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Ging nicht vor die Hunde

aus DER SPIEGEL 27/1960

Just dem Enfant terrible der deutschen Leichtathletik, dem 23jährigen saarländischen Feinmechaniker Armin Hary, blieb es vorbehalten, am Dienstagabend vergangener Woche »die denkwürdigste Bestleistung in der Geschichte des deutschen Sports« (so »Bild") zu vollbringen. Auf der wegen ihrer windgeschützten Lage und besonders griffigen Beschaffenheit bekannten Lauf-Piste im Stadion von Zürich trommelte Hary die 100-Meter-Distanz in der neuen Weltrekordzeit* von 10,0 Sekunden herunter und erreichte damit laut »Welt« eine »Traumgrenze«.

Auch die Züricher Rekord-Vorstellung des schnellen Armin war indes nicht frei von Verdruß und Komplikationen, jenen unerfreulichen Umständen, die von jeher die Karriere des wegen seines raketenartigen Startvermögens von allen Gegnern gefürchteten 100-Meter-Europameisters kennzeichneten.

In Zürich sah sich Rary nämlich aufgrund einer Fehlleistung des Kampfgerichts gezwungen, innerhalb von 50 Minuten gleich zwei 100-Meter-Läufe auszutragen. Nach dem ersten, offiziell mit 10,0 Sekunden gestoppten Lauf mußte Hary erkennen, daß seine wilden Freudentänze verfrüht waren.

Das Schiedsgericht erklärte den Lauf für irregulär, da Hary mit einem sogenannten Frühstart losgestürmt sei. Es traf damit eine Entscheidung, die ihm gar nicht zustand: Nach der Wettkampfordnung darf nämlich allein der Starter einen Start annullieren.

Hary begriff schnell genug, daß die Kampfrichter von Zürich offenkundig mit den Wettkampf-Bestimmungen nicht vollends vertraut waren. Er protestierte gegen den Entscheid. Da der Protest abgewiesen wurde, konnte sich das Kampfgericht schwerlich dem Begehren Harys verschließen, das wegen Fehlstarts annullierte Rennen zu wiederholen. Unter der Pistole eines neuen Starters kauerte sich Hary zum zweitenmal in die Startblöcke und lief zum zweitenmal 10,0 Sekunden. Diesmal gab es keinen Einwand des Schiedsgerichts.

Im Gegensatz zum Schiedsgericht vertrat freilich ein Experte wie Dr. Max Danz, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), die Ansicht, daß schon der erste Hary-Sprint ein Weltrekord war. Argumentierte Danz: »Kein Schiedsgericht der Welt hat das Recht, den Starter zu korrigieren.« Es habe mithin eine Fehlentscheidung des Schiedsgerichts vorgelegen, und der Lauf müsse als Weltrekord anerkannt werden. Zweifelhaft ist nach Dr. Danz hingegen, ob der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) den zweiten Lauf als Weltrekord anerkennt.

Gerade diesen zweiten Lauf aber wollen die Züricher Zeitnehmer und der (zweite) Starter der IAAF offiziell als neuen Weltrekord melden. Die Anerkennung des Laufs als Rekord hängt entscheidend von der Frage ab, ob nachgewiesen werden kann, daß es notwendig war, den ersten Lauf zu wiederholen: Der Starter des ersten Laufs räumte nämlich erst auf Drängen des Schiedsgerichts ein, daß Hary zu früh losgespurtet war. Falls die IAAF den zweiten Lauf aus Formalgründen nicht als offizielle Wiederholung des ersten Rennens akzeptiert, hat Hary seine Bauch- und Beinmuskeln in Zürich vergebens strapaziert.

Dem Blitzstarter Hary ist allerdings nicht neu, daß die von ihm erzielten Höchstleistungen besonders pedantisch geprüft werden. Schon einmal - am 6. September 1958 - war er verfrüht als Traum-Grenzgänger der Athletik gefeiert worden. Damals lief er ebenfalls 10,0 Sekunden. Er wurde jedoch gar nicht erst bei der IAAF als Weltrekordläufer angemeldet, weil die von ihm benutzte Bahn in Friedrichshafen mit einem Gefälle von 1,1 Promille das zulässige Maß um 0,1 Promille - einen Zentimeter auf 100 Meter - überstieg.

Der Lauf von Friedrichshafen genügte der internationalen Presse jedoch, Hary wegen seiner ungewöhnlichen Startkraft als »physiologisches Wunder« (so der-schweizerische »Sport") und Europas größte Sprinter-Hoffnung zu feiern. Das war ohne Zweifel berechtigt. Allein, die Lobeshymnen lösten bei Hary, dem der »Sport« ein »Teenager- Gemüt« attestierte, ungünstige Reaktionen aus (SPIEGEL 35/1959). Er entwickelte sich in der deutschen Leichtathletik - National - Mannschaft zum Enfant terrible, das entgegen den Wünschen des DLV zum Beispiel bei Staffel-Rennen das ihm aufgetragene Kurvenlaufen störrisch ablehnte und wegen seines forschen Auftretens derart zur Zielscheibe des Kameradenspotts wurde, daß Hary bekümmert klagte: »Alle sind gegen mich.«

In Harys derzeitigem Verein, »Bayer Leverkusen 04«, herrschte darüber Verärgerung, daß Hary sein sportliches Streben einschränkte und Verletzungen vorschützte, die er sich laut Dr. Danz nur einbildete, und außerdem auf amouröse Pfade abirrte. Mit einer vierwöchigen Startsperre suchte der Klub seinen Sprinter-Star im August 1959 zur Räson zu bringen. Doch Hary entzog, sich der Strafe, indem er eine Einladung zu einem längeren USA-Aufenthalt annahm. Knurrte der Leverkusener Hary - Trainer Sumser damals: »Entweder wird er drüben ein ganzer Kerl oder er geht vor die Hunde.«

Nach den Züricher Zehn-Sekunden-Sprints Harys konnte Sumser der Tagespresse entnehmen, daß Hary in den USA wohl nicht vor die Hunde gegangen ist, sondern sich jetzt vielmehr auch bei seinen Kameraden in der deutschen Olympiamannschaft der Wertschätzung erfreut, die er sich immer gewünscht hat. Tönte Hürden-Weltrekordläufer Martin Lauer, der einst Hary am eifrigsten gefoppt hatte, über die Zweifel an dem Züricher Zehn-Sekunden-Lauf: »Wer an diesem Lauf etwas auszusetzen hat, dem werde ich den Kopf abreißen.«

Dieser Gefahr hat sich »Welt«-Sportredakteur Fritz Wirth ausgesetzt, denn er schrieb - ohne die von Hary in Zürich erzielte Geschwindigkeit von 36 Kilometern in der Stunde anzuzweifeln -, Hary sei der »schnellste Mann der Welt auf der schnellsten Aschenbahn der Welt...«, doch möge man nicht »allzu heftig vom 'schnellsten Mann der Welt'... sprechen, solange (die amerikanischen Sprinter) Tidwell, Sime und Ponyter noch nicht auf der Züricher Wunderbahn gelaufen sind«.

* Der 100-Meter-Weltrekord stand bisher auf 10,1 Sekunden und wurde von den Amerikanern Williams (1956), Murchison (1956), King (1956), Norton (1959) und Tidwell (1960) gehalten.

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