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PFERDE DOPING Gift im Rennstall

aus DER SPIEGEL 11/1952

Reporter brachten in der vergangenen Woche aus dem unfreundlichen Häuserblock im Süden Londons, nahe der Westminster-Bridge, den die Engländer den »Yard« nennen und der unter dem Namen »Scotland Yard« Symbol für erfolgreiche Kriminalistik ist, dieselbe enttäuschende Nachricht, die dem Nationalstolz des braven Insulaners immer wieder neue Killer-Hiebe versetzt: Die Detektive sind der Spur der Sportgangster, die am 31. Oktober des vergangenen Jahres den Rennstallfavoriten Snap erfolgreich mit Narkotika auf Niederlage »gedopt« hatten*), um keinen Deut näher gekommen.

Snap, eines der sieggewohnten Pferde aus dem Stall Lord Roseberys, des »Senior Steward« im britischen Jockey-Club, der unter dem unmittelbaren Patronat der Krone steht, war an diesem 31. Oktober wie ein Gemeindehengst nach der Deck-Saison über die Distanz gehoppelt und mit den »ferner liefen«-Gäulen durchs Ziel gegangen.

Pferde-Lord Rosebery ließ sofort eine Speichel- und Schweißprobe Snaps von der Dope-Test-Chemikerin des Clubs, Mrs. Lilian Mundy, analysieren. Das Ergebnis der Untersuchung bestätigte den Verdacht des Lords und all derer, die Snap für eine sichere Wette hielten. Dem Pferd war vor dem Start ein Narkotikum eingegeben worden, das die Muskelfunktionen reduziert. Snap war, wie es im Doper-Latein heißt, »gestoppt« worden.

Obwohl das Dopen eines Pferdes in den Augen jedes Briten ein Sakrileg ist, hätte dieser Vorfall die Gemüter nicht über die Maßen strapaziert, denn durch harte Gesetze ist in England das Doping seit Jahren auf Einzelfälle heruntergedrückt. Stellt sich nach einem Rennen heraus, daß ein Pferd gedopt war, wird dem Jockey sofort die Lizenz entzogen.

Aber erst wenige Wochen vorher war ein anderes Erfolgspferd wie eine trächtige Kuh über die Bahn von Ascot, das Mekka des Turf, gewabbelt. Und jetzt kamen jeden Tag neue Meldungen über profitable Schachzüge trüber Rennplatz-Existenzen.

*) Durch den Ausfall eines hoch gewetteten Favoriten steigen die Quoten von Spekulations-Wetten, die in Vorkenntnis des Ausfalls abgeschlossen worden sind. Was den biederen Briten empörte, lastete der Hocharistokratie als richtige Existenzangst auf der Seele. Denn seit langem schon finanzieren diese Sprosse ehemaliger Feudalherren ihr Leben aus den Einkünften ihrer Rennställe.

Lord Rosebery setzte für die Ergreifung der Täter 12 000 DM aus. Der konservative Daily Express schloß sich mit weiteren 12 000 DM an, eine Summe, die er seit seiner Gründung im Jahre 1900 nur einmal ausgeworfen hat: im Sommer 1951 zur Ermittlung der Hintergründe des Verschwindens der Diplomaten McLean und Burgess. Der Renn-Skandal verdrängte die große Politik aus den Schlagzeilen.

Die Rennplatz-Gangster verdanken ihre Existenz der Achillesferse des Pferde-Rennsports, die ihn gefährdet, aber ihn auch erst möglich macht. Das ist die Wette.

Ohne die Aussicht auf einen deftigen Wettgewinn sind die finanziellen Lasten und Risiken, die mit einem Rennstall verbunden sind, einfach nicht tragbar.

Als die Masse den Nervenkitzel der Wette für sich entdeckte und das Pferderennen aus seinem aristokratischen Reservat ausbrach, wurde die Wette zur Existenzgrundlage für ein ganz neues Gewerbe: die sogenannten Buchmacher, die über die Insel verstreut, Wetten als Privatgeschäft abschlossen. Aus dieser Zeit datieren die ersten Versuche, den Zufall durch direkte Eingriffe zu eliminieren.

Diese ersten Versuche, das Wettglück zu beeinflussen, waren harmlos. Ein unwilliger Gaul wurde mit einer Flasche Schampus oder einem kräftigen Schluck Whisky hochgebracht. Später fand man heraus, daß Bilsenkraut und Tollkirschen in kleinen Dosen das Temperament schäumen ließen.

Aber auch das Gegenteil läßt sich erreichen: ein rassiges Rennpferd wird durch Opium und andere Narkotika zu einem schlabbrigen Gaul, der auf Lockungen und Drohungen seines Jockeys mit einem gleich trüben Augenaufschlag antwortet.

Heute arbeiten die Wettbetrüger mit den Erkenntnissen und Mitteln der modernen Wissenschaften. Nur ganz ungediente Greenhörner dopen ein Pferd mit leicht nachweisbaren Narkotika und Drogen. Das Mittel ist Cortison, ein Hormon der Nebennierenrinde, das, als Pille oder Injektion zugeführt, die Muskelfunktionen des Pferdes übersteigert. Ein Nachweis ist sehr schwierig, da auch die Nebennierenrinde des Pferdes Cortison produziert.

Dieses Cortison wird aus Amerika nach England eingeschmuggelt. Dort wird es nicht mehr gebraucht, da das Dopen aus der Mode gekommen ist, seit ein stämmiger, kraushaariger Beamter der US-Kriminalpolizei,

Spencer Drayton, ein Großreinemachen im Rennsport durchführte.

Dafür hat man in den Staaten ein moderneres, für den Wettbetrug geradezu prädestiniertes Gerät in die Bandenstrategie eingebaut: den walkie-talkie. Der walkie-talkie ist eine Kleinst-Sende- und Höranlage, die sich wie ein Kofferradio unter dem Arm bequem tragen läßt.

Das Betrugsmanöver selbst ist stricheinfach. Nur ein Angehöriger des Gangs ist beim Rennen. Noch ehe die »Sweet Lorrain« in Arcadia, Californien, das Siegesband ganz durchlaufen hat, spricht er ihren Sieg in ein Mikrofon, das wie eine Armbanduhr um das Handgelenk getragen wird. Sofort setzt er ein ganzes Netz illegaler Klein-Stationen in Bewegung, die die Meldung schneller als der lizenzierte Nachrichtendienst über den ganzen Kontinent verbreiten.

Ehe die Buchmacher die offiziellen Ergebnisse in den Händen haben, kennen die Wettgauner die Ergebnisse und schließen hohe Wetten ab. Sie haben bis jetzt den Kampf mit der Zeit immer gewonnen, denn das weitverzweigte System des Continental-Press-Service arbeitet ganz naturgemäß viel langsamer.

Wie die US-Bundes-Kriminalpolizei hinter den Radio-Gangs, jagt jetzt der Yard hinter den Dope-Racketeers her:

Was er bis jetzt feststellen konnte, ist in den Vereinigten Staaten bereits binsenwahr: Die Gangs bestehen aus ehemaligen Einbrechern und Räubern, denen das nächtliche Fassadenklettern in den Vierteln der Society und die knalligen Ueberfälle auf Banken zu unbequem geworden sind. Die hohen Strafen haben ihre abschreckende Wirkung bewiesen; die Kriminellen wandten sich Beschäftigungen zu, die weniger riskant und noch viel ertragsreicher sind.

Diese Entwicklung hat einen Gentleman-Verbrechertyp geschaffen, der seine Raubzüge im Cut und gestreifter Hose ausführt.

Ueber die Methodik, solche Gangs zur Strecke zu bringen, weiß man nicht viel mehr, als daß es »sehr, sehr schwierig« und bis jetzt noch nie gelungen ist. Ein an der Fahndung beteiligter Yard-Mann bestätigte die Erkenntnis eines amerikanischen Kollegen: »Wir können wohl ein Glied aus der Kette heraussprengen, der große Schlag wird uns aber nicht gelingen.«

Dazu sind die Verbrecherorganisationen in ihrem Aufbau viel zu diffizil. Sie reichen über den kleinen Doper, der sich in die Ställe schleicht und den Pferden Pillen oder Spritzen verabreicht - oder die Jockeys und Pfleger besticht - , über die Buchmacher zu den Großen im Hintergrund. Einer von ihnen hat nach der Schätzung von John Walsh, einem vom Jockey-Klub beschäftigten Privatdetektiv, in den letzten drei Jahren persönlich über 11/2 Millionen DM einkassiert.

Die Kanonen des englischen Jockey-Verbandes wollen sich aber mit solch deprimierenden Perspektiven nicht zufrieden geben.

Sie verlangen eine rigorose Verschärfung der Regeln, eine ständige Ueberwachung der Pferde und harte, abschreckende Maßnahmen für aufgegriffene Doper.

Einige wollen sogar den Buchmachern die Luft abdrehen. Sie wollen das Buchmachergeschäft durch das in Frankreich mit Erfolg eingeführte Toto-System, das nur Wetten auf dem Rennplatz zuläßt, ersetzen.

Nur einem flößte das Doping-Gespenst von Ascot keine Furcht ein: Aga Khan. Der Skandal bot ihm einen willkommenen Vorwand, seine Pferde aus England zu holen. Aga Khan, der der Welt größten Rennstall besitzt, ist persischer Staatsangehöriger.

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