Zentnern. Bei Kopftreffern schwappt das Hirn gegen die Schädelknochen, verursacht oft zumindest eine Gehirnerschütterung, vielfache Wiederholung hinterläßt die sprichwörtliche »weiche Birne«.

Doch Manager suchen ständig Aufbaugegner für Talente, von denen sie sich das große Geld erhoffen. Sie dürfen den aufstrebenden Boxer nicht gefährden sondern sollen dessen Rekord aufputzen helfen. Gern beschäftigen Manager Prügelknaben wie den Junior-Weltergewichtler Sam Lee Youngs. Er verpackt alltags Hamburger und verdient sich im Ring ein Zubrot.

Von 23 Kämpfen seit 1984 gewann Youngs erst vier. »Ich kann eben auswärts nicht gewinnen«, schützt er Fehlurteile vor, »es sei denn durch Knockout.« Aber vor seinen Anhängern darf er nie mehr boxen. Youngs gehört zu 35 Profiboxern, denen die Boxkommission des Bundesstaates New Jersey wegen Erfolglosigkeit und Gefährdung ihrer Gesundheit die Lizenz entzogen hat. Nun kämpft Youngs ("wie ein Soldat im Krieg") in anderen US-Staaten.

Viele Boxer, die im Branchenjargon als »Fallobst« gelten, unterlaufen Schutzsperren, Lizenzentzug und verheerende, geschaftsschädigende Kampfrekorde durch falsche Namen. Auch Schwergewichtler Stanley Johnson aus Milwaukee verlor seine Lizenz - einleuchtend bei einer Bilanz von 16 K.o.-Niederlagen bis zur dritten Runde in 20 Auftritten.

In Arkansas boxte er als Stanley White aus Billings in Montana gegen den Lokalmatador Tex Cobb. Eine Lokalzeitung zeigte sein Bild und kündigte ihn - fälschlich - mit 16 Siegen an. Nach seiner Niederlage vermerkte die »Northwest Arkansas Times«, wie »enttäuscht und aufgebracht« das Publikum gewesen sei. Die Arkansas-Boxkommission wußte nichts vom Kampf. »Wenn es nötig gewesen wäre«, so Johnson, »hätte ich mich für Tom Däumling ausgegeben.«

Boxkommissar J. W. Steinsieck klagte später: »Boxer haben mehr verschiedene Namen als eine Popcorntüte Körner.«

Bislang galt »The Ring Record Book« als Statistik-Bibel der Boxbranche. Doch Citros Nachforschungen untergruben den Ruf des Ring-Buches, das sich überwiegend auf Angaben der Manager und Veranstalter stützt. Citro dagegen speicherte alle Daten, die er aus Medien erfuhr und bei anderen Boxkommissionen abfragte. Dabei stieß er auf die Aushöhlung der gültigen Regeln.

»Ich sehe kaum noch in das Ring Book«, versicherte Kirschenbaum nun. »Wenn ich alles über einen Leichtgewichtler aus New Mexico erfahren möchte, frage ich Citro.« Doug Beavers von der Boxkommission in Virginia bescheinigte Citro, er habe »wahrscheinlich mehr Leben gerettet, als es zehn Kommissionen je könnten«. _(Nach einem Kampf im November ) _(zusammengebrochen in der Umkleidekabine. )

Nach einem Kampf im November zusammengebrochen in derUmkleidekabine.

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