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Olympia GEWALTIGE STIMMUNG

Die Berliner Olympiagegner wollen bis zum Wahlgang in Monte Carlo mit allen Mitteln gegen die Spiele in der deutschen Hauptstadt kämpfen. Autonome planen Attacken auf IOC-Mitglieder in Monaco, militante Gruppen bereiten neue Brandanschläge gegen Sponsoren in Berlin vor.
aus DER SPIEGEL 37/1993

Wenn sich die 91 Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach Monte Carlo aufmachen, um dort am 23. September den Austragungsort der Olympischen Spiele 2000 zu bestimmen, haben sie noch ein letztes Mal Post aus Berlin erhalten. Aufmachung und Ausstattung der Broschüre erinnern an die vielen Hochglanz-Schriften, in denen sich die deutsche Hauptstadt als idealer Partner preist. Nur der Titel verheißt nichts Gutes: »Berlin 2000 NOlympic City«.

Das Heft dokumentiert den radikalen Protest gegen die Spiele in Berlin. Eine herausklappbare Stadtkarte illustriert die Chronik aller Anschläge und Protestaktionen. Die Signets ähneln Olympiapiktogrammen, die in offiziellen Plänen die Stadien der einzelnen Sportarten markieren. Doch hier stehen sie für Demos, Brandsätze, eingeschlagene Schaufensterscheiben oder angezündete Autos. Dann heißt es drohend: »Auch die Anti-Olympia-Stimmung im Jahre 2000 wird gewaltig sein.«

Die Berliner Botschaft ist Teil einer Dreifachstrategie. Die Berliner Anti-Olympia-Koordination um Bündnis 90/Grüne und Jusos versucht mit Symposien und Demonstrationen die Bevölkerung zu überzeugen, daß Olympia »nicht leistbar ist«.

Gleichzeitig verschärft das Anti-Olympia-Komitee (AOK) aus der Autonomen Szene seine Drohgebärde gegenüber den IOC-Mitgliedern. Schließlich wollen gewaltbereite Gruppen, die »militanten Olympiagegner«, mit neuen Brandsätzen »ein Bild der Stadt im Widerstand« zeichnen.

Der Senat, glaubt der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer, habe mit seiner Ignoranz gegenüber den Argumenten der friedlichen Spielegegner die Gewalt mitprovoziert (siehe Seite 206). Ähnlich wie in den achtziger Jahren die Auseinandersetzung der radikalen Jugend mit dem Berliner Senat in den Kämpfen um besetzte Häuser eskalierte, ist nun Olympia das Reizthema.

Die deutsche Einheit, sagt ein AOK-Aktivist, »haben wir schlicht verpennt«. Auch die Stadtplanungen am Potsdamer Platz und beim Regierungsumzug kümmern kaum, »da sind wir isoliert, da verpuffen unsere Anschläge«. Aber im Kampf gegen die Spiele sehen Sprecher der Militanten - sie sind maskiert, nennen sich »Angelika« und »Rüdiger« und sind erst nach einer Schnitzeljagd durch die Stadt zum Gespräch bereit - schon ein »einzigartiges Beispiel für das erfolgreiche Zusammenwirken von öffentlichen Aktionen und Militanz«.

Auch in Zukunft, kündigt Angelika an, werde in erster Linie »die Clique der Sponsoren« angegriffen, die Aktionen würden »in der Bandbreite der bisherigen Anschläge« liegen. Gewalt gegen Personen wird weiter ausgeschlossen - mit Ausnahme der gegen IOC-Mitglieder. Schon im April sei man »ganz nah an den Herren dran« gewesen. Nur der Zufall habe verhindert, daß es »keine Backpfeifen oder mehr gesetzt hat«.

Auch in Monte Carlo sollen sich die Olympier nicht sicher fühlen. AOK-Aktivisten, die im Juni bei der Einweihung des Olympischen Museums IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch mit einem Farbbeutel nur knapp verfehlten, planen ihren Einsatz im Fürstentum.

Weil in Lausanne die meisten der 28 Angereisten von der Polizei frühzeitig festgenommen worden waren, wollen sich die NOlympier diesmal tarnen. Einige Sympathisanten, sagt ein Sprecher, hätten sich »mit feinen Anzügen versorgt«, um sich als Trojanische Pferde unter die Delegation der Berliner Olympiafreunde mischen zu können.

Die Sonderkommission Olympia des Berliner Staatsschutzes hat zwar 217 vermeintliche Gegner per Computer registriert. Doch bei 60 Anschlägen, behauptet Rüdiger, sei »von uns direkt noch niemand« festgenommen worden.

Der Wunsch der Berliner Polizei nach besonderen Vorsichtsmaßnahmen ist bei den französischen Kollegen auf wenig Gegenliebe gestoßen: Es würden »normale Vorkehrungen« genügen. Verzagt bittet Peter Hanisch, der Sicherheitsbeauftragte der Olympia 2000 GmbH: »Halten Sie uns die Daumen.«

»Schon ein Ei«, hat der Schweizer Olympier Marc Hodler gewarnt, könne für Berlin das Aus bedeuten. Rüdiger, der im IOC »lauter Angsthasen« ausgemacht hat, »die vor unseren Anschlägen richtig Schiß haben«, glaubt deshalb an einen schnellen Erfolg: »Wenn die erst so sehr eingeschüchtert sind, daß sie wie zuletzt Samaranch nur noch über die Stadt hinwegfliegen, haben wir unser Ziel erreicht.«

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